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Gefahr für Körper und Seele
Panorama 5 Min. 29.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Kinderpsychologie

Gefahr für Körper und Seele

Die Art und Weise wie Eltern sich trennen hat einen großen Einfluss auf das Wohl der Kinder.
Kinderpsychologie

Gefahr für Körper und Seele

Die Art und Weise wie Eltern sich trennen hat einen großen Einfluss auf das Wohl der Kinder.
Foto: Shutterstock
Panorama 5 Min. 29.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Kinderpsychologie

Gefahr für Körper und Seele

Manon KRAMP
Manon KRAMP
Eine rezente Studie der Universität Luxemburg erforscht die Folgen von frühkindlicher Trennung und Adoption. Sie können das Seelenleben und die Gesundheit von Kindern nachhaltig beeinflussen.

Interview von Birgit Pfaus-Ravida

Trennungen in der frühkindlichen Phase und Adoptionen können das Seelenleben und die Gesundheit von Kindern nachhaltig beeinflussen. Das hat eine Studie der Universität Luxemburg nachgewiesen. Ein Gespräch mit dem federführenden Psychologen Claus Vögele.

Inwiefern sind die Scheidungs- und Trennungsraten in Luxemburg in den letzten 30 Jahren gestiegen?

1960 lag die Scheidungsrate in Luxemburg bei 6,8 Prozent, im Jahr 2000 bei 48 und 2011 sogar bei 75 Prozent. Die mittlere Scheidungsrate lag 2000 bis 2010 bei 54 Prozent. Über die Hälfte aller Ehen werden demnach geschieden.

Wie wirkt sich eine Trennung der Eltern auf die Kinder aus?

Wenn man über Trennung spricht, ist es auch sehr wichtig, über Bindung zu sprechen. Viele Studienergebnisse zeigen, dass Konflikte innerhalb einer Familie zu einer unsicheren Bindung führen. Eine elterliche Scheidung kann negative Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit des Kindes haben. Wie wir in einer neueren Studie nachweisen konnten, kann die Erfahrung einer elterlichen Trennung im Kindesalter zu einer erhöhten Zurückweisungssensibilität führen. Die möglichen Folgen sind beispielsweise eine erhöhte Unsicherheit, Ängstlichkeit oder Aggressionen in sozialen Situationen sowie sozialer Rückzug.

Was weist Ihre Studie wissenschaftlich nach, das vorher nicht bekannt war?

In unserer aktuellen Studie untersuchen wir, wie sich eine Scheidung in der Kindheit auf die Stressverarbeitung und die persönliche Entwicklung und das Wohlbefinden auswirkt. Wir konnten bereits in einer Vorstudie herausfinden, dass frühkindliche Trennungserfahrungen mit einer höheren psychischen Belastung im späteren Lebensalter in Beziehung stehen, wie Angst und Depression. In dieser Studie untersuchen wir, ob sich die Körperwahrnehmung, das heißt, wie gut wir unsere körperlichen Vorgänge spüren können, durch frühkindlichen Stress wie eine Trennungserfahrung verändert. Die Körperwahrnehmung ist bei vielen Krankheitsmodellen ein Schlüsselfaktor, der mit verschiedenen Erkrankungen in Beziehung gebracht wurde.

Gibt es körperliche Auswirkungen?

Elterliche Trennung hat nicht nur einen negativen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden, sondern außerdem auch Langzeitfolgen für die physische Gesundheit des Kindes. Scheidungskinder berichteten im Vergleich zu Kindern aus intakten Familien vermehrt von körperlichen Symptomen. Außerdem weisen Kinder mittleren Alters aus Familien, welche sich in frühem Kindesalter getrennt haben, erhöhte akute sowie chronische Gesundheitsprobleme auf. Allerdings haben nur als negativ und konfliktreich empfundene Scheidungen diese negativen Auswirkungen.

Was passiert im Gehirn, wenn Kinder einer Trennungssituation ausgesetzt werden?

Sozialer Ausschluss kann die Aktivität in mehreren Bereichen des Gehirns verändern. Die betroffenen Gehirnareale sind zum Beispiel für das Arbeitsgedächtnis, die Selbstkontrolle und die Leistungsfähigkeit wichtig. Zusätzlich verändert sich durch Stress und soziale Zurückweisung auch die Hormonausschüttung.

Was beeinflusst Kinder mehr: Wenn sich Eltern in deren Kleinkindalter trennen oder später? In der Pubertät beispielsweise?

Je älter die Kinder zum Zeitpunkt der Scheidung, desto höher war auch das spätere Selbstbewusstsein im Vergleich zu jenen, die bereits zu einem früheren Zeitpunkt die Erfahrung der elterlichen Trennung erlebt haben. Kinder, die eine Trennung der Eltern in jungen Jahren erleben, geben sich selbst häufiger die Schuld für die Konflikte der Eltern. Wichtig ist aber hauptsächlich, wie die Trennung der Eltern gestaltet wird und wie viele Konflikte zu Hause vorherrschen. Wenn das Familienleben vorher nur durch Konflikte geprägt ist, kann eine elterliche Trennung auch eine Erleichterung für das Kind darstellen.

Was ist schlimmer für Kinder – wenn Eltern sich trennen oder wenn sie wegen der Kinder zusammenbleiben und es ständig Streit gibt?

Ständiger Streit in der Familie bedeutet dauerhaften Stress für das Kind und kann sehr schädlich für dessen Entwicklung und Wohlergehen sein. Es ist sicher keine Lösung, zusammenzubleiben und ständig Konflikte vor dem Kind auszutragen. Dauerhafter Streit ist Gift für die gesunde Entwicklung des Kindes und sicher keine Alternative zu einer Trennung.

Eine andere Art der Trennungstraumata ist eine Adoption – weg von bisherigen hin zu neuen Bezugspersonen. Was müssen Kinder dabei verarbeiten?

Kinder müssen einige Trennungen bis zum Zeitpunkt der Adoption durchleben. Nicht nur die Trennung von den leiblichen Eltern, sondern auch ein Aufenthalt in einer Heiminstitution, bei dem Kinder je nach Herkunftsland häufig unter emotionaler Vernachlässigung leiden, löst starke soziale Verunsicherung aus und vermittelt das Gefühl, die Welt sei unsicher, gefährlich und unberechenbar. Die heilsame Aufnahme in eine neue Familie ist dabei für das Kind eine große Herausforderung. Es muss lernen, sich langsam wieder zu öffnen, und sich selbst, der Umwelt und den Adoptiveltern zu vertrauen. Wenn das Kind international adoptiert wurde, kommt dazu, dass es vielleicht anders aussieht als die anderen Kinder in der Schule und deshalb gehänselt wird. Zusätzlich muss es sich in eine ganz neue Kultur einfinden.

Derzeit suchen Alessandro Decarli (l.) und Violetta Schaan noch nach Teilnehmern für ihre Studie.
Derzeit suchen Alessandro Decarli (l.) und Violetta Schaan noch nach Teilnehmern für ihre Studie.
Foto: Uni Luxemburg

Welche Ergebnisse von Studien der Universitäten Luxemburg und Trier sowie des Luxembourg Institute of Health sind hierbei hervorzuheben?

Die derzeitigen Ergebnisse unserer Studie weisen darauf hin, dass Adoptierte im Vergleich zu jungen Erwachsenen, die nicht adoptiert wurden, verstärkt psychischen Belastungen im Erwachsenenalter ausgesetzt sind. Dazu gehört beispielsweise ein höheres Risiko unter depressiven Symptomen zu leiden und mehr Stress im Alltag zu erleben. Ein wichtiger Befund ist aber umgekehrt, dass sich keine Unterschiede im Bezug zum Wohlbefinden mit den Eltern und Adoptiveltern zeigten. Die Anzahl der berichteten Konflikte in Adoptivfamilien war mit denen aus Kontrollfamilien vergleichbar. Die gefundenen Unterschiede im psychischen Belastungsniveau sind daher mit den frühkindlichen Erfahrungen vor der Adoption zu erklären, etwa die Trennung von den leiblichen Eltern, traumatische Erfahrungen, die eventuell zur Adoption geführt haben, sowie Aufenthalte in Kinderheimen bis zur Adoption.

Wie werden Trennung und physische Gewalt erlebt?

Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass psychischer Schmerz, wie Zurückweisung, und physischer Schmerz in denselben Gehirnarealen verarbeitet werden und als gleich schlimm erlebt werden können. Eine Trennung kann jedoch, wenn sie gut von den Eltern geregelt wird, auch ohne weiterführende Konsequenzen für das Kind gelöst werden.

  • Für die Studie der Universität Luxemburg werden noch Teilnehmer gesucht. Kontakt: alessandro.decarli@uni.lu und violetta.schaan@uni.lu

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