Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Keks-Erbin lässt Geschichte der Bahlsen-Zwangsarbeiter aufarbeiten
Panorama 2 Min. 17.05.2019

Keks-Erbin lässt Geschichte der Bahlsen-Zwangsarbeiter aufarbeiten

Verena Bahlsen, die Urenkelin des Gründers der Keks-Fabrik Bahlsen, hat mit Äußerungen zum Umgang des gleichnamigen Keks-Imperiums mit Zwangsarbeitern eine deutschlandweite Debatte entfacht.

Keks-Erbin lässt Geschichte der Bahlsen-Zwangsarbeiter aufarbeiten

Verena Bahlsen, die Urenkelin des Gründers der Keks-Fabrik Bahlsen, hat mit Äußerungen zum Umgang des gleichnamigen Keks-Imperiums mit Zwangsarbeitern eine deutschlandweite Debatte entfacht.
Foto: Monika Skolimowska/ZB/dpa
Panorama 2 Min. 17.05.2019

Keks-Erbin lässt Geschichte der Bahlsen-Zwangsarbeiter aufarbeiten

Verena Bahlsen, Erbin des gleichnamigen Keks-Imperiums, hatte Kritik auf sich gezogen, nachdem sie sich verharmlosend zur NS-Vergangenheit der Firma äußerte.

(dpa/SC) - Die 25-jährige Keks-Fabrikantin erklärte Kritikern vor kurzem, die Firma, die im "Dritten Reich" NS-Zwangsarbeiter beschäftigte, hätte sich "nichts zuschulden kommen lassen". "Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt", sagte sie der "Bild"-Zeitung.


Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst im Juli 1942. Die Studenten waren Mitglieder der "Wei§en Rose", die 1942/43 in MŸnchen und anderen deutschen StŠdten zum Widerstand gegen Hitler aufrief
"Wir schweigen nicht!"
Sie gehören zu den bekanntesten Widerstandskämpfern der Nazi-Zeit: Mit Flugblättern und Anti-Hitler-Parolen wehrten sich die Geschwister Hans und Sophie Scholl gegen das NS-Regime. Dafür mussten die Studenten vor 75 Jahren mit ihrem Leben bezahlen.

Ausgangspunkt dieses Kommentars waren Äußerungen einiger Kritiker, der wirtschaftliche Erfolg der Keks-Firma basiere unter anderem auf der Ausbeutung von NS-Zwangsarbeitern, von denen während des Zweiten Weltkriegs rund 250 bei Bahlsen beschäftigt waren.

Die Erbin berief sich als Gegenargument auf eine im Jahr 2000 abgewiesene Klage gegen den Keks-Giganten. Damals hatten rund 60 Kläger aus Osteuropa mehr als 500.000 Euro als Entschädigung von Bahlsen verlangt. Das Gericht sah die Forderungen allerdings als verjährt an.

Verena Bahlsen hatte der «Bild»-Zeitung gesagt: "Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt."
Verena Bahlsen hatte der «Bild»-Zeitung gesagt: "Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt."
Foto: Monika Skolimowska/ZB/dpa

Die Argumentation der Erbin sorgte für Empörung in den Medien, viele warfen ihr Geschichtsvergessenheit vor. Selbst international renommierte Medien, wie zum Beispiel die "New York Times", haben die Geschichte inzwischen aufgegriffen.

Geschichtliche Aufarbeitung

Nun ziehen der Kekshersteller Bahlsen und die Eigentümerfamilie Konsequenzen aus den aktuellen Diskussionen um die Behandlung der Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg und lassen deren Rolle wissenschaftlich aufarbeiten. Der Göttinger Professor Manfred Grieger sei beauftragt, dazu ein unabhängiges Expertengremium zusammenzustellen, teilte die in Hannover ansässige Gruppe am Donnerstag in einer Erklärung mit.

Bahlsen wies zudem darauf hin, dass bereits in den 1990er Jahren Wissenschaftler der Universität Hannover für ein Forschungsprojekt die Belegschaftsgeschichte der Firma beleuchtet hätten. Dazu hatten sie auch Zugang zu den Firmenarchiven.

Mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus heißt es in der Unternehmens-Erklärung: „Das Expertengremium soll jetzt besonders dieses Kapitel der Firmengeschichte noch genauer aufarbeiten und die damalige Entwicklung des Familienunternehmens in seinen Zusammenhängen darstellen.“


Die als "Nazi-Jägerin" bekannte Deutsch-Französin Beate Klarsfeld steht in ihrem Büro. Im Hintergrund hängt ein Zeitungsbericht über ihre Aktion gegen den damaligen deutschen Bundeskanzler Kiesinger.
Beate Klarsfeld: Die "Nazi-Jägerin" wird 80
Am Mittwoch feiert Beate Klarsfeld ihren 80. Geburtstag. Berühmt wurde sie durch ihre Ohrfeige des deutschen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger im Jahr 1968.

Erst am Vortag hatte sich Unternehmenserbin Verena Bahlsen für ihre Äußerungen zu Zwangsarbeitern bei dem Keks-Hersteller entschuldigt. In einer Erklärung sprach sie von unbedachten Äußerungen sowie einem Fehler: "Als Nachfolgegeneration haben wir Verantwortung für unsere Geschichte; ich entschuldige mich ausdrücklich bei all denen, deren Gefühle ich verletzt habe."

Familie Bahlsen "tiefer in das NS-Regime verstrickt als bislang bekannt"

Wie der Spiegel am Freitag berichtete, haben Reporter des Hauses bereits eigene Recherchen eingeleitet. Laut Spiegel sei die Familie Bahlsen in der Nazizeit "tiefer in das NS-Regime verstrickt als bislang bekannt". Die Brüder Hans, Klaus und Werner Bahlsen, allesamt Vorstandsmitglieder der Frima, seien Mitglieder der NSDAP gewesen.

Der goldene Schriftzug "Leibniz Keks" hängt am Stammhaus des Gebäckherstellers Bahlsen.
Der goldene Schriftzug "Leibniz Keks" hängt am Stammhaus des Gebäckherstellers Bahlsen.
Foto: Jochen Lübke/dpa

Der älteste Bruder Hans sei der nationalsozialistischen Partei am 1. Mai 1933 beigetreten. Am gleichen Tag wurde er ein Mitglied der SS und wurde in Dokumenten als Mitglied einer SS-Motorstandarte aufgeführt. Hans Bahlsen trat 1934 wieder aus der SS aus, angeblich weil ihm dort befohlen worden war, aus der Kirche auszutreten. Trotzdem waren die Bahlsen-Brüder noch bis 1935 als Fördermitglieder der SS aufgeführt und unterstützten den militärischen Verband finanziell.

Hans Bahlsen wurde nach dem Krieg im Zuge der Entnazifizierung als Mittäter eingestuft. Die beiden jüngeren Bahlsen-Brüder traten der NSDAP 1942 bei und wurden nach dem Krieg entlastet.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

"Wir schweigen nicht!"
Sie gehören zu den bekanntesten Widerstandskämpfern der Nazi-Zeit: Mit Flugblättern und Anti-Hitler-Parolen wehrten sich die Geschwister Hans und Sophie Scholl gegen das NS-Regime. Dafür mussten die Studenten vor 75 Jahren mit ihrem Leben bezahlen.
Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst im Juli 1942. Die Studenten waren Mitglieder der "Wei§en Rose", die 1942/43 in MŸnchen und anderen deutschen StŠdten zum Widerstand gegen Hitler aufrief
Bahlsen hängt seinen goldenen Keks wieder auf
Firmenchef Werner Bahlsen sagte am Donnerstag, als die Keksfabrik ihr Wahrzeichen wieder montieren ließ: „Das Krümelmonster hat uns etwas gestohlen, und wir haben das wieder zurückbekommen und damit ist für uns die Sache gut.“
Jetzt soll er wieder aufgehängt werden: Um den goldenen Bahlsen-Keks hatte es in diesem Jahr viel Aufregung gegeben.