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Kaum noch Hoffnung für die Vermissten in den Dolomiten
Panorama 1 4 Min. 04.07.2022
Gletscherabbruch in Italien

Kaum noch Hoffnung für die Vermissten in den Dolomiten

Blick auf den abgebrochenen Gletscher am Berg Marmolada in den Dolomiten in Südtirol.
Gletscherabbruch in Italien

Kaum noch Hoffnung für die Vermissten in den Dolomiten

Blick auf den abgebrochenen Gletscher am Berg Marmolada in den Dolomiten in Südtirol.
Foto: Corpo Nazionale Soccorso Alpi/dpa
Panorama 1 4 Min. 04.07.2022
Gletscherabbruch in Italien

Kaum noch Hoffnung für die Vermissten in den Dolomiten

Mehrere Menschen starben bei einem Gletscherabbruch in Italien. Als Ursache gelten laut Experten die Hitzewelle und der Klimawandel.

Von Dominik Straub (Rom)

Den Bergrettern bietet die Unglücksstelle ein schreckliches Bild, und sie haben Mühe, ihre Emotionen zurückzuhalten. „Auf einer Länge von mehr als tausend Metern haben wir Leichenteile inmitten eines Meeres aus Eisblöcken und Felsen gefunden“, berichtete Gino Comelli vom „Soccorso Alpino“ in den Dolomiten. In den vielen Jahren, in denen er als Bergretter tätig sei, habe er noch nie eine so schlimme Szene gesehen. 

Sandro Raimondi, der Staatsanwalt von Trient, des Hauptorts der autonomen Provinz Trentino, sprach von einem „unvorstellbaren Massaker“. Die vorläufige Bilanz (Montagnachmittag) des schlimmsten Bergunfalls der letzten Jahrzehnte in Italien: sieben Tote, acht Verletzte und noch zehn bis 15 Vermisste. Laut Staatsanwalt Raimondi kann sich die Zahl der Todesopfer noch mehr als verdoppeln, zumal die Wahrscheinlichkeit, die Vermissten noch lebend zu finden, laut den Behörden „praktisch gleich null“ ist.

Wer in die Lawine aus Eis und Fels geraten war, hatte kaum eine Chance: Die Eis- und Felsmassen donnerten mit rund 300 Stundenkilometern ins Tal und kamen erst nach etwa 1,5 Kilometern zum Stehen. Das Trümmerfeld hat eine Dicke von zehn bis 15 Metern – und stellt für die Bergretter ein äußerst schwieriges Terrain dar: Bei weiterhin überdurchschnittlich hohen Temperaturen können sich oben beim Gletscher jederzeit neue Blöcke lösen – sie stellen für die Retter eine tödliche Bedrohung dar. 

Verletzte durch Druckwelle 

Die Suche nach weiteren Toten und Vermissten erfolgt deswegen wo immer möglich aus der Luft, aus dem Hubschrauber und auch mit Drohnen. Die Verletzten waren nicht in die Lawine geraten, sondern von der Druckwelle weggeschleudert worden. Regierungschef Mario Draghi reiste gestern ins Unglücksgebiet und sprach den Angehörigen das Beileid der Behörden aus.

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Das Unglück hatte sich am Sonntag um 13.45 Uhr unweit des höchsten Gipfels der Dolomiten, der 3.343 Meter hohen Marmolada, ereignet. Einige hundert Meter oberhalb des nicht allzu schwierigen Weges zum Gipfel löste sich auf einer Front von etwa 200 Metern Breite und 60 Metern Höhe ein riesiger Eisblock vom Marmolada-Gletscher und riss eine oder mehrere Seilschaften mit sich in die Tiefe. „Wir hörten einen lauten, dumpfen Knall, dann sahen wir, wie wenige Meter unter uns drei Bergsteiger von den Eis- und Felsmassen erfasst wurden“, berichtete der Augenzeuge Mauro Baldessari. 

Er und seine Seilschaft hätten nur dank eines Zufalls überlebt: Sie hätten auf einen Kameraden warten müssen, der zurückgeblieben sei. „Das war unsere Rettung: Ohne ihn lägen wir jetzt auch alle da unten begraben“, betonte er sichtlich geschockt. Der ganze Berg wurde nach dem Unfall gesperrt, Dutzende Bergsteiger und Wanderer, die sich noch auf dem Gipfel befanden, wurden mit Hubschraubern ins Tal geflogen.


HANDOUT - 17.03.2022, ---, Antarktis: Satellitenbild des Eisbergs C-38 (M) (Bestmögliche Bildqualität). Im Osten der Antarktis ist ein riesiger Eisberg abgebrochen. Der rund 1200 Quadratkilometer - etwa der Größe der Stadt Rom entsprechende - Koloss soll Mitte März seine Verbindung zum Festland verloren haben, wie der «Guardian» am Freitag unter Berufung auf Polarforscher berichtete. (zu dpa «So groß wie die Stadt Rom: Eisberg in östlicher Antarktis abgebrochen») Foto: Copernicus Sentinel data 2022/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
Eisberg halb so groß wie Luxemburg abgebrochen
Der Osten der Antarktis gilt eigentlich als trocken, windig und stabil. Nun hat sich dort ein 1.200 Quadratkilometer großer Eisberg gelöst.

Während die genaue Zahl der Todesopfer gestern weiterhin unklar war, steht die zentrale Ursache für den Gletschersturz laut den Experten fest: „Solche Ereignisse haben zwar meist mehrere Ursachen, aber es ist offensichtlich, dass der Abbruch von gestern auf den Klimawandel zurückzuführen ist“, erklärte der Glaziologe Renato Colucci von der Universität Triest gegenüber dem „Corriere della Sera“. Am Tag des Unglücks habe die Null-Grad-Grenze bei 4.400 Meter gelegen, auf dem Marmolada-Gipfel betrug die Temperatur 7 Grad, am Tag zuvor sogar 10 Grad.

Schon den ganzen Mai und den ganzen Juni seien in den Dolomiten und in großen Teilen der Südalpen weit überdurchschnittliche Temperaturen registriert worden. Im Winter habe es außerdem kaum geschneit, und somit fehle nun die Schneedecke, die die Gletscher im Sommer normalerweise vor der starken Sonneneinstrahlung schütze. Die Eismassen seien dadurch sehr instabil geworden.

Steigende Gefahr 

Colucci und seine Kolleginnen und Kollegen vom nationalen Forschungsinstitut CNR hatten schon vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass der Marmolada-Gletscher zwischen 2004 und 2015 – also in nur zwölf Jahren – 30 Prozent seines Volumens und 22 Prozent seiner Fläche verloren habe. „Auf 3.500 Meter Höhe ist ein Klima entstanden, das die Präsenz von Gletschern bereits mittelfristig ausschließt: Der Marmolada-Gletscher wird 2050 nicht mehr existieren, vielleicht verschwindet er auch schon mehrere Jahre früher“, betont Colucci. Der beschleunigte Schwund der Gletscher werde zu einer immer größeren Gefahr für die Bergsteiger und Bergwanderer: „Unglücke wie dieses werden sich wiederholen.“

Die Suche nach Vermissten wird durch die Wetterlage und drohende Gletscher- und Felsstürze erschwert.
Die Suche nach Vermissten wird durch die Wetterlage und drohende Gletscher- und Felsstürze erschwert.
Foto: dpa/Corpo Nazionale Soccorso Alpi

Ganz Italien leidet zudem seit Wochen unter einer extremen Trockenheit und Hitze. Sechs Regionen – das Piemont, die Lombardei, Venetien, die Emilia-Romagna, das Friaul und die Hauptstadtregion Latium – haben den Notstand ausgerufen und Maßnahmen zur Rationierung von Wasser angeordnet. Für die Experten kommt die Dürre nicht überraschend: Italien gilt als Hotspot des Klimawandels. Letzten Sommer wurde auf Sizilien mit 48,8 Grad Celsius die höchste je in Europa gemessene Temperatur registriert; in Städten wie Rom und Perugia sind die Durchschnittstemperaturen seit dem Jahr 2000 um 2 Grad angestiegen. 

Bei insgesamt geringeren Jahresniederschlagsmengen nehmen gleichzeitig die Extrem-Ereignisse zu: Sintflutartige Wolkenbrüche mit 500 Millimetern Niederschlag in 24 Stunden sind keine Seltenheit mehr. Wurden in Italien im Jahr 2009 noch rund 300 Extremwetter-Phänomene gezählt, waren es im Jahr 2019 laut der European Severe Weather Database mehr als 1.600 – eine Verfünffachung innerhalb von zehn Jahren. 

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