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(K)ein bisschen Frieden
Panorama 3 Min. 09.05.2017 Aus unserem online-Archiv
Eurovision Song Contest

(K)ein bisschen Frieden

Kiew bereitet sich auf den ESC vor.
Eurovision Song Contest

(K)ein bisschen Frieden

Kiew bereitet sich auf den ESC vor.
Foto: AFP
Panorama 3 Min. 09.05.2017 Aus unserem online-Archiv
Eurovision Song Contest

(K)ein bisschen Frieden

Es könnte doch so einfach sein: In dieser Woche treffen sich in Kiew die Vertreter der europäischen Nationen zum Sangeswettstreit. Doch statt von Harmonie ist der Eurovision Song Contest wieder mal von Streitigkeiten und Unsicherheiten geprägt.

von Michael Juchmes

Wir schreiben den 14. Mai 2011: Beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in Düsseldorf, ein Jahr nach dem Erfolg von Lena Meyer-Landrut, stockt vielen Zuschauern und vor allem den eingefleischten ESC-Fans der Atem: Im Finale des bekanntesten Gesangswettbewerbs der Welt kann sich das Duo Ell & Nikki aus Aserbaidschan mit einem passablen Popsong gegen die starke Konkurrenz durchsetzen.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Der ESC findet 2012 in Aserbaidschan statt – einem Land, das bis dato eher aufgrund seiner schwierigen politischen Situation und Verletzungen der Menschenrechte auf sich aufmerksam machte.

Die europäischen Medien und auch die politischen Vertreter vieler Nationen blickten ein Jahr lang mit Sorge nach Baku – obwohl man in Aserbaidschan versicherte, dass alles mit rechten Dingen zugehen würde.

Die Spannung löste sich erst am 26. Mai 2012 gegen Mitternacht: In der Baku Crystal Hall wurde die Schwedin Loreen für ihren furiosen Auftritt mit dem Titel „Euphoria“ mit dem Sieg belohnt. Die ESC-Fangemeinde, Medien und Politiker atmeten auf: 2013 endlich wieder ein ESC in Schweden – in einem demokratisch geführten Land, in dem Toleranz und Freiheit großgeschrieben werden.

Der Italiener Francesco Gabbani gilt als haushoher Favorit.
Der Italiener Francesco Gabbani gilt als haushoher Favorit.
Foto: Reuters

Zweifelhaftes Verhalten

In diesem Jahr schaut man sorgenvoll in die Ukraine – und das nicht ganz unbegründet: Die Ukraine verweigert Julija Saoilowa, der Vertreterin Russlands, die Einreise, weil sie im Juli 2015 auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim aufgetreten war. Der Kompromissvorschlag der Europäischen Rundfunkunion (EBU), die aufgrund einer Muskelerkrankung im Rollstuhl sitzende Sängerin per Satellit zuzuschalten, wird von den Streitparteien abgelehnt.

„Nach den mit der EBU geschlossenen Abkommen darf ausschließlich die EBU einen Sender und einen Künstler, sofern entsprechend heftige Regelverstöße vorliegen, von der Teilnahme ausschließen“, erklärt Thomas Schreiber von der ARD, die den deutschen Beitrag auswählt.

Seiner Meinung nach darf sich ein solcher Vorfall in keinem Fall wiederholen: „Die Idee der Eurovisionserfinder – durch einen friedlichen Gesangswettbewerb die Zuschauer in den teilnehmenden Ländern zusammenzubringen – ist aus meiner Sicht so lebendig und notwendig wie 1956. Damals – elf Jahre nach dem Ende des durch den deutschen Überfall auf Polen begonnenen Zweiten Weltkrieges mit Millionen Toten, mit all den Schrecken und Verbrechen – war es möglich, dass Deutsche und Franzosen miteinander auftraten und mitfieberten.“

Homophobie an der Tagesordnung

Ein weiteres Problem – das vor allem für die Anhänger zu einem Problem werden könnte – ist der Protest der ukrainischen Rechten gegen den ESC, der ihrer Meinung nach die verwerflichen „westlichen Werte“ in die Stadt bringt. Dies bezieht sich vor allem auf die Homosexuellen, die wohl zu den größten Fans des Wettbewerbs zählen.

Sorgte im Vorfeld für Aufregung: die Bemalung des Völkerdenkmals in Regenbogenfarben.
Sorgte im Vorfeld für Aufregung: die Bemalung des Völkerdenkmals in Regenbogenfarben.
Foto: Reuters

Laute Proteste gab es unter anderem gegen die Bemalung des Völkerdenkmals in Regenbogenfarben, womit sich die Stadt Kiew international als offen präsentieren will. „Wir sind nicht glücklich über diese LGBT-Propaganda, wenn eine große Anzahl von Menschen aus ganz Europa hierher kommt“, erklärt sich Artem Skoropadsky, Sprecher des „Rechten Sektors“, in einem Interview.

„Die Behörden von Kiew wollen die Ukraine und die Hauptstadt der Ukraine als Hauptstadt der Ausschweifung positionieren. Wir werden das nicht zulassen.“ In den vergangenen Jahren wurden häufig Veranstaltungen der Schwulen- und Lesbenszene von rechten Demonstranten gestört – man rechnet daher auch in dieser Woche mit Zwischenfällen.

Mal wieder ohne Luxemburg

Trotz aller negativen Entwicklungen steht in dieser Woche die Musik im Fokus. Der ESC startet am heutigen Dienstag offiziell mit dem ersten Halbfinale, bei dem 18 Länder um den Finaleinzug kämpfen. Das zweite Semifinale findet am Donnerstag statt. Erst am Samstag greifen dann gegen 21 Uhr Mitteleuropäischer Zeit auch die Vertreter der Big Five – die größten Beitragszahler der EBU: Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien und Frankreich – sowie Gastgeber Ukraine in den Wettbewerb ein.

Neben Russland fehlen in diesem Jahr Andorra, Monaco und die Slowakei – ohne einen Grund zu nennen. Liechtenstein und Kasachstan, beide zumindest auf dem Papier zur Teilnahme berechtigt, signalisierten kein Interesse. Bosnien und Herzegowina sagte aufgrund finanzieller Probleme ab. Auch die Türkei verzichtet auf eine Teilnahme. Die Begründung: Der direkte Finaleinzug der Big Five sei ungerecht – ebenso wie der Einsatz von Fachjurys, deren Punkte mit den Televotings aufaddiert werden.

Auch Luxemburg ist erneut nicht am Start. Seit 1994 bleibt man dem europäischen Wettbewerb fern, obwohl man mit insgesamt fünf Siegen zu den erfolgreichsten ESC-Nationen zählt. Lediglich Irland (7) und Schweden (6) konnten häufiger triumphieren. Die Chancen auf eine Rückkehr zum ESC werden allgemein als gering eingeschätzt. Weder RTL noch politische Entscheidungsträger sind interessiert. Und das in einer Zeit, in der der Zusammenhalt der europäischen Staaten wichtiger erscheint denn je – nicht nur auf politischer Ebene.


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