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Julien Braun: „Glaube geht durch Ansteckung“
Panorama 5 Min. 24.11.2019

Julien Braun: „Glaube geht durch Ansteckung“

Julien Braun ist seit mehreren Jahren Adveniat-Partner.

Julien Braun: „Glaube geht durch Ansteckung“

Julien Braun ist seit mehreren Jahren Adveniat-Partner.
Foto: Pierre Matgé
Panorama 5 Min. 24.11.2019

Julien Braun: „Glaube geht durch Ansteckung“

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Priester Julien Braun spricht im Interview über seine Arbeit in Chile, die von Adveniat Luxemburg unterstützt wird.

Julien Braun (75) von den Luxemburger Herz-Jesu-Priestern arbeitet seit 48 Jahren in Chile. Mit dem „Luxemburger Wort“ hat der Adveniat-Partner über seine Erfahrungen dort und die Situation der Kirche vor Ort gesprochen.

Julien Braun, Sie sind schon lange in Chile. Wie kam es dazu, dass Sie dorthin gegangen sind?

Als ich Theologiestudent war, wollte ich, wie man damals sagte, in die Missionen gehen. Zusammen mit drei Freunden haben wir dann Chile ausgesucht. Im Mai 1968 war ziemlich viel los, in Europa, aber auch in Südamerika. Die Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe wollte die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils umsetzen. Es wurde sehr viel diskutiert, die Befreiungstheologie kam damals zustande. Gleichzeitig war in Chile Eduardo Frei Präsident und realisierte eine Agrarreform, ein Wunder unter den damaligen Umständen. Die lebendige Kirche und die Reformen im Land – deshalb haben wir uns für Chile entschieden.

Wie sieht die aktuelle kirchliche Situation aus?

Es wird viel über die Missbrauchsfälle gesprochen. Unsere Kirche war in der Diktatur von Pinochet sehr nah beim Volk. Sie hat die Menschenrechte verteidigt, sich um die Gefolterten gekümmert, Asyl gewährt. Sie hat sich wirklich eingesetzt. Dann kam eine Wende, andere Bischöfe wurden ernannt. Sie hatten aber bis auf einen oder zwei kein Profil. Seither ist die Institution Kirche in Chile sozusagen ein bisschen im Dornröschenschlaf. Sie geht weiter durch das Volk Gottes, die Laien und die Priester in den Pfarreien. Die Bischöfe zählen fast nicht, sie geben kaum Halt oder Geleit.

Bilden Katholiken die Mehrheit im Land?

In Chile gibt es etwa 60 Prozent Katholiken. Die Zahl hat abgenommen. Unsere Pfarrei hat 30 000 bis 35 000 Einwohner und etwa 25 Prozent Katholiken. Sekten haben zugenommen, aber nicht viel. Stark gewachsen ist der Anteil an Atheisten und Agnostikern.

Wie ist die politische Situation?

Es gibt viele Proteste. Jahrelang herrschte ein Schwelbrand unter der Oberfläche, verursacht durch die sozialen Missstände. Die Hauptprobleme sind Gesundheitswesen, Bildung und Rente. Die Lebenskosten in Chile sind praktisch so hoch wie hier in Luxemburg. Mit einem Mindestlohn von 350 Euro im Monat kann man nicht leben. Wer arm ist, darf nicht krank werden, das ist unbezahlbar. Wer eine öffentliche Schule besucht, hat danach fast keine Perspektiven und private Schulen sind teuer. Viele haben kaum mehr als 120 Euro Rente. Und gerade die Älteren brauchen Medikamente, aber deren Kosten werden nicht zurückerstattet. Es war klar, dass es so nicht weitergehen konnte.

Der 75-Jährige lebt und arbeitet seit 48 Jahren in Chile.
Der 75-Jährige lebt und arbeitet seit 48 Jahren in Chile.
Foto: Pierre Matgé

Mit welchen Projekten unterstützen Sie die Menschen?

Wir haben in jeder Pfarrei Bildungsprojekte, damit die Menschen sich ihrer Lage bewusster werden. Wir helfen älteren Menschen, damit sie Zugang zu Hygieneartikeln und Medikamenten haben. Ein neues Phänomen sind die Einwanderer, die hauptsächlich aus Haiti und Venezuela kommen. Im Juli und August, dem chilenischen Winter, haben wir eine große Sammlung für Decken für sie gemacht.

Beeinflussen die Migranten die Kirche vor Ort?

Für uns ist es wie eine Spritze mit neuem Leben. Sie haben eine andere Religiosität, die sie auch viel mehr nach Außen hin zeigen. Die Volksfrömmigkeit ist größer. Die Chilenen sind eher zurückhaltend. Die Zuwanderer haben unsere Kirche belebt.

Wie reagiert die Bevölkerung auf Ihre Unterstützung?

Die Leute sind sehr dankbar, sehen aber auch, dass sie die Dinge in die Hand nehmen müssen. Zweimal wöchentlich geben wir eine warme Mahlzeit für Obdachlose aus, jedes mal an etwa 120 Personen. Das wird zum Teil mit den Mitteln von Adveniat finanziert, aber die Leute unter sich sammeln auch Lebensmittel. Die Obdachlosen sind dankbar für das warme Essen, aber etwas anderes ist noch wichtiger für sie: dass sie einen Namen haben. Die Helfer fragen, wie es ihnen geht. Der menschliche Kontakt wird mehr geschätzt als einfach nur eine Mahlzeit.

Gibt es auch offene Kritik gegenüber der Kirche?

Ja, von den Menschen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Man muss mit ihnen reden. Leider haben sie oft recht. Sie wurden schlecht oder barsch behandelt. Und sie verstehen es nicht. Brauchen sie auch nicht, denn es sollte nicht so sein.

Wo sehen Sie zukünftig den größten Unterstützungsbedarf?

Wir werden noch einige Zeit mit den Immigranten arbeiten. Die Situation in Südamerika ist kompliziert. Sicher werden noch Menschen aus Bolivien und Venezuela kommen. Am meisten Bedarf besteht aber im Gesundheitswesen und in der Bildung. Ein anderes Thema ist die Wohnungsnot. Neu ist die Bildung im Bereich der Prävention sexueller Übergriffe. Alle, die in der Pastoral mitarbeiten, müssen Kurse machen, um ein gesundes Klima zu fördern.

Inwiefern spielen Laien eine Rolle?

Wir haben sogenannte „Ministros“. Frauen oder Männer die einen Kurs gemacht haben, um Wortgottesdienste zu halten und in der Krankenpastoral tätig zu sein. Sie sind oft auch eine Art Beichtvater oder -mutter. Wenn die Leute in die Kirche kommen, ist es egal, ob da ein Pfarrer oder ein Laie steht, sie bleiben.

Welche Konsequenzen hat die Amazonas-Synode?

Ich denke hauptsächlich im Bereich Umweltschutz wird sich etwas ändern. Dass wir endlich sehen, dass wir gemeinsam auf einer Erde leben und uns darum kümmern müssen. Und wenn passiert, was der Papst gesagt hat, hat er die Türe einen Spalt geöffnet, damit verheiratete Männer der Eucharistie vorstehen können. Ich hoffe, dass das durchgeht.


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Wie fördern Sie Jugendliche?

Wir haben Einkehrtage und das Sozialwerk der Jugendlichen. Sie helfen bei der Essensausgabe an die Obdachlosen und bei Krankenbesuchen. In den Ferien machen sie Freiwilligenarbeit auf dem Land. Es reicht nicht, dass die jungen Leute sich auf die Firmung vorbereiten, sie müssen auch lernen, sich für die Gesellschaft einzusetzen. Manche von ihnen machen auch eine Art „Mission“ und erzählen anderen von ihrem Glauben. Sie sind überzeugt und wissen, wie man diese Überzeugung weitergibt. Glaube geht durch Ansteckung. (lacht)

Was haben Sie in den 48 Jahren in Chile gelernt?

Ich habe Theologie studiert, bin Priester geworden – da denkt man ja immer, man sei auf die Arbeit in der Pfarrei vorbereitet. Aber ich habe erst in Chile gelernt, das Evangelium neu zu lesen und Priester zu sein. Nicht im Studium. Das hat geholfen. Aber mit den Menschen in Chile habe ich gelernt, wie Gott in der Gemeinschaft gegenwärtig ist und arbeitet, dass unser Glaube uns dazu bringen muss, zusammen mit den Menschen zu wandeln. Damit sie spüren, dass Gott sie nicht verlässt. Wir als Christen können durch unser Handeln zeigen, dass Gott bei ihnen ist. Und: Die Menschen sind sehr herzlich. Wenn man einmal Freunde in Chile hat, dann lebenslänglich. (lacht)


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