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Julie Gautier: „Es ist noch immer nicht genug“
Panorama 2 6 Min. 27.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Julie Gautier: „Es ist noch immer nicht genug“

Julie Gautier geht auf Tuchfühlung mit den Riesen der Meere.

Julie Gautier: „Es ist noch immer nicht genug“

Julie Gautier geht auf Tuchfühlung mit den Riesen der Meere.
Foto: International Ocean Film Tour
Panorama 2 6 Min. 27.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Julie Gautier: „Es ist noch immer nicht genug“

Nicole WERKMEISTER
Nicole WERKMEISTER
Freitaucherin und Filmemacherin Julie Gautier spricht im Interview über ihren Beitrag zur Ocean Film Tour und den alltäglichen Umweltschutz.

Geboren als Tochter eines Speerfischers auf La Réunion, ist Wasser ihr Element. Dennoch hat Freitaucherin Julie Gautier eine zweite und dritte Leidenschaft: das Filmemachen und Tanzen. All das verband die 39-Jährige, die mit ihrem Lebensgefährten, Taucher Guillaume Néry, in Nice wohnt, bereits in ihrem Kurzfilm AMA. In der Dokumentation „Julie“, die während der diesjährigen Ocean Film Tour am 30. März in Luxemburg zu sehen ist, gewährt sie Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit. Das „Luxemburger Wort“ hat Julie Gautier nach dem Tour-Auftakt in München getroffen.

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Julie Gautier, Sie arbeiten seit Jahren unter Wasser – vorwiegend hinter der Kamera. Für das Projekt der Ocean Film Tour wurden Sie selbst zur Hauptdarstellerin. Wie hat sich diese Rolle angefühlt?

Es war das erste Mal, dass ich mit meiner Arbeit im Zentrum einer Dokumentation stand. Vor der Kamera zu sein war sich für mich deutlich entspannter, als die Arbeit als Regisseurin. Dennoch ist es schwierig vor der Kamera authentisch zu bleiben, sich nicht zu verstellen, weil man sich ja von seiner besten Seite zeigen will. Meine Gefühle, Gedanken und meine Persönlichkeit zu

Sie sind beim Freitauchen während der Dreharbeiten auch Walen begegnet. Wie haben Sie diese Begegnung erlebt?

Wenn man mit einem Wal taucht, begreift man, wie klein wir Menschen sind. Sie sind so anmutig und rein. Die meisten Menschen weinen, wenn sie einem Wal zum ersten Mal begegnen, denn es ist wie in einen Spiegel zu sehen der uns zeigt, wie sich ein Wesen auf diesem Planeten verhalten sollte. Es ist schlicht unglaublich, wie der Mensch, ein solch unbedeutendes Wesen, einen so großen Schaden an allem – eingeschlossen sich

Zurzeit erleben wir enorme Veränderungen – im Klima und in den Ozeanen. Wie nehmen Sie diese Veränderungen wahr?

Ich bin auf La Réunion Island aufgewachsen und habe auch auf Mayotte, einer kleinen Insel im Indischen Ozean mit der zweitgrößten Lagune der Welt, gelebt. Ich habe dort wunderschöne Korallenriffe gesehen, Fischschwärme, Wale und Manatis. Wir dachten, das alles würde es ewig geben, aber als ich zehn Jahre später zurückkam, waren die Korallen verblichen und die vielen kleinen Fische verschwunden. Ich dachte, meine Kinder könnten die Schönheit, dich ich gesehen hatte, niemals erleben. Aber schließlich erholten sich die Riffe und einige Fischarten kehrten zurück. Ich habe seitdem viele Meeresgegenden besucht, und obwohl darunter auch zahlreiche geschädigte Gebiete waren, gibt es noch immer wunderschöne Orte, die wir schützen müssen.


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Kürzlich wurde ein gestrandeter Wal an der philippinischen Küste entdeckt, der offenbar durch 40 Kilogramm Plastik in seinem Magen zu Tode gekommen war. Haben Sie selbst bereits Begegnung mit der Zerstörung durch Plastik in den Meeren gemacht?

Ich bin schon vor den Philippinen getaucht. Für unser Projekt „One Breath Around the World“ haben wir die Bajaos besucht, das älteste Fischervolk der Meere. Sie jagen nach Fischen in Tiefen von über 30 Metern. Und das nur, um so winzige Beute wie Falterfische zu fangen. Das einzige, was in Folge von Überfischung, Dynamit- Fischen und Verschmutzung noch übrig ist. Ich habe mich – stellvertretend für uns wohlhabende Menschen, die unsere Welt zerstören – wirklich geschämt. Ich habe diese Männer mitten zwischen Plastik und Müll schwimmen sehen, ohne dass sie sich daran gestört hätten. Die Verschmutzung ist zu einem Teil ihrer täglichen Umgebung geworden. Wir sind keine Zeugen des Klimawandels. Diese Menschen sind es – und die ersten, die darunter leiden müssen. Das ist nicht fair.

Ein Start-up versucht seit einiger Zeit, mit speziellen Booten schwimmendes Plastik von der Meeresoberfläche abzusaugen. Halte Sie das für eine Möglichkeit, das Problem der bereits bestehenden Verschmutzung zu bewältigen?

Ja, natürlich sind alle Initiativen, um die Meere vom Plastik zu befreien, gut. Aber das ist nicht genug. Das Problem entsteht nicht einmal durch die Verbraucher, sondern die mächtige Lobby, die weiterhin Plastik produziert, obwohl es bereits Alternativen zu diesem Material gibt. Wenn wir wirklich in der uns noch verbleiben Zeit eine Änderung bewirken wollen, muss jede Regierung den Einsatz von Plastikverpackungen sofort verbieten. Aber das ist natürlich eine Utopie. Es ist zu viel Geld im Spiel. Aber was wird dieses Geld noch wert sein, wenn der Planet tot ist?

Wie kam es zu Ihrem Projekt für die „Ocean Film Tour?

Ich habe das Team der Ocean 6 schon vor ein paar Jahren kennengelernt, als sie eine Doku über Guillaume, meinen Lebensgefährten, gedreht haben. Ein sehr sympathisches, engagiertes Team, das mit dem Festival viele interessante Leute zusammenbringt. Damals, vor vier Jahren, haben sie mir gesagt, sie seien an einer Dokumentation meiner Arbeit interessiert. Aber ich war noch nicht selbstbewusst genug und dachte, ich hätte nicht genug zu sagen. Aber nachdem ich AMA gedreht hatte, dachte ich sofort an ihren Vorschlag und wusste, dass es genau der richtige Moment war, um meine Vision und meine Emotionen zu teilen. Dann traf ich Regisseurin Stephanie Brockhaus, die sofort begriff, wer ich war, und diesen schönen, sehr intimen und aufrichtigen Film über mich drehte.

Julie, porträtiert von ihrem Lebensgefährten Guillaume Néry.
Julie, porträtiert von ihrem Lebensgefährten Guillaume Néry.

Welche Botschaft möchten Sie mit „Julie“ vermitteln?

Dieser Film erzählt die Geschichte über die Person hinter der Kamera. Weil der Kurzfilm AMA, in dem ich unter Wasser tanze, für mich sehr wichtig ist und die Nachricht, die ich damit verbinden wollte, sehr universell ist, fand ich es interessant darüber zu sprechen, wer ich bin und weshalb ich diesen Film gemacht habe. Meine Beziehung zur Natur, zu anderen Menschen und zu Guillaume haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Beispielsweise bin ich manchmal zu schüchtern, über die Tatsache zu sprechen, dass ich Speerfischerin bin, weil viele Menschen diese Praktik verurteilen. Für mich ist es aber eine sehr natürliche und gesunde Aktivität. Sie ist Teil des Erbes meines geliebten Vaters. Den eigenen Fisch zu fangen und ihn mit der Familie und Freunden zu teilen, erfüllt für mich mit Freude und Stolz. Daher geht es im Film auch darum, zu akzeptieren, wer wir sind, und uns nicht vor Verurteilung zu fürchten – und natürlich, ebenso wie in AMA, darum Gefühle zu teilen.

Was erwarten Sie sich – welches Ergebnis wünschen Sie sich?

Konkrete Erwartungen an den Film habe ich nicht. Ich bin bereits sehr glücklich darüber, dass er bei der Premiere vom Publikum so gut aufgenommen wurde. Es ist schön, Millionen Klicks im Internet zu erhalten, aber das schönste Gefühl, die Freude der Menschen direkt zu erleben. Wie kann jeder einzelne im Alltag durch sein Verhalten dazu beitragen, die Meere zu schützen? Der einzige Weg, die Meere – und uns selbst – zu retten, ist unser Konsumverhalten drastisch zu ändern. Wir müssen damit aufhören Sachen aus der ganzen Welt zu essen, wir müssen uns im Klaren darüber sein, was wichtig ist und was nicht – und weniger konsumieren. Wir müssen damit aufhören, uns wie verzogene Kinder zu benehmen. Ich schließe mich da ein. Denn auch wenn ich mich bemühe: Es ist noch immer nicht genug.


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Wie kann jeder Einzelne dazu beitragen, die Meere zu schützen?

Der einzige Weg, die Meere – und uns selbst – zu retten, ist unser Konsumverhalten drastisch zu ändern. Wir müssen damit aufhören, Sachen aus der ganzen Welt zu essen, wir müssen uns im Klaren darüber sein, was wichtig ist und was nicht – und weniger konsumieren. Wir müssen damit aufhören, uns wie verzogene Kinder zu benehmen. Ich schließe mich da ein. Denn auch wenn ich mich bemühe: Es ist noch immer nicht genug.


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