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John Olivers neuester Streich: Wenn Mike Pences Hase heiratet
Ein Kaninchen mit Fliege. Aber das ist nicht der einzige Unterschied.

John Olivers neuester Streich: Wenn Mike Pences Hase heiratet

Foto: Screenshot Youtube Last Week Tonight
Ein Kaninchen mit Fliege. Aber das ist nicht der einzige Unterschied.
Panorama 1 4 Min. 21.03.2018

John Olivers neuester Streich: Wenn Mike Pences Hase heiratet

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
US-Komiker John Oliver hat ein Kinderbuch veröffentlicht - einen Tag vor der Familie des US-Vizepräsidenten Mike Pence. Pences Buch handelt von dessen Kaninchen "Marlon Bundo". Olivers ebenfalls. Doch Olivers "Marlon Bundo" ist verliebt. Und schwul.

John Oliver ist ein gnadenlos guter Late-Night-Komiker. Wenn der gebürtige Brite in seiner Show "Last Week Tonight" loslegt, die Merkwürdigkeiten des politischen und gesellschaftlichen Tagesgeschäfts zu sezieren, bleibt kein Auge trocken. Er wirkt seriös, fast bieder, sein britischer Akzent trägt seins dazu bei. Die Fallhöhe ist hoch, denn bieder ist sein Humor ganz und gar nicht. In hohem Tempo lästert Oliver über Korruption bei der Fifa, den Überwachungsstaat, das amerikanische Gesundheitssystem, Hollywood und natürlich die Trump-Regierung - um wirklich nur einige zu nennen. Ebenso dynamisch zusammengestellt sind die Einspieler und Metaphern, die Oliver benutzt, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Und mit der Biederkeit ist es spätestens dann vorbei, wenn ihm immer mal wieder - wohlkalkuliert - das F-Wort rausrutscht. Ein ungläubig vorgetragenes "What the F....?!" gehört zu Olivers Markenzeichen wie der akkurate Scheitel und die markante Brille. 

Zu Hochform läuft Oliver aber dann auf, wenn er seinen Worten Taten folgen lässt. "Put your money where your mouth is" lautet die amerikanische Redewendung, und das Team von "Last Week Tonight" hat nach dieser Regel schon mehrere TV-Sternstunden produziert. Im bislang spektakulärsten Segment aus dieser Kategorie verbrachte Oliver fast zwanzig Minuten damit, den Zuschauern das - ethisch ziemlich fragwürdige - Prinzip der Schuldüberschreibung für Arzt- und Krankenhausrechnungen zu erklären. In Amerika gängige Praxis: Gesundheitseinrichtungen rechnen direkt mit dem Patienten ab. Viele sind nicht krankenversichert, kapitulieren vor den immensen Kosten. Wenn auf dem üblichen Weg keine Zahlung erfolgt, kann die Forderung für relativ kleines Geld an private Inkassounternehmen abgetreten werden - und die sind in vielen Fällen halbseiden und kaum vom Staat kontrolliert, bedrohen die Gläubiger, schüchtern sie ein. Oliver erklärt all das, macht seinem Unmut darüber Luft  - und teilt seinem Publikum dann mit, dass er für knapp 60.000 Dollar Schuldtitel im Gegenwert von knapp 15 Millionen erworben hat ("Jeder Idiot kann das machen, und das kann ich beweisen, denn ich habe es gemacht"). Zum Finale der Show erlässt er den 9.000 Gläubigern, die auf seiner Liste stehen, sämtliche Schulden. 

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Soviel zur Vorgeschichte. Nun hat Oliver wieder zugeschlagen - und sich dafür den amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence ausgesucht. Der eignet sich als Zielscheibe durchaus auch für weniger liberale Satiriker: Der Vizepräsident ist bekannt für seine spröden öffentlichen Auftritte. Pence gilt zudem als ultrakonservativer religiöser Hardliner und ist gegen so ziemlich alles, was mit Sexualität oder Gleichberechtigung zu tun hat. Die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen lehnt er ebenso ausnahmslos ab wie eine Reform der Abtreibungsgesetzgebung. Als Gouverneur von Indiana strich er Frauenkliniken die Förderung. Und Donald Trump soll im Scherz über ihn gesagt haben, zum Thema Homosexualität brauche man Pence gar nicht erst zu fragen, denn der wolle bekanntlich "alle Schwulen aufhängen."

So sehr er Schwule hasst, so sehr mag Pence Tiere. Zum Beispiel das Familienhaustier "Marlon Bundo", ein Kaninchen. "Marlon Bundo" hat jetzt sogar sein eigenes Kinderbuch, geschrieben von Mike Pences Tochter Charlotte und illustriert von seiner Frau Karen: "Marlon Bundo's A Day in the Life of the Vice President". Das Leben der "Second Family" der USA aus Hasensicht - das hat das Zeug zum sofortigen Bestseller und zum niedrigschwelligen politischen Instrument. 

Ein schwules Kaninchen für den konservativen Hardliner

Wenn da nicht John Oliver und seine Crew wären: In der jüngsten Folge von "Last Week Tonight" am vergangenen Sonntag präsentierte Oliver ein anderes Kinderbuch, das ("völlig zufällig")  einen Tag vor Pences Buch erschienen sein soll, nämlich bereits während der Show: "A Day in the Life of Marlon Bundo".  Auf den ersten Blick eine schlichte Nachahmung, doch Oliver weist auf diverse Unterschiede hin: Sein Marlon Bundo trägt zum Beispiel eine Fliege. Und auch die Handlung unterscheidet sich deutlich: Statt einen ganz normalen Tag im Leben des Vizepräsidenten zu erleben, findet Marlon Bundo die große Liebe. Und die ist ausgerechnet ein brauner Kaninchenbock namens Wesley. 

Damit nicht genug: Für die Hörbuchversion konnte Oliver mit Jim Parsons (bekannt als Dr. Sheldon Cooper in "Big Bang Theory") und Jesse Tyler Ferguson (Mitchell Pritchett in "Modern Family") unter anderem zwei der derzeit bekanntesten Schwulen aus der Welt der US-Comedy als Synchronsprecher für Marlon und Wesley gewinnen. Und getreu dem Motto "put the money where your mouth is", verkündet Oliver, sämtliche Erlöse aus dem Verkauf seines Bundo-Buchs zu spenden: zu gleichen Teilen an "The Trevor Project", eine kostenfreie Krisen-Telefonseelsorge für  jugendliche  Lesben,  Schwule,  Bisexuelle und Transgender, und "Aids United", eine Non-Profit-Organisation, die die AIDS-Forschung unterstützt. 

An der Kasse zählt's: Der "falsche" Marlon Bundo ist der Bestseller, das Original steht auf Platz 4 - landesweit.
An der Kasse zählt's: Der "falsche" Marlon Bundo ist der Bestseller, das Original steht auf Platz 4 - landesweit.
Screenshot der Bestsellerliste bei amazon.com

Die Stoßrichtung des Ganzen verhehlt John Oliver natürlich nicht: "Kaufen Sie es für Ihre Kinder, kaufen Sie es für irgendein Kind, kaufen Sie es einfach nur, wenn Sie Mike Pence ärgern wollen." Das gelang offensichtlich gründlich: Die Veröffentlichung sei "unglücklich", sagte ein Pence-Sprecher gegenüber CNN.  Und auch da, wo es wirklich zählt, nämlich an der Kasse, war Olivers Coup ein Erfolg: Die Bestsellerliste beim weltgrößten Online-Buchhändler amazon.com führt, Stand Mittwoch, ein schwules Kaninchen an. Das Original läuft immerhin auf Platz 4 ein.   


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