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„Als Künstlerin muss ich mit der Zeit gehen“
Panorama 2 6 Min. 14.07.2021
Jodie Foster im Gespräch

„Als Künstlerin muss ich mit der Zeit gehen“

Fühlte sich auf dem Roten Teppich pudelwohl: Jodie Foster vor wenigen Tagen in Cannes.
Jodie Foster im Gespräch

„Als Künstlerin muss ich mit der Zeit gehen“

Fühlte sich auf dem Roten Teppich pudelwohl: Jodie Foster vor wenigen Tagen in Cannes.
Foto: AFP
Panorama 2 6 Min. 14.07.2021
Jodie Foster im Gespräch

„Als Künstlerin muss ich mit der Zeit gehen“

Oscar-Preisträgerin Jodie Foster spricht im Interview über ihre Rolle im Film „The Mauritanian“ und Veränderungen in der Showbranche.

Interview: Patrick Heidmann

Als Sechsjährige stand Jodie Foster in der „Doris Day Show“ das erste Mal vor der Kamera. Für Scorseses „Taxi Driver“ bekam sie ihre erste Oscar-Nominierung, später folgten ein Literaturstudium in Yale, bevor sie mit zwei Oscars und Filmen wie „Nell“, „Panic Room“ oder „Contact“ zu einer der erfolgreichsten Schauspielerinnen ihrer Generation wurde. Inzwischen macht sich die Kalifornierin, die mit der Fotografin Alexandra Hedison verheiratet ist, ziemlich rar, was neue Rollen angeht. Drei Jahre nach „Hotel Artemis“ meldet sich die US-Amerikanerin nun mit einer Nebenrolle in dem Polit- und Justizdrama „The Mauritanian“ über den zu Unrecht einsitzenden Guantanamo-Häftling Mohamedou Ould Slahi zurück – der Film läuft nun auch in den luxemburgischen Kinos. Wir konnten mit der 58-Jährigen, die jüngst beim Filmfestival in Cannes eine Ehren-Palme bekommen hat, ein Videotelefonat führen.

Jodie Foster, Sie treten nur noch selten als Schauspielerin in Erscheinung. Haben Sie bestimmte Kriterien, nach denen Sie entscheiden, wann Sie mal wieder vor die Kamera treten? 

Ich folge da keinen festen Regeln. Es gibt keinen Leitsatz, nach dem Motto: alle vier Jahre ein Film oder so ähnlich. Wenn mich ein Projekt begeistert, könnte es durchaus passieren, dass ich morgen zusage. Das entscheide ich wirklich von Drehbuch zu Drehbuch neu.

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Was war es im Fall von „The Mauritanian“, das Sie zu einer Zusage bewog? Der politische Aspekt der Geschichte? 

Vor allem war es ganz konkret die wahre Geschichte von Mohamedou Ould Slahi. Die kannte ich nicht, bevor ich das Drehbuch las, wie ich überhaupt – wie wohl die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner – viel zu wenig über die Vorgänge in Guantanamo wusste. Zu lesen, was Mohamedou passiert ist, hat mich erstaunt, unglaublich wütend gemacht und zutiefst bewegt. Von seiner Geschichte können wir alles etwas lernen, deswegen wollte ich helfen, sie zu erzählen.

Was macht denn seine Geschichte in Ihren Augen gerade heutzutage relevant? 

Für mich ist dieser Film eine Liebeserklärung an die Rechtsstaatlichkeit, an die Verfassung und an die Institutionen der Demokratie, die dazu da sind, dass wir uns nicht von Emotionen leiten lassen. Genau das aber ist der US-Regierung in der Terrorangst nach dem 11. September 2001 passiert: Das Gesetz wurde quasi aus dem Fenster geschmissen und man wurde zum rachsüchtigen Berserker. Aus solchen Fehlern müssen wir lernen und Konsequenzen ziehen. Manchmal braucht es einen Abstand von 20 Jahren, um die dunkelsten Kapitel der eigenen Geschichte unter die Lupe zu nehmen.


12.07.2021, Frankreich, Cannes: Der britische Schauspieler Tim Roth und die luxemburgische Schauspielerin Vicky Krieps zeigen sich gegenseitig den Mittelfinger bei einem Fototermin f�r den Film �Bergman Island� bei den 74. internationalen Filmfestspielen in Cannes. Foto: Valery Hache/AFP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Vicky Krieps an der Croisette
Die Luxemburgerin hat die Hauptrolle im Film „Bergman Island“, der im Hauptwettbewerb läuft, und war am Sonntag auf dem roten Teppich.

Sie spielen nun die Anwältin Nancy Hollander. Ist das eigentlich die erste reale Person, die Sie für einen Film verkörpern? 

Die einzige andere war die Lehrerin, die ich in „Anna and the King“ gespielt habe. Aber die war damals schon fast 100 Jahre tot. Normalerweise üben reale Personen als Rolle auf mich keinen großen Reiz aus, denn ich fürchte, mich eingeengt zu fühlen. Ich mag auch Biopics nicht wirklich, die sind oft so pedantisch und schematisch erzählt, da gibt es nicht viel Raum für Nuancen. Aber bei „The Mauritanian“ liegt der Fall ja anders – und Nancy Hollander ist eine enorm spannende Figur. Außerdem fand ich es hilfreich, dass sie nicht wirklich prominent ist. Das gab mir die Freiheit, ihr meinen eigenen Stempel aufzudrücken und mich von der realen Person zu entfernen. Wofür mir die echte Nancy zum Glück ihren Segen gab.

Regisseur Kevin Macdonald meint, in Ihrer Nancy Hollander Echos früherer Rollen etwa in „The Accused“ oder „The Silence of the Lambs“ zu erkennen, zumindest was die harte Schale und den weichen oder gar zerbrochenen Kern angeht. Ziehen Sie auch manchmal solche Parallelen zwischen Ihren Figuren?

Nein, nicht wirklich. Ich vergleiche meine Rollen nicht miteinander; die einzige Gemeinsamkeit, die jeweils besteht, bin ich selbst, als die Darstellerin. Aber gerade in den genannten Fällen sehe ich da keine Parallelen. Wäre doch auch seltsam, schließlich liegt zwischen Clarice Starling und Nancy Hollander ein Altersunterschied von 40 Jahren. Und wissen Sie, das mit der harten Schale, das ist doch als Aussage auch ein bisschen schwierig, oder?

Jodie Foster erhielt jüngst in Cannes eine Goldene Palme für ihr Lebenswerk.
Jodie Foster erhielt jüngst in Cannes eine Goldene Palme für ihr Lebenswerk.
Foto: AFP

Was meinen Sie? 

Ach, ich frage mich einfach gerade, ob man die gleiche Beschreibung für Nancys Auftreten und ihr Innenleben auch gewählt hätte, wenn sie ein Mann wäre. Was übrigens einer der Aspekte an dieser Rolle war, die mich so gereizt haben: Für die Geschichte, für Mohamedous Fall, war es nicht wichtig, dass Nancy eine Frau war. Letztlich hätte das genauso gut ein männlicher Anwalt gewesen sein können, der die gleiche Entwicklung durchmacht.

Tahar Rahim, der Mohamedou spielt, hat zu Protokoll gegeben, dass er vor der ersten Szene mit Ihnen ein wenig nervös war. So wird es Ihnen selbst vermutlich lange nicht mehr ergangen sein, oder? 

Ach, glauben Sie mal nicht, dass ich nicht auch noch manchmal nervös bin, was meinen Job angeht. Jetzt, wo ich so selten drehe, vielleicht sogar wieder ein wenig mehr als früher. Das ist nicht so sehr eine Nervosität des Zweifelns, ob ich meinen Job überhaupt kann. Dazu habe ich die Sache dann doch schon oft genug gemacht. Aber die Frage, ob ich alles so hinbekomme, dass ich selbst auch wirklich zufrieden bin, steht durchaus im Raum. Und was Tahar angeht: Der hatte nun echt keinen Grund, nervös zu sein. Viel mehr habe ich es nämlich als Ehre empfunden, live dabei zu sein, wie ein junger Kollege eine der besten Leistungen seines Lebens abliefert.


Cannes Film Festival director Thierry Fremaux arrives on July 5, 2021 at the Martinez Hotel on the eve of the opening of the 74th edition of the Cannes Film Festival in Cannes, southern France. (Photo by John MACDOUGALL / AFP)
Starke Luxemburger Präsenz an der Croisette
Drei Filme, davon zwei Animationsfilme und einer im Hauptwettbewerb: Luxemburg feiert mit Cannes die Wiederauferstehung des Festivals.

Weil Sie gerade noch einmal erwähnten, wie selten Sie noch als Schauspielerin arbeiten: Fehlt Ihnen der Job denn zwischendurch? 

Nein, denn ich sitze ja nicht zuhause und drehe Däumchen. Seit diesem Jahr ist zwar auch der zweite meiner beiden Söhne im College und ich bin nun offiziell das, was man einen Empty-Nester nennt. Aber jemand, der sich langweilt, war ich noch nie. Meine kreative Energie richte ich auf die Arbeit hinter der Kamera, schließlich arbeite ich auch als Regisseurin, entwickle Drehbücher und produziere. Und ansonsten reise ich unglaublich gerne, was ich in letzter Zeit natürlich sehr vermisst habe. 

Die Filme, die Sie selbst inszeniert haben, waren nie große Blockbuster, sondern eher mittelgroße bis kleine Produktionen für ein etwas reiferes, anspruchsvolles Publikum. Besorgt es Sie nicht, dass es im Kino für solche Projekte kaum noch Platz zu geben scheint? 

Was heißt schon besorgt? Unsere Branche hat sich sehr verändert, aber das kam nicht über Nacht. Dass große Blockbuster und Franchises das Kino dominieren werden und kleinere, mehr von ihren Geschichten lebende Filme im Pay-TV oder bei Streamingdiensten ihren Platz finden – das ist eine Entwicklung, die wir die letzten 15 Jahre mit angesehen haben. Die Gewohnheiten des Publikums ändern sich, und die Pandemie hat da ja jetzt nochmal einiges beschleunigt. Ich habe das am eigenen Leib erfahren, denn ich war 2020 nicht im Kino und habe trotzdem verdammt viele Filme gesehen.

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Was ja nicht heißt, dass das so bleiben muss? 

Stimmt. Aber dass alles noch einmal so wird, wie es früher mal war, kann ich mir nicht vorstellen. Ich verstehe die Menschen, die beim Thema Kino nostalgisch werden, weil sie damit aufgewachsen sind, dass sie dort Filme gesehen haben. Aber die Vergangenheit ist nun einmal die Vergangenheit. Als Künstlerin, die Geschichten erzählen will, muss ich mit der Zeit gehen und mich anpassen. Heutzutage kann ich Filme mit meinem iPhone drehen. Und wer wäre ich, mich darüber zu beklagen!

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