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Jodelmania in Übersee
Panorama 3 Min. 02.09.2019

Jodelmania in Übersee

Einzigartig in der Welt: Wer an der Hochschule Luzern (Schweiz) ein Studium im Bereich Volksmusik 
absolviert, kann als Hauptfach neben Hackbrett und Handorgel auch Jodeln wählen.

Jodelmania in Übersee

Einzigartig in der Welt: Wer an der Hochschule Luzern (Schweiz) ein Studium im Bereich Volksmusik 
absolviert, kann als Hauptfach neben Hackbrett und Handorgel auch Jodeln wählen.
Foto: Shutterstock
Panorama 3 Min. 02.09.2019

Jodelmania in Übersee

Filmgeschrei statt Bergromantik: Der Alpenjuchzer schaffte es im vergangenen Jahrhundert sogar nach Hollywood.

(KNA) - „Holleri du dödl di, diri diri dudl dö!“ Wer kennt Loriots Sketch über die „Jodelschule“ nicht – und das „zweite Futur bei Sonnenaufgang“: „Dö dudl dö“. „Was Eigenes“ wollte Frau Hoppenstedt für sich haben. Deshalb sollte ein „Jodeldiplom“ für die Ehefrau und Mutter her. Was in Loriots legendärem Volkshochschulkurs den Teilnehmern nicht gelehrt wird, ist die Geschichte, wie das alpenländische Jodeln einst Amerika eroberte. Dabei begeistert sich die Country-Musik bereits seit Jahrzehnten für das „Yodeling“, genauso wie der Blues und der Jazz. Ja, sogar die Filmindustrie entdeckte es für sich. Johnny Weißmüllers 1932 in die Tarzan-Filme eingeführter Urwaldruf ist letztlich nichts anderes als – richtig – ein Jodler.

Ausstellung in München

All dies kann der Besucher noch bis 15. Oktober in einer kleinen Münchner Ausstellung im Isartor erfahren. Unter dem Titel „Jodelmania“ geht es im dortigen Valentin-Karlstadt-Musäum darum, wie das Jodeln aus der Bergwelt der Alpen seinen Siegeszug gen Übersee antrat. Dabei handelte es sich ursprünglich um „eine Eigenheit der Alpenwelt, welche in den Volksliedern aller Völker des Flachlandes oder kleinerer Gebirge nirgends etwas Ähnliches findet“. So steht es zumindest in der Zeitschrift „Der Sammler“ vom 24. Dezember 1828 als Definition.

Dieses „unartikulierte Singen aus der Gurgel“, bei dem die Stimme von der Brust in den Kopf wechselt, diente als Kommunikation über größere Entfernungen. Die Bewohner der Berge übermittelten auf diese Weise kurze Botschaften ins Tal. Vermutlich wäre es dabei geblieben, wenn nicht im 18. Jahrhundert Literaten und Philosophen begonnen hätten, sich für das Bergvolk und seine Poesie in Reimen, Liedern und Märchen zu interessieren. Damit einher ging die Romantisierung der Alpen. Statt mit Gefahr und Ödnis wurden die Berge auf einmal als idyllisch und majestätisch wahrgenommen, bewohnt von „edlen Wilden“.


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Komponisten wie Ludwig van Beethoven und Franz Schubert schrieben Stücke im „Gebirgston“. Als auch noch die Tiroler mit Andreas Hofer gegen Napoleon tapfer, wenn auch vergeblich kämpften, wurde dem Jodeln gar als „Freiheitsgesang“ gehuldigt. Die Begeisterung für die Berge wuchs. Die Städter strömten in die Alpen und fanden Gefallen an dem Gesang der Einheimischen. Die entdeckten ihrerseits eine Chance. In der Folge reisten Alpensängergruppen in die Städte, um viel bejubelte Konzerte zu geben.

Am bekanntesten waren die Geschwister Rainer und später die Royal Tyrolese Singers. Sie gingen mit ihrem Liedgut sogar auf US-Tour. Das Jodeln spülte Geld in die Kassen. Das stachelte Nachahmer an. Pseudo-Jodler und Salon-Tiroler kamen in Mode und hielten sich bis ins 20. Jahrhundert. Karl Valentin und Liesl Karlstadt nahmen die Auswüchse mit ihrem „Alpensängerterzett“ auf die Schippe.

Da war die Welle längst in Übersee angekommen. Ignaz Moscheles, ein Freund Beethovens, hatte Tiroler Melodien 1827 mehrstimmig mit Klavierbegleitung in einen Notensatz übertragen. Opernstars wie Maria Malibran oder Antoinette Otto nahmen diese Lieder mit Jodeln in ihr Repertoire auf. Auch die bejubelten Shows in den USA machten das Jodeln bekannt. In der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre sickerte es in die Country-Musik ein. Jimmie Rodgers sorgte mit seinem „Blue Yodel“ 1927 für den Durchbruch.

Jodelnde Cowboys

Cowboys und Cowgirls fingen an, den Gesang zu übernehmen, bis auch Jazz-Sängerinnen und Ragtime-Pianisten darauf abfuhren. In den 1970er-Jahren ging es in die umgekehrte Richtung. Jodlerkönig Franzl Lang nahm Western und Country-Songs wie „O Johanna“ im bairischen Dialekt auf. Heute erlebt das „American Yodeling“ in Filmen wie „Die Kühe sind los“ oder „Stan und Ollie“ ein Comeback. Zum „Toy Story“-Ensemble gehört gar eine „Yodeling Jessie“.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. maß dem Jodeln übrigens als junger Theologieprofessor theologische Qualitäten bei. Danach sei dem Kirchenvater Augustinus der Jodler bekannt gewesen. „Es heißt zwar bei ihm Jubilus, aber es ist kein Zweifel, dass er das Gleiche meint: dies wortlose Ausströmen einer Freude, die so groß ist, dass sie alle Worte zerbricht.“


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