Wählen Sie Ihre Nachrichten​

„Jeder kann Opfer werden“
Panorama 6 Min. 18.09.2021
Spiritualisierte Gewalt

„Jeder kann Opfer werden“

Betroffene von spiritualisierter Gewalt merken oft sehr lange nicht, in welcher Situation sie sich befinden.
Spiritualisierte Gewalt

„Jeder kann Opfer werden“

Betroffene von spiritualisierter Gewalt merken oft sehr lange nicht, in welcher Situation sie sich befinden.
Foto: Shutterstock
Panorama 6 Min. 18.09.2021
Spiritualisierte Gewalt

„Jeder kann Opfer werden“

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Theologin Doris Reisinger über spiritualisierte Gewalt, den Weg aus der Spirale und transparente Machtstrukturen.

Doris Reisinger (37) ist Theologin und promovierte Philosophin, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich für katholische Theologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit dem Thema der „spiritualisierten Gewalt“. Sie selbst hat als Ordensschwester Gewalterfahrungen gemacht, bevor sie ihre Gemeinschaft 2011 verließ und später heiratete. Am 23. September hält sie in Luxemburg einen Vortrag über spiritualisierte Gewalt. Das „Luxemburger Wort“ konnte mit ihr vorab über die Thematik sprechen.

Doris Reisinger, was bedeutet spiritualisierte Gewalt?

Diese Form der Gewalt arbeitet mit spirituellen und religiösen Ritualen und Lebensdeutungen. Das kann in spirituellen Kontexten im weiteren Sinne vorkommen, wie etwa Meditationsgruppen oder anderen Bereichen, die mit Lebensdeutung und Sinngebung zu tun haben. Es kommt aber auch in religiösen Kontexten im engsten Sinn vor, beispielsweise in Pfarrgemeinden. Menschen, die als Seelsorger, Meditationstrainer oder ähnliches eine Aufgabe haben, in der es darum geht, anderen im Bereich der Sinngebung zu helfen, missbrauchen ihr Amt, um anderen Gewalt anzutun, sie zu manipulieren und auszunutzen. Dabei benutzen sie spirituelle Konzepte. Beispielsweise den Begriff der Bekehrung oder der Selbstlosigkeit. Begriffe, die für einzelne hilfreich sein können, die man aber auch gebrauchen kann, um Gewalt auszuüben.

Worin besteht diese Gewalt?

Sie besteht darin, dass ein Mensch etwas tun muss, was er nicht will und was ihm nicht guttut. Aber es wird ihm gesagt: „Du musst auch mal gegen dich gehen, leer werden, von dir frei werden, mir vertrauen.“ 

Es gibt ein ganzes Set an manipulativen Methoden und Wörtern, mit denen Menschen dazu gebracht werden, sich selbst aufzugeben und sich auf Dinge einzulassen, von denen sie ahnen, dass sie ihnen schaden. Man kann alle Formen von sexuellen Übergriffen in spirituellen Kontexten dazurechnen, aber auch Formen von Betrug, wenn etwa Leute Geld für Programme ausgeben, die nichts bringen. Formen von mentaler Kontrolle, bei denen Menschen in das Privatleben anderer hineinregieren, Ausbeutung von Arbeitskraft und emotionaler Missbrauch zählen auch dazu, es fällt wirklich viel darunter.

Dr. Doris Reisinger
Dr. Doris Reisinger
Andrea Schombara

Woran merkt man, dass jemand Opfer von spiritueller Gewalt ist?

Es gibt Formen, die kann man nicht leicht erkennen, vor allem dann, wenn Menschen schon das ganze Leben darunter leiden. Aber wenn jemand mitten im Leben zum Opfer wird, gibt es deutliche Hinweise. Wenn eine Person mit einer religiösen Gruppe in Kontakt kommt, sich in den Einfluss einer anderen Person begibt und sich dabei radikal verändert. Zum Beispiel ihr Studium oder ihre Beziehungen abbricht oder heiratet, obwohl sie den Partner erst einen Monat kennt; wenn wichtige Lebensentscheidungen unter dem Einfluss Dritter getroffen werden. Ein Indiz ist auch, wenn Sprache sich verändert. Jemand spricht von „Energien“, „der Gemeinschaft“, oder „dem Weg“. Ein bestimmter Wortschatz der Gruppe wird übernommen.

Wer sind die häufigsten Opfer dieser Form von Gewalt?

Jeder kann Opfer spiritualisierter Gewalt werden. Aber Jugendliche und junge Erwachsene sowie Menschen in besonderen Stress- und Umbruchsituationen sind besonders gefährdet. Da, wo spiritualisierte mit sexualisierter Gewalt einhergeht, sind erwachsene Frauen die vermutlich größte Opfergruppe. Leider wird sexueller Missbrauch in den Kirchen fälschlicherweise oft als ein Problem betrachtet, das ausschließlich Minderjährige betrifft. Mancherseits wird das Thema sogar homofeindlich instrumentalisiert. Das ist ärgerlich und aus vielen Gründen falsch, nicht zuletzt verschleiert es, wie viele erwachsene Frauen von Geistlichen missbraucht werden. Laut einer amerikanischen Studie aus den 1990er-Jahren haben 30 Prozent der befragten Ordensfrauen sexuelle Übergriffe im Orden erlebt, die meisten durch ihre Beichtväter.

Was kann man gegen spiritualisierte Gewalt tun?

Spiritualisierte Gewalt baut auf einer unglaublich subtilen, aber effektiven Form der Manipulation auf. Wenn man selbst Opfer ist, merkt man es daher oft nicht und kann lange gar nichts tun. Betroffene erkennen oft erst, dass sie Opfer von Gewalt geworden sind, wenn schon ganz viel passiert ist. Dann brauchen sie einerseits Unterstützung. Andererseits ist aber wichtig, dass sie die entscheidenden Dinge selbst tun, und nicht von wohlmeinenden Menschen erneut unter Druck gesetzt werden. Sie müssen selbst wieder mit sich in Kontakt kommen und spüren lernen, was sie selbst wollen. Das ist ein langer Weg, weil die Leute sich selbst oft fremd geworden sind.

Was kann dabei helfen?

Sehr hilfreich sind echte Beziehungen und Freundschaften. Auch Erfolgserlebnisse sind gut. Alte Hobbys aufgreifen, anfangen wieder Sport zu machen oder zu lesen. Und den Kontakt zu den Leuten abbrechen, unter deren Einfluss man stand.

Es gibt fast immer auch religiöse Praktiken und Konzepte, die einen getragen haben, und dafür gilt es, neue Orte zu finden.

Bedeutet das einen endgültigen Bruch mit der Religion?

Es ist ein eigener wichtiger Prozess für Betroffene, im Rückblick zu unterscheiden, was ihnen geschadet hat und was sie sich bewahren wollen, was sie weiter trägt. Man muss nicht mit allem brechen, nur mit den Personen und Konzepten, die einen gequält haben. Aber es gibt fast immer auch religiöse Praktiken und Konzepte, die einen getragen haben, und dafür gilt es, neue Orte zu finden.

Ist spiritualisierte Gewalt schlimmer als körperliche?

Ich glaube, dass es bei körperlicher Gewalt immer auch einen ideologischen oder spirituellen Unterbau gibt. Gewalttäter vermitteln ihren Opfern, dass diese körperliche Gewalt Sinn machen würde und Betroffene stehen so unter dem Einfluss der Täter, dass sie beginnen, das zu glauben. Selbst zu glauben, dass man es verdient hätte, geschlagen zu werden, ist vielleicht schlimmer als die Schläge selbst. Wenn es Tätern gelingt, jemanden in einen Sinnhorizont einzuschließen, in dem er immer ungenügend ist, ist das nicht nur ungeheuer belastend, es bricht auch die mentale Widerstandskraft der Betroffenen.

Es muss transparent und vernünftig geregelt sein, warum wer welches Amt hat und unter welchen Bedingungen er oder sie es auch wieder verlieren kann.

Wie kann man Strukturen schaffen, in denen spiritualisierte Gewalt keine Chance hat?

Zuerst braucht es einen grundsätzlichen Respekt vor der spirituellen Intimität jedes Menschen: Niemand hat ein Recht, Auskunft über die vermeintlichen Sünden eines anderen zu verlangen oder jemanden zum Gebet zu nötigen oder ihm eine bestimmte Deutung seines Lebens aufzuzwingen. Das muss auch in Religionsgemeinschaften klar sein. Die individuelle religiöse Praxis ist Sache des Individuums. Das ist beispielsweise in der katholischen Kirche leider nicht so klar. Ein anderer Punkt ist ein ausgewogenes System in der Organisationsstruktur. Es sollte ein ausgewogenes und transparentes Machtgefüge geben und eine vernünftige Legitimationsstruktur für Verantwortungspositionen. Es muss transparent und vernünftig geregelt sein, warum wer welches Amt hat und unter welchen Bedingungen er oder sie es auch wieder verlieren kann.

Gibt es Stellen, an die sich Betroffene wenden können?

Ich kann hier nur in Bezug auf die katholische Kirche antworten, wo es leider kein funktionierendes, flächendeckendes System gibt, das Menschen mit solchen Erfahrungen hilft. Betroffene haben sich bisher entweder an den Bischof gewendet, was in der Regel wenig geholfen hat, oder sie haben sich an Missbrauchsbeauftragte gewendet und erhalten da meist die Antwort, diese wären nur für sexuellen Missbrauch an Minderjährigen zuständig. Am ehesten finden Betroffene bisher Hilfe bei externen Ansprechpartnern wie Psychotherapeuten oder staatlichen Sektenberatungsstellen.

Wie kann man zu dem Thema forschen, ohne zu verzweifeln?

Man darf einfach keine Hoffnung haben, dass sich schnell etwas ändert. Was hilft, ist ein differenzierter Blick. Es gibt viele Menschen innerhalb der Kirchen, die mit Mut und Engagement gegen Machtmissbrauch und Gewalt einstehen. Diese Menschen sollten miteinander solidarisch und noch mutiger sein. Das Ziel ist nicht, die Kirche zu retten, sondern einzelnen Menschen zu helfen. Wenn ich einer Person, die ich begleite, einen kleinen Schritt helfen kann, bin ich glücklich. Und als Forscherin habe ich ohnehin nicht das Ziel zu verändern, sondern erst einmal nur zu beschreiben, und das ist in der aktuellen Gemengelage, wo speziell in der katholischen Kirche so viel bislang Unsichtbares sichtbar wird und neue Dynamiken entstehen, auch wahnsinnig spannend.

Die Teilnehmerzahl für den Vortrag ist aufgrund der Corona-Pandemie begrenzt. Es sind leider keine Plätze mehr verfügbar. 

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema