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Japans Männer und der Kult um ihr Haar
Das Haupthaar soll möglichst füllig und akkurat gepflegt sein. Geht es aus, wird mit Haarwasser, 
Transplantation und im Notfall auch Farbe nachgeholfen.

Japans Männer und der Kult um ihr Haar

Foto: Getty Images
Das Haupthaar soll möglichst füllig und akkurat gepflegt sein. Geht es aus, wird mit Haarwasser, 
Transplantation und im Notfall auch Farbe nachgeholfen.
Panorama 3 Min. 20.03.2019

Japans Männer und der Kult um ihr Haar

Nur am Haupt soll's sprießen: Japans Männer pflegen ein sehr intensives, aber gespaltenes Verhältnis zu ihrer Körperbehaarung.

(dpa) - Sanft streicht der breite Pinsel über die Wangen des Japaners. „Die meisten unserer Kunden kommen, um sich die Barthaare entfernen zu lassen“, erzählt Mami Kera, während ihr Kollege mit dem Pinsel Haarentfernungsgel gleichmäßig auf das Kinn des Kunden aufträgt. Anschließend wird die Haut bestrahlt. „Unsere Kunden finden es lästig, sich jeden Tag den Bart rasieren zu müssen. Andere finden es hässlich, dass die Haut nach der Rasur so blau aussieht“, erklärt die Sprecherin des Beautysalons „Rayrole“, einem der vielen auf Männer und ihre Haare spezialisierten Schönheitssalons in Tokio. Auch in Europa machen Männer bisweilen viel Aufhebens um ihre Haare. Für Japaner aber kann es beim Thema Haare geradezu haarig werden.

Der Bart als Streitobjekt

Ein Gericht gab kürzlich zwei Zugführern recht, die sich geweigert hatten, ihre Bärte zu rasieren. Die Transportbehörde in Osaka hatte unter dem damaligen Bürgermeister Toru Hashimoto ein Bartverbot für alle männlichen Angestellten ausgesprochen. Die beiden Zugführer, die schon seit mehr als zehn Jahren Bart trugen, empfanden die Verordnung als Eingriff in ihre Privatsphäre. Daraufhin wurden ihre Bonuszahlungen, die in Japan wichtiger Bestandteil des Gehalts sind, kurzerhand gekürzt. Die beiden Bärtigen zogen vor Gericht.

Das Tragen von Bärten sei eine Frage der „individuellen Freiheit“, urteilte das Gericht und verdonnerte die Lokalregierung zu einer Entschädigungszahlung. Bärte könnten nun mal nicht einfach so „an- und abgelegt“ werden. Allerdings, so das Gericht weiter, seien interne Regeln, die Angestellte zum Rasieren ihrer Bärte auffordern, an sich in Ordnung, da das Tragen von Bärten nicht notwendigerweise allgemein von der Gesellschaft „positiv“ gesehen werde. Nur hätte die Behörde das nicht als strikte Anweisung ausgeben sollen, sondern stattdessen die Betreffenden auffordern sollen, sich „freiwillig“ zu rasieren.


Dolls representing the next Japanese emperor Naruhito (L) and his wife Masako are displayed at Kyugetsu store in Tokyo on February 22, 2019. (Photo by Martin BUREAU / AFP)
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Die Bahn wird inzwischen nicht mehr länger von der Stadt betrieben und damit gibt es auch kein internes Bartverbot mehr. Die beiden Zugführer arbeiten weiter wie bisher – mit Bart natürlich. Für Japans berühmte Sumo-Ringer gilt dagegen seit Kurzem ein striktes Bartverbot. Der Sumoverband teilte den massigen Ringern mit, dass man fortan Barthaare nicht mehr länger dulden werde. Manche der Kolosse in Japans uraltem Nationalsport ließen während Wettkämpfen die Barthaare sprießen im Aberglauben, dass die ihnen Glück bringen. Der Kampfring sei heilig. Man wolle, dass sich die Leute beim Anschauen der Ringkämpfe „gut fühlen“, begründete der Verband das Bartverbot.

Dabei haben Japaner eigentlich allgemein kein großes Problem mit Barthaaren. „Es ist okay, wenn der Bart gepflegt ist“, sagt Expertin Kera. Trotzdem sind bärtige Büroangestellte eine Seltenheit. Wenn es allerdings um die Haare auf dem Kopf geht, können es für japanische Männer gar nicht genug sein. Wenn die Stirn immer sichtbarer wird, dann durchleben japanische Männer bisweilen ein regelrechtes Trauma.

Haarwuchsmittel erleben einen Boom. Mancher schmiert sich gar schwarze Paste auf den kahlen Schädel, damit es wenigstens irgendwie nach „Bewuchs“ aussieht. Andere streichen sich jedes noch verfügbare Haar so penibel nebeneinander über den Kopf, dass man auch von „Barcode“-Köpfen spricht – in Anspielung auf die Strichcodes bei Kassenbons. Beim Thema Brusthaar winkt der Japaner dagegen ab: Die oftmals nur spärlich sprießenden Brusthaare müssen weg.


asdf
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„Für Japanerinnen ist es ja längst normal, dass sie sich die Körperhaare entfernen. Dieses Schönheitsideal hat sich irgendwann auch auf japanische Männer übertragen“, weiß Beauty-Expertin Kera. Auch in ihrem Salon zahlen viele Kunden viel Geld, um sich nicht nur die Brust- und Barthaare entfernen zu lassen, sondern gleich alle am Körper, um am Ende glatt wie ein Zäpfchen dazustehen.

In einem Land mit so ausgeprägter Badekultur wie Japan wird Reinlichkeit und Pflege nun mal als wichtig empfunden. Aber auch die Medien und das Showgeschäft üben großen Einfluss aus. Ob Sportler oder Entertainer, viele sind glatt rasiert. „Asiatische schwarze Haare fallen ziemlich auf, vor allem, wenn die Haut blass ist“, erklärt Kera. Das sehe nun mal nicht so gut aus, viele fänden das „eklig“. 


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