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„International Bridges to Justice“: Selbst Kinder trifft sie im Gefängnis
Panorama 4 Min. 25.06.2016 Aus unserem online-Archiv

„International Bridges to Justice“: Selbst Kinder trifft sie im Gefängnis

Die Menschenrechtlerin wurde im Jahr 1964 in Kalifornien in eine chinesische Immigrantenfamilie aus Hongkong hineingeboren.

„International Bridges to Justice“: Selbst Kinder trifft sie im Gefängnis

Die Menschenrechtlerin wurde im Jahr 1964 in Kalifornien in eine chinesische Immigrantenfamilie aus Hongkong hineingeboren.
(FOTO: S. AGNETTI)
Panorama 4 Min. 25.06.2016 Aus unserem online-Archiv

„International Bridges to Justice“: Selbst Kinder trifft sie im Gefängnis

Yves BODRY
Yves BODRY
Die UNO-Stadt Genf ist voller Gegensätze. Während es Diplomaten in der Regel an nichts fehlt, sind Nichtregierungsorganisationen oft knapp bei Kasse. Das ist bei der weltweit tätigen „International Bridges to Justice“ nicht anders.

VON PHILIPPE REICHEN (TAGES-ANZEIGER/GENF)

Die UNO-Stadt Genf ist voller Gegensätze. Während es Diplomaten in der Regel an nichts fehlt, sind Nichtregierungsorganisationen oft knapp bei Kasse. Für großzügig bemessene Räume in gläsernen Bürotürmen, in denen Diplomaten gerne zu Gesprächen empfangen, fehlt NGOs schlicht das Geld. Das ist bei der weltweit tätigen, ambitionierten NGO „International Bridges to Justice“ (IBJ) nicht anders. Bei einem Jahresbudget von drei bis vier Millionen Franken müssen Ressourcen gezielt eingesetzt werden. 

Die rund ein Dutzend IBJ-Angestellten am Hauptsitz in Genf arbeiten darum abseits vom noblen UNO-Viertel in dunklen, engen Büros. Das Mobiliar ist in die Jahre gekommen. Es scheint gar so, als benützen einzelne Mitarbeiter ihre privaten Laptops. Bescheidenheit ist man gewohnt. Alle wissen: Im Leben gibt es wichtigere Dinge als weich gepolsterte Bürostühle. Dabei geht Karen Tse, Gründerin und Leiterin von IBJ, als gutes Beispiel voran. 

Die im Jahr 1964 in Kalifornien in eine chinesische Immigrantenfamilie aus Hongkong hineingeborene Menschenrechtlerin reist für ihre NGO seit bald zwei Jahrzehnten rund um den Globus. Sie verschafft sich Zugang zu Strafgefangenen, trifft Beschuldigte, die seit Jahren in Untersuchungshaft auf eine Anklage warten; Karen Tse spricht mit Häftlingen, die von Polizisten gefoltert wurden und, obschon unschuldig, Geständnisse egal welchen Inhalts ablegten, nur um körperlicher Gewalt zu entkommen; und immer wieder begegnet sie Kindern, die von der Justiz irgendwelcher Straftaten bezichtigt werden und schon wegen kleiner Diebstähle in Gefängnissen landen. 

Karen Tse, selbst Mutter zweier Kinder, sagt: „Für uns geht es im Umgang mit Beschuldigten nicht um gut oder böse. Es geht alleine um die Grundsätze des Rechtsstaats. Kein Kind gehört ins Gefängnis, die Folter gehört abgeschafft und jeder Angeschuldigte hat ein Recht auf eine sorgfältig geführte Strafuntersuchung und muss von einem Anwalt verteidigt werden, selbst wenn er sich keinen Rechtsbeistand leisten kann.“ 

Peinlicher Justizirrtum 

Karen Tse, die Theologie und Rechtswissenschaften studierte, geht mit „International Bridges to Justices“ Probleme von allen Seiten an: von oben, unten, rechts und links. Sie sagt: „Wir sprechen mit Regierungsmitgliedern über das geltende Recht in ihren Ländern und regen auch zu Reformen an, unterhalten uns mit Staatsanwälten über faire Strafverfahren, sensibilisieren Polizisten für Menschenrechte, gewinnen Anwälte für kostenlose Rechtsvertretungen und klären Strafverfolgte über ihre prozessualen Rechte auf.“ Je früher jemand einen Anwalt habe, desto kleiner sei das Risiko eines Missbrauchs: für den Angeschuldigten selbst, aber auch für zukünftige Generationen, so Tse. Die Arbeit ist enorm. IBJ geht davon aus, dass weltweit drei Millionen Menschen in Gefängnissen sitzen, gegen die die Justiz nie Anklage erhoben hat. 

IBJ macht regelmäßig Fälle öffentlich, welche die Öffentlichkeit aufschrecken, wie vor kurzem in Sri Lanka. Dank eines von IBJ engagierten Anwalts musste die sri lankische Justiz im Februar drei wegen Mordes verurteilte Männer freilassen. Die Männer waren im April 2013 verurteilt worden, nachdem Polizisten eine völlig entstellte Leiche aufgefunden, aber keine Hinweise auf die Täterschaft hatten. Weil zeitgleich ein Fischer als vermisst gemeldet wurde, glaubten die Polizisten, es handle sich beim Toten um den verschwundenen Fischer und verhafteten drei Tatverdächtige in dessen Umfeld. Peinlich wurde es für die sri lankische Justiz, als der von IBJ engagierte Anwalt den vermissten Fischer in Vietnam ausfindig machte, als Zeuge in seine Heimat berief und damit bewies, dass die drei Männer nichts mit dem Mordfall zu tun haben konnten. Wäre IBJ nicht mit einem Anwalt eingesprungen, säßen die Männer noch heute unschuldig im Gefängnis. 

Mit guten Argumenten überzeugen 

Um Probleme gezielt angehen zu können, betreibt die NGO mittlerweile in sechs Staaten Büros: in China, Kambodscha, Indien, Burundi, Zimbabwe und Ruanda. Dort gewinnt sie Anwälte für ihre Anliegen und bildet Strafverteidiger aus, die Angeschuldigten beistehen. Gemäß eigener Angaben arbeitet IBJ weltweit mit 400 Verbänden, Universitäten und anderen NGOs zusammen und hat bis heute 22 000 Anwälte ausgebildet, von deren Arbeit 30 000 Menschen direkt profitierten. 

Darüber hinaus finanziert sie in fast 40 Ländern Projekte sogenannter „Justice Makers“, die darauf abzielen, lokale Justizsysteme in irgendeiner Form zu reformieren. Die Tätigkeiten von „International Bridges to Justice“ sind nicht überall gerne gesehen. Wenn Staaten eine Einmischung in innere Angelegenheiten wittern, leisten sie Widerstand und überwachen die Aktivitäten der NGO sehr genau. Solches beobachtet auch Karen Tse. Sie betont aber, man verurteile keinen Staat, sondern setze nach dem Muster Schweizer Außenpolitik auf Neutralität, Unparteilichkeit und „soft governance“. 

Man wolle Regierungen mit guten Argumenten und nicht politischem Druck überzeugen, Justizsysteme zu reformieren, so Tse. Hilde Schwab, die sich im Beirat der NGO engagiert, sagt: „IBJ versucht nicht konfrontativ, sondern pragmatisch vorzugehen.“ Das sei bei der fragilen Rechtssicherheit in gewissen Staaten sehr wichtig. Um in Zukunft einen noch intensiveren, weltweiten Wissens- und Erfahrungsaustausch mit Anwälten, Anwaltskammern, Justizministerien und „Justice Makers“ zu pflegen, ist IBJ in Genf daran, einen sogenannten Internet Justice Hub zu entwickeln. 

Über den Hub sollen beispielsweise Strafrechtnormen diverser Staaten abrufbar sein, es sollen sich Anwälte auch mit Lernprogrammen ausbilden, über Straffälle austauschen und Wissen hinterlassen können. Karen Tse erfhofft sich einiges von diesem Projekt. Sie sagt: „Diese Internetplattform bringt neue, globale Lösungen für eine gerechte Strafjustiz.“