Wählen Sie Ihre Nachrichten​

In einem Brüsseler Luxushotel: Sklavenarbeit für acht Prinzessinnen
Panorama 3 Min. 11.05.2017 Aus unserem online-Archiv

In einem Brüsseler Luxushotel: Sklavenarbeit für acht Prinzessinnen

Wie aus tausenduneiner Nacht? Die Fassade des Brüsseler Hotels Conrad.

In einem Brüsseler Luxushotel: Sklavenarbeit für acht Prinzessinnen

Wie aus tausenduneiner Nacht? Die Fassade des Brüsseler Hotels Conrad.
Foto: LW-Archiv
Panorama 3 Min. 11.05.2017 Aus unserem online-Archiv

In einem Brüsseler Luxushotel: Sklavenarbeit für acht Prinzessinnen

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
2008 logierten acht Prinzessinen monatelang im Brüsseler Hotel Conrad. Ihre über 20 Angestellten hielten sie dabei wie Sklaven. Die belgische Polizei intervenierte, aber erst jetzt kam es zum Prozess.

(dpa/tom) - Sie hatten die gesamte Etage eines Luxushotels gemietet, lebten dort wie Prinzessinnen aus dem Morgenland - und sollen mehr als 20 Dienstboten wie Sklaven gehalten haben: Die Witwe eines Scheichs und ihre sieben Töchter müssen sich seit Donnerstag vor einem Gericht in Brüssel verantworten. Die Anklage wirft ihnen Menschenhandel, Freiheitsberaubung sowie unmenschliche und erniedrigende Behandlung ihrer Opfer vor.

"Unser Schlaf hing von ihrem Schlaf ab." - Eines der Opfer bei der Ankunft im Gerichtssaal.
"Unser Schlaf hing von ihrem Schlaf ab." - Eines der Opfer bei der Ankunft im Gerichtssaal.
AFP

Mit mädchenhafter Stimme erzählt eine Zeugin am ersten Prozesstag, wie sie nach Abu Dhabi gelockt wurde. „Dort hat man mir meinen Pass abgenommen“, sagt die junge Frau, die später im Tross der reichen Scheichfamilie Alneyahan nach Brüssel kam. Dort, so schildern es die Anwälte der Betroffenen, hätten die Köche, Dienst- und Kindermädchen für ihre Herrschaft schuften müssen. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. „Unser Schlaf hing von ihrem Schlaf ab“, gab eine Frau zu Protokoll - die Dienstmädchen hätten auf Matratzen vor den Zimmern der Prinzessinnen auf deren Befehle warten müssen.

"Gegen die Menschenwürde"

Eingesperrt, zusammengepfercht, ohne Lohn, als „Kühe, Hündinnen und Huren“ beschimpft: „Die Arbeitsbedingungen verstießen gegen die Menschenwürde“, erklärt der Anwalt Philippe Mortiaux. Deshalb fordere die Nebenklage 2500 Euro Schadenersatz für jedes Opfer - und sechsstellige Euro-Beträge für ausstehendes Gehalt wären auch fällig; in einem Fall gut 467 000 Euro, berechnet nach belgischem Recht für monatelangen 24-Stunden-Dauerdienst.


Eine Prinzessin und Gefangene: Latifa al Maktoums Hilferuf
Nach einem Fluchtversuch vor drei Jahren wird Prinzessin Latifa al Maktoum in Dubai gefangen gehalten. In Videobotschaften schildert sie ihre verzweifelte Lage. Einer ihrer Fluchthelfer von damals wurde 2018 in Luxemburg festgenommen.

Die Angeklagten hatten die Zimmerflucht im vierten Stock gleich auf Jahresbasis gemietet - eine Prinzessin, so heißt es, habe sich in Brüssel einer Fruchtbarkeitsbehandlung unterzogen. Die Prinzessinnen, deren Verteidiger an diesem Freitag zu Wort kommen sollen, hatten die Vorwürfe schon vorab zurückweisen lassen. Doch die Beschuldigungen wogen so schwer, dass es nach jahrelangem juristischem Hin und Her doch noch zum Prozess kam. Und das auch nur, weil verzweifelte Dienstmädchen trotz strenger Bewachung aus dem Luxushotel fliehen konnten und sich an die Behörden wandten.

Ihr Schicksal hatte 2008 über Belgien hinaus Aufsehen erregt, ist aber beileibe kein Einzelfall. Fast 21 Millionen Menschen sind nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) weltweit Opfer moderner Sklaverei, darunter 11,4 Millionen Frauen und Mädchen. 19 Millionen würden von Privatleuten oder Unternehmen zu Arbeiten im Haushalt, in der Landwirtschaft, in Fabriken und auf Baustellen oder zur Unterhaltung gezwungen. Fast ein Viertel dieser 19 Millionen wiederum werde sexuell ausgebeutet.

Selten erfährt eine größere Öffentlichkeit etwas vom Schicksal dieser Sklavenarmee. Mal landet ein britischer Rentner vor Gericht, der ein behindertes Mädchen aus Pakistan zehn Jahre lang zu erzwungenem Sex und Hausarbeit im Keller gefangen hielt. Mal verurteilen Richter in London einen Prinzen aus Saudi-Arabien wegen Mordes an seinem Diener zu lebenslanger Haft. Ein andermal findet ein Arzt 23 Nägel im Körper einer Frau aus Sri Lanka, die ihre saudischen Arbeitgeber ihr bei jeder Klage über unmenschliche Arbeitsbedingungen ins Fleisch rammten: „Teufel ohne einen Funken Mitleid“ seien ihre Peiniger gewesen, sagte das ehemalige Dienstmädchen laut „Arab News“.


Menschenhandel in Luxemburg: Dienststelle betreut 24 Opfer
Wie verbreitet moderne Sklaverei hierzulande wirklich ist, weiß niemand: Es fehlt an konkreten Statistiken. 2019 hat eine soziale Dienststelle 24 Opfer betreut, die Dunkelziffer ist Experten zufolge jedoch viel höher.

Die wenigen bekannt gewordenen Fälle beschränken sich nicht auf ferne Länder: „Seit vier Jahren war ich nicht beim Arzt, ich durfte nie allein raus, ich habe immer nur gearbeitet, ich habe keinen Lohn bekommen“, erzählte eine 52-Jährige aus Ghana im vergangenen Jahr von ihrem Dasein in einem Berliner Diplomatenhaushalt. Sie fand Hilfe in einer Beratungsstelle gegen Menschenhandel. Und 2013 erstritt eine damals 33-jährige Indonesierin vor Gericht 35 000 Euro für 19 Monate sklavenähnliche Tätigkeit als Haushaltshilfe eines arabischen Attachés in Berlin; der Prozess war erst möglich geworden, als der Mann ausreiste und damit seine Immunität als Diplomat verlor.

Die Prinzessinnen kamen nicht zum Prozess

Die angeklagten Prinzessinnen nahmen den Gerichtstermin nicht wahr - nach belgischem Recht ist das möglich.
Die angeklagten Prinzessinnen nahmen den Gerichtstermin nicht wahr - nach belgischem Recht ist das möglich.
AFP

Die acht Prinzessinnen aus dem Brüsseler Luxushotel wähnten sich nach Ansicht der Nebenklage „über dem Gesetz“. Sie kamen auch nicht zum Prozess, was nach belgischem Recht möglich ist. „Es wäre für die Opfer extrem wichtig gewesen, wenn die Angeklagten hier erschienen wären“, meinte Anwalt Mortiaux. Immerhin könnte das Urteil in einigen Wochen als Warnung an alle skrupellosen Arbeitgeber dienen.

Die Familie Alneyahan ist eine der einflussreichsten der Vereinigten Arabischen Emirate. Ihr gehört unter anderem der Fußballclub Manchester City.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Acht arabische Prinzessinnen wurden zu jeweils 15 Monaten Gefängnis auf Bewährung veruteilt. Ihnen wird Menschenhandel vorgeworfen.
"Unser Schlaf hing von ihrem Schlaf ab." - Eines der Opfer bei der Ankunft im Gerichtssaal.
Empörung über Sklaverei-Vergleich
Der neue US-Minister für Wohnungsbau ist - nicht zum ersten Mal - verbal entgleist. In einer Rede vor Mitarbeitern bezeichnete er afrikanische Sklaven als "Einwanderer, die einen Traum hatten".
Ben Carson bei seiner Antrittsrede vor den Mitarbeitern seines Ministeriums.