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In der Lorraine minière zu Gast

In der Lorraine minière zu Gast

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In der Lorraine minière zu Gast


von Henri LEYDER/ 24.08.2019

Bunte „Kolonie“- Häuser in Villerupt.Gerry Huberty

Auf der vierten „Stippvisite in der Großregion“ geht es ins frühere Lothringen, zu einer Gedenkstätte für Naziopfer und einer mysteriösen Quelle.

Von Esch/Alzette aus führt unsere vierte Stippvisite in der Großregion in das Lothringen der ehemaligen Eisenerz-Grubenarbeiter hinein. Wendepunkt ist das Städtchen Briey und sein romantischer Plan d’eau. Der Besuch einer Gedenkstätte für die Opfer eines Nazi-KZs und des mysteriösen Quellgebietes der Alzette bilden den Abschluss.

Text: Henri Leyder / Fotos: Gerry Huberty

Die Startflagge - für die etwa 105 Kilometer lange Tour - senkt sich vor dem hypermodernen Retortenstädtchen Belval, d. h. am Ende der Autobahn A4 Luxemburg-Esch/Alzette. Aus dem  Verteilerkreis heraus folgen wir dem Wegweiser Villerupt/Audun-le-Tiche, um - unter Belval durch – auf dem direktesten Weg in das Département Moselle der République française zu gelangen. Nach fünf Kilometern erreichen wir den geschichtsträchtigen Ort: Audun-le-Tiche. Auf luxemburgisch Däitsch-Oth, Däitsch, weil Tiche aus dem Altfranzösischen Thiois stammt, was nichts anders heißt als „deutsch“.

In Audun angekommen (siehe auch Kasten), verlassen wir den großen Kreisel in Richtung Villerupt. Die neue Straße dorthin führt über die ausgedehnte Brache des einstigen Eisenhüttenwerks Micheville. Heute  wächst linksseitig der Straße ein „Ecoparc“, ein französisches Complément zu Belval.

Liebenswerte „Kolonien“

Nehmen wir uns nun dem eingangs angekündigten Besuch bei den ehemaligen Mineuren an. Er führt uns fast ausschließlich in Wohnsiedlungen. Sie waren Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Boden gestampft worden, um Arbeitskräfte anzulocken und sesshaft zu machen. Ganze Cités wurden gebaut. In Luxemburg werden sie „Kolonien“ bezeichnet, in Frankreich „Corons“, was präzise auf Arbeitersiedlungen in Bergbaugebieten hinweist. Kolonien gab und gibt es auch in Luxemburg, aber bei weitem nicht so viele wie im nördlichen Lothringen und nicht in der lothringischen Dichte. Unser Besuch soll lediglich vor Augen führen,  wie verschieden die Corons waren und wie bescheiden die Familien leben mussten – und sie heute in dritter oder vierter Generation das noch tun (müssen).

Der Lac de la Sangsue in Briey.
Der Lac de la Sangsue in Briey.
Gerry Huberty

Sobald wir die Ville fleurie Villerupt – und damit das Département Meurthe-et-Moselle – erreicht haben, biegen wir nach rechts in die rue Joseph Ferry ab, kurz danach in das dritte Sträßchen links. Fast an dessen Ende angekommen,  verlassen wir es rechts über eine kurze Steigung, halten uns dann links und fahren bei der ersten erlaubten Gelegenheit wieder in die Cité und damit in ein Sträßchen mit, auf der linken Seite, einer langen Zeile winziger Häuser… Zurück in der rue Joseph Ferry biegen wir nach rechts, an der Ampel nochmals rechts ab, anschließend am Hôtel de Ville vorbei, danach links Richtung Metz/Thionville. Kaum 100 Meter  nach dieser Gabelung führt unser Weg uns nach rechts in die rue Georges Clemenceau (École J. Ferry). Wir folgen ihr bis hinauf vor eine moderne Hochhaus-Siedlung (ohne Autoverkehr zwischen den Gebäuden). Unsere Route verläuft links an ihnen vorbei. Sie gewährt einen Panoramablick auf eine ausgedehnte Siedlung am Berghang gegenüber mit bunten Einfamilienhäusern; es handelt sich um schmale Zwillingshäuser! Drüben sind verschiedene Straßen so eng, dass wir unsere Route lieber nicht hineinlegten…

Bemerkenswerter „Coron“ an der Rue de Varsovie in Tucquegnieux, unweit Trieux.
Gerry Huberty

Über die rue Ernest Renan erreichen wir die Hauptstraße, wo wir uns rechts halten. Zwei Haarnadelkurven folgen, dann der Villerupt-Cantebonne. Wir halten die Hauptstraße, geradedurch bis nach nach Crusnes-Cités (!). Dort fast am Ortsausgang angekommen, laden mehrere kleine Wegweiser ein, nach links abzubiegen, einer davon empfiehlt einen Besuch (bei) der Église Sainte-Barbe. Eine Rundfahrt durch die 1910 gegründete Cité verdeutlicht, wie sie einst ausgesehen hat – bevor Anbauten daneben und Garagen davor errichtet wurden.

Kirche aus Stahl und Blech

Ein Unikat ist die Kirche, eine „église de fer“. Sie war 1939 als Modell für ein Gotteshaus aus Stahl und Blech errichtet worden, auf dem afrikanischen Kontinent hatte man sich das große Geschäft versprochen. Es blieb aus. Die Kirche rostete über Jahre vor sich hin. Sie wurde in den 1990ern nach und nach restauriert – private Spender machten das möglich! Heute ehrt eine an der Eingangspforte angebrachte Tafel sie als Patrimoine historique – Vieilles maisons françaises, was offensichtlich nicht verhindert, dass der Rost wieder beginnt, ihr zuzusetzen!


Ein gut erhaltener Hochofen als eindrucksvoller Zeuge der Eisenerzverhüttung in der Mitte des 19. Jahrhunderts; wie das Schloss von Cons steht auch er unter Denkmalschutz.
Stippvisite in der Großregion
Falls Sie am Wochenende noch nichts vorhaben. Hier einige touristischen Höhepunkte quasi direkt vor der Haustür.

Zurück auf der Hauptstraße biegen wir nach links ab. Im Rond-point außerhalb der Ortschaft gibt der Wegweiser „Autobahn“ die Richtung vor, wir bleiben aber unbeirrbar auf der D906. Sie führt nach Beuvillers hinein, dort an einem Brocanteur mit einer nicht alltäglichen Auslage vorbei, weiter über Audun-le-Roman und Sancy-Gare bis exakt vor die Ortstafel Trieux. Hier folgen wir der Tucquegnieux, das wir laut Ortstafel schnell erreicht haben. Etwa 300 Meter weiter wagen wir uns linksseitig in die rue de Varsovie, dann, nahezu sofort, der Einbahnregel Folge leistend, in die rue de Belgrade. Links und rechts von ihr erheben sich Arbeiterhäuser in Viererblöcken aneinander geschweißt! Viel Wohnraum dürfte keines bieten…  Nach dem zweiten Fußgängerüberweg biegen wir zweimal nach links ab und gelangen zurück in die rue de Varsovie. Beindruckend die lange Häuserzeile, jedes Häuschen mit zwei großen Gauben. Waren das noch Zeiten, als man es fertigbrachte, dem Aussehen von sogar einfachen Wohnhäusern eine Seele zu verleihen…

Die Cité Radieuse

Zurück auf der Hauptstraße, der D145, fahren wir weiter Richtung Tucquegnieux. Sie führt bald an weiteren „Corons“ vorbei. Unser nächstes Ziel heißt Bettainvillers. Welch schöne Aussicht zwischen beiden Ortschaften! Im Ortszentrum überqueren wir die Hauptstraße. Nach Mancieulles und Mance ist Briey schnell erreicht. Um genau zu sein: Wir langen in Briey-en-Forêt und damit bei der nicht nur modern aussehenden Cité Radieuse an, die in den Jahren 1959-1960 nach Plänen des renommierten Architekten Le Corbusier errichtet wurde. Kernstück ist das – von weither sichtbare 110 Meter lange, 70 Meter hohe und 19 Meter breite Gebäude, das ursprünglich 339 Wohnungen enthielt; heute sind es „nur“ noch 301.

Im nächsten Rond-point schlagen wir die Richtung Maillot ein und gelangen damit in die rue Albert de Briey (D146). Ihr folgen wir und erreichen bald die „Vieille Ville“, das historische Zentrum. Es umgibt die nicht übersehbare Église Saint-Gengoult (12 Jh.). Hinter ihr liegt u. a. die Sous-Préfecture, links von ihr der Rathausturm, der Beffroi (18 Jh.). Rechts neben der Kirche tut sich eine schöne Aussicht auf hinunter in das Tal, in dem das Blau des Plan d’eau de la Sangsue glitzert. Dort wollen wir nun hin, nicht aber ohne ein wenig durch die fein herausgeputzten Vieille Ville geschlendert zu sein.

Am „Blutegel“-See

Wir besteigen unseren motorisierten Untersatz, folgen der D146 (rue du Maréchal Foch)  bis zu einer Gabelung mit Verkehrsampeln. Kaum 50 Meter weiter führt halbrechts die rue du Cloué nach Briey-Bas hinab. An deren Ende biegen wir scharf nach rechts ab. Von der nächsten Gabelung an gibt der Wargot die Richtung flussaufwärts vor – ihn nie überqueren! –, bis wir auf einem größeren Platz, der place Niederaussen unser Mobil abstellen. Hier nicht zu übersehen: Briey war einst eine Festungsstadt, sogar eine römische. Sie wurde im Jahr 1660 von den Franzosen geschleift.

Für eine Wanderung um den gleich oberhalb liegenden Plan d’eau de  la Sangsue (heißt: Blutegel), reicht eine Stunde völlig aus. Das Baden im See ist verboten. Erfrischungs- und Speisemöglichkeiten gibt es aber genug, auch am oberen Ende der Wasserfläche  (Siehe auch „Zum Einkehren“).

Mont-Bovillers.
Mont-Bovillers.
Gerry Huberty

Machen wir uns nun zurück auf den Heimweg – nicht ohne ganz am Ende zwei Besonderheiten einen Besuch abzustatten… Die place Niederaussen verlassen wir in die Richtung, aus der wir hergekommen waren, biegen dann aber sofort nach rechts ab, erreichen auf der Anhöhe Le Cerisier. Übrigens, kurz davor führt eine Straße hinab bei den See. Wir halten der Hauptstraße D643 die Treue, passieren La Malmaison und Mainville und zweigen weiter nach rechts ab in die D952, um der Reihe nach Mont-Bonvillers, Murville, Mercy-le-Haut, Morfontaine und Villers-la-Montagne zu durchqueren.

Eine schöne, stellenweise kurvenreiche  Strecke erwartet (nicht nur) die „sportlicheren“ Fahrer. Von Mainville bis Villers-la-Montagne fallen immer wieder Jahrhunderte alte Häuser und Kirchen auf. Deshalb lohnt sich ab und zu ein Abstecher in Ortsinnere, beispielsweise in den tiefer gelegenen Ortsteil Bonvillers von Mont-Bonvillers, in Mont selbst bei die Kirche Saint-Julien de Brioude (XII. und XIII. Jh.) oder, und vor allem, in Mercy-le-Haut. Aus dem Geschlecht der de Mercy war eine Reihe Persönlichkeiten hervorgegangen (siehe im Web unter „Maison de Mercy“), aber  nur die rue du Comté de Mercy erinnert an sie. Und Albert Lebrun (1871 – 1950) war von 1932 bis 1940 französischer Staatspräsident. In seinem Heimatort fand er seine letzte Ruhestätte.

In Villers-la-Montagne am Ende der Geradeausfahrt angekommen, biegen wir nach rechts ab, etwa 400 Meter weiter nach links, um Hussigny anzusteuern. Dort fahren wir gegenüber der Mairie nach rechts; nach etwa einem Kilometer zeigt ein Wegweiser u. a. in die Richtung Luxembourg.

Das fast unbekannte KZ…

Wer jetzt und hier bereits die Heimfahrt antritt, verpasst den Besuch einer in Luxemburg nahezu unbekannten KZ-Gedenkstätte und das kuriose Quellgebiet der Alzette: Wir fahren Richtung Luxembourg etwa einen Kilometer, schlagen dann rechtsseitig die Richtung Thil ein. Nicht zögern: als Besucher sind wir ein  „riverain“ (Anlieger). Im Tal angekommen, biegen wir bei der Eisenbahnbrücke nach rechts ab in den chemin du Gronde, erreichen schnell einen kleinen Parkplatz.

Die Krypta (mit einigen Exponaten) erinnert an das dortige Nazi-KZ.
Die Krypta (mit einigen Exponaten) erinnert an das dortige Nazi-KZ.
Gerry Huberty

Hier im Tal der Gronde  hatten die Nazis kurz vor Kriegsende ein KZ mit zehn Baracken eingerichtet. Nachdem die Alliierten Peenemünde ausgebombt hatten, mussten die eilig aus anderen Lagern herbeigeschafften Gefangenen in den Bergwerken zwischen Tiercelet und Hussigny V1- und V2-Raketen zusammenbasteln…  Vor der links oben und nur zu Fuß erreichbaren Gedenkstätte „Crypte 1944 – N’Oublions jamais“ gibt eine Info-Tafel nähere Auskunft. Durch die Fenster des Gebäudes sind einige Exponate zu erblicken.

… und die kuriose Alzette-Quelle

Um das Quellgebiet der Alzette zu erreichen, fahren wir nun unter der Eisenbahnbrücke durch, im Zentrum von Thil auf der Hauptstraße nach links bis – aufpassen! - genau vor die Tafel, die das Ortsende anzeigt. Dort gilt es, rechts hoch die Richtung Sainte-Claire einzuschlagen. Nach der ampelgeregelten schmalem Durchfahrt folgen wir dem Wegweiser Étang. Im Verteilerkreis erste rechts in die rue de l’Alzette (kein entsprechender Hinweis zu sehen!), an deren Ende sich ein leicht höher gelegener Angelweiher versteckt.

Nur, wo ist die Alzette? Sie tritt links am oberen Ende des Wasserspeichers erstmals ans Tageslicht, wird von weiteren kleineren Zuflüssen gestärkt, um am linken unteren Ende als Bach ihren Weg Richtung Luxemburg anzutreten. Wenige hundert Meter weit plätschert sie munter im Schatten von Bäumen und einiger Häusern dahin, um, außer zwei kurzen Ausnahmen, zumeist in Rohren und Tunnels weggesperrt, unterhalb Esch/Alzette als Fluss im Tageslicht zu erscheinen, der fröhlich „durech d’Wisen zéit“!!!

Zum letzten Mal wenden wir. Am Anfang der rue de l’Alzette nehmen wir die zweite Ausfahrt,  biegen nach dem zweiten Stoppschild nach links, steil ins Tal hinab. Über Villerupt langen wir, der Richtung „Luxembourg“ folgend, nach kaum zehn Minuten wieder in Belval an.

Dieser Text ist ursprünglich in AutoMoto erschienen.