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"Ich will wachrütteln"
Panorama 5 Min. 12.06.2018 Aus unserem online-Archiv

"Ich will wachrütteln"

Fabián Tomasi leidet unter einer unheilbaren Nervenkrankheit und schwindet langsam dahin.

"Ich will wachrütteln"

Fabián Tomasi leidet unter einer unheilbaren Nervenkrankheit und schwindet langsam dahin.
Foto: Pablo E. Piovano
Panorama 5 Min. 12.06.2018 Aus unserem online-Archiv

"Ich will wachrütteln"

Manon KRAMP
Manon KRAMP
Der Argentinier Pablo E. Piovano fotografiert von Krankheiten gezeichnete Menschen, die eines eint – die Ursache ihrer Leiden sind wahrscheinlich Insektizide und Pflanzenschutzmittel.

Die Bilder des 1981 geborenen Argentiniers Pablo Ernesto Piovano dokumentieren Unaussprechliches: von Krankheiten gezeichnete Frauen, Männer und Kinder, die eines eint – die Ursache ihrer Leiden sind wahrscheinlich Insektizide und Pflanzenschutzmittel, denen sie oder ihre Eltern ausgesetzt waren. Piovanos Reportage "Landwirtschaft der Gifte. Ihr Preis für den Menschen", die die katastrophalen Folgen von zwei Jahrzehnten des massiven Einsatzes von Agrarchemikalien in Argentinien dokumentiert, fand international Beachtung, und eine Auswahl von Bildern wurde als Buch veröffentlicht. Anlässlich einer Kampagne der Umweltschutzorganisation natur&ëmwelt gegen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat weilte Paviano für eine Konferenz und eine Ausstellung im Großherzogtum. Das "Luxemburger Wort" traf den Fotojournalisten im Haus vun der Natur in Kockelscheuer.

Pablo Piovano, in Ihrer Ausstellung "Der menschliche Preis von Agrargiften" zeigen Sie, was Herbizide und Pestizide mit den Menschen in Argentinien anrichten. Wen wollen Sie mit diesen Fotos erreichen?

Anfangs waren meine Bilder über die Auswirkungen von Agrarchemikalien auf die Menschen als fotografischer Essai konzipiert, doch sie haben mittlerweile die Grenzen der Fotografie überschritten und sich – zumindest in Argentinien – in ein Volksanliegen verwandelt. Die Fotos werden mittlerweile im Museum gezeigt, aber auch die Öffentlichkeit hat sie sich angeeignet und verwendet sie bei Demonstrationen oder bei Recherchen für akademische Thesen. Dies war nicht mein Ziel, und das Ergebnis hat auch mich überrascht.

Lucas Techeiro kam mit einer unheilbaren Hautkrankheit zur Welt, die durch einen Gendefekt verursacht wird. Seine Eltern arbeiteten auf Plantagen in denen giftige Chemikalien eingestzt wurden.
Lucas Techeiro kam mit einer unheilbaren Hautkrankheit zur Welt, die durch einen Gendefekt verursacht wird. Seine Eltern arbeiteten auf Plantagen in denen giftige Chemikalien eingestzt wurden.
Foto: Pablo E. Piovano

Luxemburg hat sich 2017 gegen eine Zulassungsverlängerung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein, ausgesprochen. Agrarschwergewichte der EU wie Deutschland oder die Niederlande haben einen weiteren Einsatz von fünf Jahren gutgeheißen. Glauben Sie, dass Ihre Bilder ein Umdenken bei den Politikern und der breiten Öffentlichkeit bewirken können?

Ich fotografiere, um die Erinnerungen der Menschheit zu dokumentieren. Ich bin aber auch ein wenig romantisch, so wie Don Quichotte, und hoffe, dass meine Arbeit zu Veränderungen in der Gesellschaft führt und zu einem Nachdenken darüber, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Ein Großteil der argentinischen Landwirtschaft hat industrielle Ausmaße. Dort wird sehr viel Chemie eingesetzt. Nicht nur Glyphosat, sondern ein ganzer Cocktail aus gefährlichen Substanzen wie 2,4-D, Endosulfan oder Atrazin, die in anderen Ländern längst verboten sind. Doch in Argentinien kommen sie weiterhin auf die Felder.

Pablo E. Piovano lebt als Fotojournalist in seiner Geburtsstadt Buenos Aires. International wurde er für seine Fotoreportagen mit etlichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet.
Pablo E. Piovano lebt als Fotojournalist in seiner Geburtsstadt Buenos Aires. International wurde er für seine Fotoreportagen mit etlichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet.
Foto: Guy Jallay

Sie haben Menschen fotografiert, die verstümmelt oder geistig behindert sind, die unter Muskelschwund und genetischen Mutationen leiden, die Hautkrankheiten oder Krebs haben … Wie traten Sie an die Betroffenen heran und wie verlief die Arbeit?

Die Menschen, die ich für das Projekt besuchte, haben gemerkt, dass mein Anliegen ehrlich ist, und eingewilligt. Ich habe bei rund 100 Betroffenen angeklopft, und alle haben mir ihre Tür geöffnet. Ich habe dann bei ihnen zu Hause auf dem Sofa gesessen, und wir haben miteinander geredet.

Wie lange waren Sie für Ihr Projekt unterwegs?

Die Arbeit hat drei, vier Jahre gedauert, und ich bin viel herumgereist.

Gibt es ein persönliches Schicksal, das Sie während der Entstehung des Projekts besonders berührt hat?

Ja, Fabián Tomasi aus Basavilbaso, den ich als Ersten für dieses Projekt fotografierte. Er hat früher ohne Schutzkleidung Flugzeuge zum Versprühen von Pestiziden beladen. Als ich ihm begegnete, war ich erschüttert. Er litt unter einer schweren Nervenkrankheit, die es ihm nur noch erlaubte, einen Finger zu bewegen, sowie fortgeschrittenem Muskelschwund. Sein Körper war so ausgemergelt wie der eines KZ-Insassen. Um ihn besser kennenzulernen, wohnte ich mehrere Tage in seinem Haus. Ich schätze ihn sehr und besuche ihn auch heute noch. Wir haben sogar gemeinsam Weihnachten gefeiert. Angesichts seines Zustands ist er ein wichtiger Zeuge. Je schwächer sein Körper wird, desto stärker wird sein Wille, die wenige Zeit, die ihm bleibt, in Würde zu leben und zu nutzen, um gegen Agrargifte zu kämpfen.

Jessica Scheffers Körper ist wegen genetischer Mutationen komplett deformiert.
Jessica Scheffers Körper ist wegen genetischer Mutationen komplett deformiert.
Foto: Pablo E. Piovano

Haben Sie sich jemals gesagt "Jetzt ist Schluss, ich kann nicht mehr!"?

Nein, ich wollte das Projekt auf jeden Fall abschließen. Als Journalist kommuniziert man zwischen zwei Welten – ich tue dies mit meiner Kamera und meinen Fotos. Man trägt eine gewisse Verantwortung und sollte eine angefangene Arbeit auch beenden.

Können Sie ein unparteiischer Betrachter bleiben?

Mein Standpunkt als Journalist ist nicht objektiv. Wir sind Menschen mit Gefühlen, einer Intelligenz. Es ist unmöglich, angesichts dessen, was passiert, unparteiisch zu bleiben. Vor allem, weil diese Tragödien sich ständig wiederholen. Es ist zwar der Schmerz des anderen und nicht der eigene, doch die dazwischen verlaufende Grenze ist wie ein feiner Faden: Bringt man ihn zum Schwingen, wirkt sich das auf beide Seiten aus. Auch auf den Journalisten. Dieser muss ethisch korrekt vorgehen und die Wahrheit erzählen. Er sollte aber auch Partei ergreifen für diejenigen, die in Not sind.

Ihre Bilder werden mittlerweile weltweit gezeigt und von vielen Organisationen als warnende Fallbeispiele genutzt, um die Notwendigkeit eines Verbots gefährlicher Agrarsubstanzen zu untermauern ...

Bei meinen ersten Aufnahmen, die ich ohne Unterstützung eines Verlegers oder anderer Organisationen machte, zeichnete sich noch gar nicht ab, dass die Bilder einmal um die Welt gehen würden. Damals waren nur zwei Sachen wichtig: Mein Verlangen zu erzählen, was in Argentinien passierte, und das Bedürfnis der betroffenen Menschen, dass über sie berichtet wird. In den Medien meines Heimatlandes herrscht ein komplizenhaftes Schweigen – man spricht einfach nicht über das Thema. Erst später ist mir die Reichweite meiner Arbeit klar geworden. Ich musste die Bilder zuerst im Ausland zeigen, um eine Reaktion in Argentinien auszulösen.

Ihre Aufnahmen sind eigentlich verstörend, wirken jedoch auf den ersten Blick sehr ästhetisch. Macht Schwarz-Weiß sie erträglicher?

Meine Entscheidung, Schwarz-Weiß der Farbe vorzuziehen, beruht auf dem intimen Empfinden, dass Farbbilder eher in der Gegenwart verankert sind. Das Monochrome bietet dem Betrachter kaum Möglichkeiten, vom Thema abgelenkt zu werden. Zudem finde ich Schwarz-Weiß dramatischer. Es macht die Bilder schöner, aber auch zeitlos und erlaubt es mir, die Menschen, die mir vertrauensvoll ihre Privatsphäre geöffnet haben, auf würdevolle und respektvolle Weise zu porträtieren.

Was treibt Sie an?

Ich möchte das Gewissen und die Gefühle von so vielen Leuten wie möglich wach rütteln. Im Grund geht es in meiner Arbeit um das Leben, das Sakrale daran. Es geht um Kontinuität und um das Wohl der Erde und des Wassers. Es ist eine Arbeit der Dankbarkeit gegenüber all dem, was Leben spendet. Ich hoffe dass meine Fotos die Menschen berühren und Positives bewirken, indem sie helfen, Leiden anderer zu lindern.

“The Human Cost of Agrotoxins“, von Pablo E.
Piovano, erschienen im Kehrer-Verlag,
ISBN 978-3-86828-767-7, 38 Euro
“The Human Cost of Agrotoxins“, von Pablo E. Piovano, erschienen im Kehrer-Verlag, ISBN 978-3-86828-767-7, 38 Euro

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