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„Ich trete nicht als Unbeteiligter an“
Claus Kleber (2.v.l.) und sein Übersetzer Issmail (l.) im Gespräch mit syrischen Flüchtlingen im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos.

„Ich trete nicht als Unbeteiligter an“

Foto: Nikolaus Winter/ZDF
Claus Kleber (2.v.l.) und sein Übersetzer Issmail (l.) im Gespräch mit syrischen Flüchtlingen im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos.
Panorama 5 Min. 04.12.2018

„Ich trete nicht als Unbeteiligter an“

Moderator Claus Kleber spricht im Interview über seine Menschenrechts-Doku und die „Erdogans und Trumps der Welt“.

Interview: Cornelia Wystrichowski

Millionen Zuschauer kennen ihn als Gesicht des „heute-journals“: Claus Kleber gehört zu den bekanntesten Fernsehjournalisten Deutschlands. Der 63-Jährige macht jedoch auch regelmäßig als Buchautor und Reporter von sich reden. Für seinen neuen Dokumentarfilm „Unantastbar – Der Kampf für Menschenrechte“, der am Dienstag, dem 4. Dezember, um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt wird, reiste er um die halbe Welt, um gemeinsam mit seiner Kollegin Angela Andersen die Lage der Menschenrechte in Ländern wie Guatemala, China oder der Türkei zu beleuchten und Experten wie die amerikanische Politikerin Madeleine Albright zu interviewen. Anlass des 90-minütigen Beitrags ist das Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen verkündet wurde.

Claus Kleber, warum ist das Thema Menschenrechte gerade jetzt so wichtig?

Am Anfang unseres Films stand ein Jubiläum: der 70. Jahrestag der Menschenrechtserklärung am 10. Dezember. Ich kann gar nicht genug staunen, dass 1948, als Europa noch in Trümmern lag, der Kraftakt unternommen wurde, eine Art Grundgesetz für die Menschheit zu schreiben. Eines, das freiheitliche Gesellschaften überall auf der Welt ermöglichen und zudem verhindern soll, dass es so etwas wie die Angriffskriege der Nazis oder den Holocaust noch einmal gibt. Es wurde über 70 Jahre eine Erfolgsgeschichte – mit Rückschlägen. Aber im Prinzip war diese Idee immer auf dem Vormarsch. Jetzt aber ist sie offenbar in die Defensive geraten. Sie wird niedergebrüllt von den Dutertes und Erdogans und Trumps der Welt. Jeder auf seine Weise. Dem stellt sich unser Film entgegen.

Warum ist es um die Menschenrechte so schlecht bestellt?

Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geht die Zahl freiheitlicher Demokratien auf dem Planeten zurück, und selbst in Ländern, die sich immer noch Demokratien nennen, wie etwa Ungarn und Polen, geraten fundamentale Rechte wie die Gleichbehandlung der Religionen unter Druck. Es sind ja immer als erstes die Rechte von Minderheiten, die beschnitten werden. Und es ist ein ganz großer Verlust für die gemeinsame Sache, dass Amerika im Kampf für die Menschenrechte zurzeit nicht an Bord ist.

Wie macht man aus einem abstrakten Thema wie den Menschenrechten einen spannenden Film?

Es war wirklich eine große Herausforderung, aus diesen hehren Gedanken einen spannenden Fernsehabend zu machen. Zumal wir ja keine Geschichtsstunde machen wollten und bewusst auf die historischen Bilder verzichten, auf denen Eleanor Roosevelt das berühmte Dokument in der Hand hält. Uns ist es wichtig, die Lage heute zu zeigen. Die Herausforderung war, dafür spannende und bildstarke Geschichten zu finden.

Der Film zeigt Menschen aus aller Welt, die sich für die Menschenrechte einsetzen. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Die Kollegen der regierungskritischen türkischen Tageszeitung Cum Hürriyet haben mich sehr beeindruckt. In Deutschland muss kein Journalist fürchten, ins Gefängnis zu kommen, wenn er die Kanzlerin verbal angreift. Da frage ich mich: Wie viele von uns, die wir in Komfort und Bequemlichkeit unseren Beruf ausüben, würden ihrem Job weiter unabhängig nachgehen, wenn ihnen diese Gefahren drohen würden? Und dann haben wir uns alle in Anne verliebt, eine robuste, herzlich-fröhliche afrikanische Krankenschwester, die das Menschenrecht auf medizinische Versorgung und Aufklärung zu Frauen und Männern in den entlegensten Ecken Kenias bringt.

Sehen Sie sich als Journalist besonders in der Verantwortung, für eine gerechte Welt einzutreten?

Auf jeden Fall. Am Anfang des Films heißt es ja auch explizit, dass dieser Beitrag gar nicht neutral sein will. Und gerade im China-Kapitel des Films, in dem ich mit chinesischen Gesprächspartnern über die Menschenrechte diskutiere, trete ich nicht als Unbeteiligter an, sondern stehe für die westliche Idee individueller Grundrechte.

Wo liegt der Unterschied zwischen der westlichen und der chinesischen Auffassung der Menschenrechte?

Der Einzelne muss in China seine Rechte der Harmonie des Ganzen unterordnen. Der chinesische Politologe Zhang Weiwei sagt im Interview: „Euer System der individuellen Rechte führt dazu, dass ein Clown wie Donald Trump an die Macht kommt, dass Menschen auf die Straße gehen und plündern.“ Das chinesische System verfolge die wahren Interessen der Menschen, zum Beispiel Sicherheit oder die Bekämpfung der Armut. Man kann in Shanghai zu jeder Tageszeit sicher nach Hause kommen, es gibt dort praktisch keine Gewaltverbrechen – um den Preis der totalen Überwachung. Das sind in den Augen der Staatspartei wichtigere Menschenrechte als, sagen wir, durch die Straßen zu laufen und „Nieder mit der Regierung!“ zu brüllen.

Und wie bewerten Sie das?

Ich finde, wir dürfen unsere Freiheit nicht gegen vermeintliche Sicherheit eintauschen. Ein System, das eine offene Diskussion nicht zulässt, wird immer in einem totalitären System enden.

Konnten Sie in allen Ländern ungehindert arbeiten?

Wir konnten überall frei arbeiten – zumindest dort, wo wir waren. Wir haben aber in der Türkei gar nicht erst den Versuch unternommen, frei in der Stadt zu drehen, sondern haben nur innerhalb des Gebäudes von Cum Hürriyet gedreht. Wir wollten eigentlich auch in Indonesien drehen und dort über psychisch kranke Menschen berichten, die dort wie Kettenhunde behandelt werden und an Fußfesseln vegetieren. Aber erst haben wir das Visum nicht gekriegt, und als man es uns doch erteilt hat, hieß es: „Zu Ihrer Unterstützung wird in jeder Minute, die Sie drehen, ein Mitarbeiter des Innenministeriums mit dabei sein.“ Da haben wir lieber verzichtet.

Wie ist es um die Menschenrechte in Deutschland bestellt?

Ich habe bei großen Organisationen wie Amnesty International nachgefragt. Die Antworten zeigen, dass die Menschenrechte auch bei uns verletzt werden. Flüchtlinge werden schlecht behandelt, Menschen anderen Glaubens, anderen Aussehens werden ausgegrenzt, und die Sozialgesetzgebung ist manchmal an der Grenze dessen, was in unserer Gesellschaft noch als menschenwürdig gelten kann. Aber das sind politisch erkannte Probleme, es gibt offene Debatten und Versuche, die Dinge zu ändern. Nichts von dem ist vergleichbar mit Menschenrechtsverletzungen anderswo auf der Erde.

Sie haben auch mit Altbundespräsident Joachim Gauck gesprochen, der sagt, dass Deutschland eine besondere historische Verantwortung dafür hat, sich für die Menschenrechte einzusetzen …

Das war ein ganz wichtiges Interview für mich und ich schließe mich den Worten von Joachim Gauck an. Die Menschheitsverbrechen der Nazis waren der Antrieb zu dieser Erklärung, Deutschland war quasi unfreiwilliger Geburtshelfer – daraus resultiert eine Verpflichtung. 


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