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„Ich bin noch immer nervös“
Panorama 1 5 Min. 23.11.2021
André Rieu im Interview

„Ich bin noch immer nervös“

André Rieu bei einem Konzert in Amsterdam im Januar 2020.
André Rieu im Interview

„Ich bin noch immer nervös“

André Rieu bei einem Konzert in Amsterdam im Januar 2020.
Foto: GettyImages/Redferns
Panorama 1 5 Min. 23.11.2021
André Rieu im Interview

„Ich bin noch immer nervös“

Der Star-Geiger spricht über sein neues Album, seine Erfahrungen aus der Corona-Krise und die Leidenschaft fürs Backen.

Interview: Olaf Neumann

André Rieu gilt als Künstler der Superlative und das nicht nur, weil er mehr Platten und Konzertkarten verkauft als jeder andere klassische Musiker auf der Welt. Kürzlich erschien seine neue CD+DVD „Happy Together“, die er im kommenden Jahr live vorstellen möchte. Im Interview spricht der krisenerprobte Geiger und Dirigent aus Maastricht darüber, wie er es schafft trotz der Pandemie optimistisch zu bleiben.

André Rieu, aufgrund der Pandemie durften Sie 17 Monate lang keine Konzerte geben. Ist das Live-Spielen durch irgendetwas zu ersetzen? 

Nein, absolut nicht! Deswegen habe ich mich auch immer geweigert, Konzerte im Internet zu geben. Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern klappt das bei uns leider nicht. Ich brauche unbedingt den Kontakt zum Publikum. Ich will, dass die Leute lachen, singen, tanzen, knutschen – alles. In meinen Konzerten ist alles erlaubt. Deswegen war die Pandemie für uns echt schrecklich, denn alles, was meine Konzerte so fröhlich und romantisch macht, war plötzlich verboten. Ich kann und will nicht mit Abstand spielen. Meine Konzerte sind eine große Party. 

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Hat die Corona-Krise Ihnen viele schlaflose Nächte bereitet? 

Nein, das nicht. Ich habe, als das Ganze losging, mich in die Geschichte der Pandemien vertieft und entdeckt, dass sie durchschnittlich ungefähr zwei Jahre gedauert haben. Also habe ich mich von Anfang an auf eine Pause von dieser Länge eingestellt. Als Unternehmen bekam ich vom niederländischen Staat finanzielle Unterstützung und musste niemanden entlassen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe 120 Mitarbeiter, inklusive meines Orchesters. 

Backen und Musik haben zwei Dinge gemeinsam: Beides macht Spaß und beides gibt Genugtuung, wenn es gelingt.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie nachts nichts einschlafen können?

Ich kann immer und überall schlafen! Meine Frau Marjorie vergleicht mich immer mit einem Lipizzaner. Sie sagt: „Entweder du rennst oder du schläfst.“ Der einzige Moment, wo ich erst mal nicht einschlafen kann, ist nach einem Konzert. Da bin ich noch zu voll von Adrenalin. 

Während der Corona-Zeit haben Sie jeden Tag eine große Torte für die ganze Straße gebacken. Gehen Sie dabei genauso kreativ vor wie beim Musikmachen?

Backen und Musik haben zwei Dinge gemeinsam: Beides macht Spaß und beides gibt Genugtuung, wenn es gelingt. Wenn ich nach einem Konzert nicht einschlafen kann, schaue ich mir auf Youtube Kochfilmchen an. Ich habe schon immer gerne und viel gekocht. Und während der letzten Monate auch das Backen für mich entdeckt. Ich kann einfach nicht still sitzen. Ich brauchte für den Tag eine Struktur, also habe ich morgens alles vorbereitet, war dann in meinem Studio und habe an neuen Programmen, CDs und Konzertmitschnitten gearbeitet und am Nachmittag die Torten gebacken. Die Leute haben das geliebt, auch mein Sohn Pierre und seine Familie, die nebenan wohnen. 

Sie haben auch Spanisch gelernt mit den Comics von Tim & Struppi. Tim ist ein Reporter und Hobby-Detektiv, der viel herumreist. Können Sie sich mit ihm identifizieren? 

Mit den vielen Reisen ja. (lacht) Aber ich bin weder Reporter, noch Hobby-Detektiv. Den Job überlasse ich gerne anderen! 

Tim und Struppi sind furchtlos und lassen sich nicht unterkriegen. Braucht man auch für Ihren Beruf eine gewisse Furchtlosigkeit? 

Jeder, der auf die Bühne geht, braucht eine gewisse Furchtlosigkeit. Ich bin noch immer schrecklich nervös vor jedem Auftritt, aber das hört sofort auf, wenn das Konzert beginnt. 

Jedes Stück, das ich spiele, ist in dem Moment ein Teil von mir.

Im Juni haben Sie die Orchesterproben im Studio wieder aufgenommen. Wie hat sich das angefühlt? 

Unglaublich und sehr emotional. Wir hatten uns 17 Monate lang nicht gesehen, so lange wie noch nie. Und dann war es sofort wie immer! 

Wie viele Musikstücke sind mittlerweile Teil von Ihnen? 

Jedes Stück, das ich spiele, ist in dem Moment ein Teil von mir. Ich wähle ein Musikstück nur danach aus, ob die Melodie mein Herz berührt. Für mich ist nicht wichtig, ob es von Giuseppe Verdi oder ABBA komponiert wurde, ob es fröhlich oder traurig ist, solange es mich wirklich berührt. Denn dann weiß ich, dass es auch die Herzen meines Publikums berührt. Das können so unterschiedliche Stücke sein wie die Liebes-Arie „Caro nome“ aus Verdis Oper Rigoletto oder „Macarena“ von Los del Rio. Ich habe über die Jahre wirklich gelernt, wie ich Programme zusammenstelle, die mein Publikum fröhlich nach Hause gehen lassen. Die Leute wissen vorher nie, was ich spiele, aber sie wissen, wir haben einen unvergesslichen Abend miteinander, mit viel Humor und viel Romantik.


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Ein Musiker muss sich so einiges einfallen lassen, um das Interesse des Hörers zu wecken. Wird das schwerer, weil Sie so schon viele Platten gemacht haben?

Bei meinen Konzerten wird es nicht schwerer, denn wir haben so ein großes Repertoire, dass ich immer neue Programme zusammenstellen kann. Dann gibt es natürlich auch Stücke wie „Nessun dorma“, die lieben die Menschen sehr und freuen sich darauf, sodass ich sie öfter spiele. Für mein neues Album „Happy Together“ haben wir gerade viele Stücke zum ersten Mal aufgenommen, etwa „Berliner Luft“, den „Estudiantina-Walzer“, „Donauwellen“, „Semper Fidelis“ oder auch ein in Australien sehr bekanntes und wunderschönes Lied namens „Wiyathul“. Ein besonderes Highlight war für mich die Zusammenarbeit mit den Höhnern! Mit ihnen zusammen habe ich „E levve lang“ als Walzer eingespielt, denn sie wünschten sich eine Version, zu der Hochzeitspaare tanzen können. 

Welche neuen Erkenntnisse haben sich Ihnen offenbart, als Sie Ihr neues Album „Happy Together“ gemacht haben?

Dass ich mein Orchester in der Zeit davor unglaublich vermisst habe! Aber eine neue Erkenntnis war das nicht. (lacht) 

Was erzählt Ihr Album „Happy Together“ über uns und unsere Zeit? 

Es ist ein sehr fröhliches Album. Eine Erinnerung daran, wie es vor der Pandemie einmal war und bald wieder sein wird!

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