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Hugh Bonneville: „Ich war gerne Europäer“
Panorama 1 6 Min. 25.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Hugh Bonneville: „Ich war gerne Europäer“

Vom TV-Darsteller zum gefeierten Serienstar: „Downton Abbey“ verhalf dem 55-jährigen Schauspieler zum internationalen Durchbruch.

Hugh Bonneville: „Ich war gerne Europäer“

Vom TV-Darsteller zum gefeierten Serienstar: „Downton Abbey“ verhalf dem 55-jährigen Schauspieler zum internationalen Durchbruch.
Foto: AFP
Panorama 1 6 Min. 25.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Hugh Bonneville: „Ich war gerne Europäer“

„Downton Abbey“-Star Hugh Bonneville spricht im Interview über den Film zur Serie, den Brexit und die britische Königsfamilie.

Interview: Mariam Schaghaghi  

„Downton Abbey“, sagte Hugh Bonneville einmal, „ist wie Breaking Bad, nur mit Tee statt Crystal Meth.“ Der britische Schauspieler muss es wissen: Sechs Staffeln, von 2010 bis 2015, führte er die TV-Serie als Robert Crawley, Earl of Grantham an. Die Serie aus der Feder von Julian Fellowes wurde nicht nur ein weltweiter Erfolg, sondern ein Kultphänomen und gewann zahllose Preise, allein sechs Emmys in der ersten Saison. Jetzt hat es „Downton Abbey“ auch ins Kino geschafft, mit einer neuen, abgeschlossenen Story – eine Wonne nicht nur für sehnsuchtsgeplagte Fans. Vorab traf das „Luxemburger Wort“ den Herrn des Hauses zum Gespräch.

Hugh Bonneville, mit welchem Gefühl sind Sie nach Jahren für einen Kinofilm nach Downton Abbey zurückgekehrt?

Es war ein ganz zauberhaftes Gefühl – als würde man in einen gemütlichen Pulli schlüpfen, den man sehr liebt. Es hatte auch etwas von einem Klassentreffen, aber nicht so ein peinliches, bei dem man am liebsten weglaufen würde, sondern ein richtig schönes. Wir haben uns alle gefreut uns wiederzusehen.

Ihre Filmfigur hat jedoch nicht das Vergnügen, alte Pullis zu tragen, sondern eher steife Cuts und Smokings ...

Stimmt. Privat trage ich solche Anzüge auch nicht. Man bewegt sich tatsächlich ganz anders, wenn man so edlen Zwirn anzieht. Mit einem hohen Hemdkragen, der so perfekt gebügelt ist, dass er rasiermesserscharf wird, sitzt man automatisch kerzengerade. Die Kostüme helfen tatsächlich dabei, sich sofort wieder in einer Rolle heimisch zu fühlen.

Haben Sie Ihre Figur, die Sie über sechs Staffeln spielten, schon manchmal vermisst?

Ich mag den alten Kerl schon sehr. Aber ich bin nur froh, nicht seine Heizkosten zu haben. Downton Abbey ist schon ein ziemlich großes Anwesen. (lacht)

Seit 2016 war Schluss mit Adel, Affären und Abbey. Worüber haben Sie sich nun beim Wiedersehen mit den Kollegen ausgetauscht?

Nun, wir sind über die Jahre zu Freunden geworden und haben uns regelmäßig getroffen, Abendessen organisiert und viel Spaß miteinander gehabt. Das war auch einer der Gründe, warum wir alle zugestimmt haben, den Film zu drehen: Wir wollten wieder gemeinsam vor der Kamera stehen. Das Problem waren nur die Terminkalender: Jeder hatte Projekte, überall auf der Welt verteilt. Aber weil wir es uns alle gewünscht hatten, haben wir es geschafft.

Hugh Bonneville: „Ich persönlich kann nur sagen, dass ich mich als Europäer sehe und es sehr traurig finde, was wir uns da antun.“
Hugh Bonneville: „Ich persönlich kann nur sagen, dass ich mich als Europäer sehe und es sehr traurig finde, was wir uns da antun.“
Foto: AFP

Auf der Kinoleinwand wirkt Lord Grantham tiefenentspannt, ihn kann noch nicht einmal der Besuch des Königspaars aus den Puschen hauen ...

… im wahrsten Sinne des Wortes! Tatsächlich hatte ich nicht viel zu tun außer herumzusitzen. Dafür wurde mir aber viel Geld gezahlt! (lacht) Nein, im Ernst, mir ist natürlich klar, dass die Geschichte von den jüngeren Schauspielern getragen wird und ich nicht wirklich viel dazu beizutragen habe. Aber das ist für mich vollkommen in Ordnung. Es ist sogar eine willkommene Abwechslung, mal eine Figur zu spielen, die keine inneren Konflikte austragen muss.

Sie sind seitdem eine Art Vater der Nation geworden. Fragen Sie fremde Menschen schon mal, ob Sie ihr Vater werden möchten?

Lustig, dass Sie das fragen. Das passiert wirklich immer wieder! Sie müssen meine Familie fragen, wie gut ich mich im echten Leben als Vater schlage, aber was meine Rollen betrifft, bin ich schon ein ziemlich beliebter Papa. (lacht)

Würden Sie sagen, dass „Downton Abbey“ Ihr Leben verändert hat?

Absolut, ja! Ich habe schon vor der Serie 30 Jahre recht erfolgreich als Schauspieler gearbeitet, aber Downton hat mir beruflich ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Zudem habe ich großartige Menschen kennengelernt, von denen einige Freunde wurden. Überall auf der Welt liebt man unsere Serie, noch heute bekommen wir Fanpost von Menschen, die jetzt erst „Downton Abbey“ für sich entdecken. Ich weiß zu schätzen, was die Rolle für meine Karriere geleistet hat. Ich hätte sonst sicher nicht die Rolle in „Paddington“ bekommen. Schon deshalb wird sie immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.

Downton Abbey spielt zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Was gefällt Ihnen an dieser Zeit?

Das Benehmen der Menschen, alle waren viel höflicher. Die Leute könnten heute durchaus etwas von der zivilisierten Kommunikation von damals lernen. Natürlich folgte auf diese Ära eine furchtbare Periode des Kriegs, aber die Höflichkeit von damals würde uns auch heute gut tun.

Glauben Sie, dass es an guten Manieren fehlt?

Manchmal verzweifele ich daran, wie wir Menschen miteinander umgehen. Wir sind kaum noch in der Lage, uns in andere hineinzuversetzen, ihre Meinungen nachzuvollziehen und sie zu tolerieren. Auch wenn die Gesellschaft damals nicht immer nur tolerant war, so hatte sie zumindest im öffentlichen Diskurs deutlich mehr Würde. Wir schreien alle nur noch unsere eigene Meinung heraus und interessieren uns überhaupt nicht mehr dafür, was andere zu sagen haben.

Hätten Sie gerne zu dieser Zeit gelebt?

Nein, absolut nicht. Das klingt jetzt vielleicht wie ein Widerspruch. Aber ich bin sehr froh, in der heutigen Zeit zu leben. Unsere Welt ist voller Möglichkeiten und wir haben längst nicht so strenge gesellschaftliche Hierarchien. Kaum jemand lebte damals in einem solchen Luxus wie diese Familie. Das normale Volk war viel schlechter dran. Aber dennoch hat die Serie einen Nerv getroffen.


ARCHIV - 25.11.2008, Großbritannien, London: Twiggy(l), mit bürgerlichem Namen Lesley Lawson, und ihre Tochter Carly sind zu Gast bei den British Fashion Awards in London. Am kommenden Donnerstag (19. September) feiert die Stilikone ihren 70. Geburtstag bei einem privaten Abendessen mit Familie und Freunden. (zu dpa ««Das Gesicht von 1966» - Twiggy wird 70») Foto: Daniel Deme/epa/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Twiggy wird 70
Sie hat eines der bekanntesten Gesichter der Welt und war das erste Supermodel der 1960er-Jahre. Nun wird die Stilikone Twiggy schon 70.

Damals hatten die Briten auch noch nicht Boris Johnson ...

(lacht) Na, zum Glück haben wir noch unsere Queen. Leider hat sie nicht mehr so viel Macht. Aber ich bin auch ziemlich sicher, dass wir in einem Jahr keinen Boris Johnson mehr an der Regierungsspitze haben werden. Wir befinden uns mit dem Brexit gerade vor einer Krise, wie es sie zu meinen Lebzeiten noch nicht gab. Ich habe nicht unbedingt Angst ... Aber es ist schon sehr traurig, was wir derzeit durchmachen müssen.

Wie stehen Sie persönlich zur britischen Königsfamilie?

Nun, vielleicht stehen wir gerade vor der größten existenziellen Krise in der Geschichte unseres Landes. Die Stabilität der Royals ist für uns Briten daher von unschätzbarem Wert. Vermutlich war die Queen für uns schon lange nicht mehr so wichtig wie aktuell. Unser Land richtet sich mit seinen Entscheidungen gerade selbst zugrunde. Zumindest an der Königsfamilie können wir uns noch festhalten.

Was würden Ihre Figur, der ehrwürdige Lord Robert über Ihre aktuelle Regierung sagen?

(seufzt) Ich denke an die Bilder von Jacob Rees-Moog, dem Politiker in Boris Johnsons Team. Er hat sich schrecklich daneben benommen: Er hat es sich auf den Sitzen des Parlaments gemütlich gemacht und legte die Füße hoch, als wäre es die Couch in seinem Wohnzimmer. Eine derartige Respektlosigkeit, gerade in so ernsten Zeiten, empfand ich als zutiefst beunruhigend. Robert hätte ihn dafür vielleicht sogar auspeitschen lassen ... – nein, so gnadenlos wäre er nie.

War während der Dreharbeiten der Brexit denn ein konstantes Thema?

Ich habe mit Julian Fellowes, dem Autor und Erfinder der Serie, darüber gesprochen, dass meine Figur vermutlich pro Brexit gewesen wäre, wenn man ihn vor die Wahl gestellt hätte. Das sagt sicher auch etwas über Julian aus, der die Rolle geschrieben hat. Ich persönlich kann nur sagen, dass ich mich als Europäer sehe und es sehr traurig finde, was wir uns da antun. Das Referendum war wohl einfach keine gute Idee, aber wir müssen nun damit leben. Man sollte über so komplexe Themen keine binären Ja-Nein-Fragen stellen. Das war ein Fehler. Mal sehen, wie das weiter geht, wir werden es sicher alle überleben. Aber ich war gerne Europäer. Und ich werde es vermissen.

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