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Pippas andere Seite

Für ihre Hochzeit hat Pippa Middleton jene PR-Spezialistin engagiert, die auch schon Victoria Beckham zum Imagewandel verhalf.
Foto: AFP

von Henriette Kuhrt

Wenn Pippa Middleton am morgigen Samstag ihren Verlobten, den 41-jährigen Investmentbanker James Matthews heiraten wird, dann ist das das offizielle Ende des „Pippa-Problems“.

Das Pippa-Problem entstand vor sechs Jahren während der Hochzeit ihrer Schwester Kate mit Prinz William – und ist ein Lehrstück dafür, was mit Frauen passiert, die von der Öffentlichkeit das Etikett „sexy“ aufgeklebt bekommen. Pippa Middletons Auftritt als Trauzeugin im schmal geschnittenen Seidenkleid sorgte dafür, dass mehr als zwei Milliarden Fernsehzuschauer sich eine Meinung über ihren Hintern bilden konnten. Das Urteil war eindeutig, die Welt hatte einen neuen It-Hintern, Schönheitschirurgen sprachen von einem neuen Körperideal, und die Braut konnte tief durchatmen: Die Boulevardpresse hatte in Pippa ein Opfer gefunden, eine Frau, die der Herzogin zwar stark ähnelte, aber nicht den Schutz des Königshauses genoss. Und so nahm das „Pippa-Problem“ seinen Lauf.

Es kann zwar durchaus ein Geschäftsmodell für eine Frau sein, einen schönen Hintern zu haben. Jennifer Lopez wurde für ihre facettenreiche Stimme berühmt, dank ihrem Hintern aber zum Superstar. Kim Kardashian war jahrelang die langweilige Assistentin von Paris Hilton, bis sie ihren Hintern auf Medizinballniveau vergrößern ließ: Seit kurzem verkauft sie Luftmatratzen in Form ihres Pos. Noch zeitgemäßer ist das Instagram-Model Jen Selter, die ihre Karriere einzig auf ihrem Po begründete und es als „derrière extraordinaire“ zu 11 Millionen Fans brachte.

Für die 33-jährige Pippa Middleton war der Ruhm als bester Hintern Englands weitaus weniger einträglich. Ihre enge Beziehung zur Königsfamilie machte es unmöglich, ihre neue Berühmtheit in eine Model- oder Fitnesskarriere zu verwandeln. Gleichzeitig profitierte sie aber auch nicht von der Rücksicht, die die königliche Familie genießt. So hatte Pippa Middleton zwar einen festen Platz in der Weltöffentlichkeit, aber keine entsprechende Rolle.

Egal ob in Blogs, sozialen Netzwerken oder der Printpresse: Über sie, ihre Figur, ihre beruflichen Projekte und ihr Liebesleben konnte grenzenlos spekuliert werden. Sogar ihre Brüste waren vor bösartigen Kommentaren nicht sicher. Die anfängliche Begeisterung für ihren Hintern verwandelte sich bald in einen wahren Hass auf die junge Frau, die das Glück hatte, ein Luxusleben führen zu dürfen. Reich, jung, sexy, das war zu viel des Guten: Pippa Middletons Sex-Appeal wurde zu einer Waffe, die nun rücksichtslos gegen sie verwendet wurde – immer nach dem altbekannten, läppischen Motto: „Sie wollte es ja auch.“

Beide Beine im Sack

„Ich wurde von der Öffentlichkeit schikaniert“, erklärte Pippa Middleton vor drei Jahren im US-TV. Mittlerweile habe sie ein dickes Fell, „aber die Zeit nach Kates Hochzeit war hart für mich. Ich musste allein damit klarkommen, dass alles Mögliche über mich erzählt wurde und hinter jedem Auto ein Mann mit einer Kamera hervorgesprungen kommen konnte.“

Der Autor Peter York hat mehrere Bücher über die Spielregeln der britischen Oberschicht geschrieben („Cooler, faster, more expensive“) und die Karriere der Middleton-Schwestern über die Jahre beobachtet. „Pippa scheint eine freundliche junge Frau zu sein, die niemandem etwas getan hat. Trotzdem hat sie eine überwiegend negative Presse, weil sie den Eindruck vermittelt, sie würde versuchen, mit dem Ruhm und dem Status ihrer Schwester Geld zu machen.“ Eine Einschätzung, die Pippa Middleton selber teilt: „Die Leute haben dieses Bild von mir als Partymädchen, das nicht arbeitet. Viele denken, ich sei privilegiert und würde meine Position zu meinem Vorteil ausnutzen.“

Das bezieht sich wohl vor allem auf Middletons Partybuch „Celebrate“ und ihre Sportkolumne im Gesellschaftsmagazin „Vanity Fair“. Wegen des Buchs hagelte es Häme: zum einen, weil die dort enthaltenen Ratschläge („Zum Sackhüpfen beide Beine in den Sack stecken“) wohl etwas zu grundlegend waren. Zum anderen wurde auch bekannt, dass Middleton einen Vorschuss von rund 500 000 Euro dafür erhalten hatte. „Mir fehlte damals einfach die Glaubwürdigkeit“, sagt Middleton heute über ihren Misserfolg.

Gleichzeitig wurde die Presse nicht müde, die Geschichte der aufstiegsgeilen Middleton-Mädchen zu wiederholen, die, angetrieben von Mom Carole Middleton, einen sozialen Aufstieg hinlegten, der das Selbstverständnis der britischen Klassengesellschaft erschüttern würde: Kate ist der Beweis dafür, dass sie dank bürgerlichen Tugenden (Selbstdisziplin, Ehrgeiz, Anpassungsfähigkeit) besser für das Leben als Royal geeignet ist als diese selber. „Die Herzogin ist eine Heilige“, sagt Peter York. „Sie begeht einfach keinen einzigen Fehler.“ P

ippa Middleton hingegen machte Fehler – und hat nun die PR-Spezialistin Jo Milloy engagiert, damit ihre Hochzeit nicht auch zu einer Image-Falle wird. Milloy gilt als Genie, ihr ist es schon gelungen, Victoria Beckham von der Spielerfrau im lila Hochzeitskleid in eine erfolgreiche Modedesignerin und Super-Unternehmerin zu verwandeln. Die ersten Erfolge von Milloys Spinning sind auch schon zu erkennen – Pippa Middleton versucht sich nicht mehr als Autorin, sondern ist nun Botschafterin der britischen Stiftung für Herzgesundheit. Eine perfekte Kombination: glaubwürdig, seriös, rein repräsentativ, eine Lücke, die Middleton ausfüllen kann.

Darüber aber, wer Pippa Middleton wirklich ist, kann man nur spekulieren. Sie besuchte – genau wie Catherine und ihr Bruder James – das teure Marlborough-Internat, wo die Unternehmerskinder den Habitus der Oberschicht erlernten. Später studierte sie an der Universität Edinburgh englische Literatur. Sie ist Sportlerin, spielt Tennis, fährt Ski, läuft Marathons. Zusammen mit ihrem Verlobten James Matthews hat sie das Matterhorn bestiegen und dabei Geld für die Stiftung von Matthews' verstorbenem Bruder gesammelt, der am Matterhorn ums Leben gekommen war.

Sie selbst bezeichnet sich als „ausdauernd und dickköpfig“, und trotz verschiedenen kleineren Skandalen – barbusig auf einer Jacht, peinliche Partyfotos aus Uni-Zeiten – kam niemals etwas wirklich Nachteiliges ans Licht. Ähnlich wie ihre Schwester Catherine hat sie das Glück, keine redseligen Ex-Freunde zu haben, die Details aus der Vergangenheit veröffentlichen. In den wenigen TV-Interviews spricht sie mit leiser, fast ein wenig unsicherer Stimme, ihre Sicht auf sich selbst wirkt reflektiert und selbstironisch. „Ich versuche, nicht zu empfindlich zu sein, wenn es um mein Leben in der Öffentlichkeit geht, das ist nun einmal ein Teil meines Lebens“, sagte sie einmal, „aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass diese negative Aufmerksamkeit spurlos an mir vorbeigeht.“

Darüber habe sie auch ausführlich mit ihrem Verlobten diskutiert, dessen Leben nun ebenfalls an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Als mäßig attraktiver Banker passt James Matthews in das bisherige Beuteschema von Middleton. Seine Eltern sind, ähnlich wie die Middletons, durch eigene Kraft und ein bisschen Glück zu Reichtum gekommen. James Matthews' Vater, David Matthews, ist ein ehemaliger Automechaniker und Gebrauchtwagenhändler, der 1995 das luxuriöse Hotel Eden Rock auf Saint Barths eröffnete. Er ist Gründer der Eden Rock Capital Management Group, die über ein Investitionsvolumen von knapp eine Milliarde Euro verfügt. Dementsprechend kann er Pippa Middleton einen luxuriösen Lifestyle bieten, 19-Millionen-Euro-Villa im teuren Londoner Stadtviertel Chelsea und Privatjet inklusive. Zudem besitzt seine Familie noch ein Luxusresort in Schottland, so dass Pippa mit der Hochzeit ebenfalls einen Titel erhält, wenn auch einen gekauften: Lady Glen Affric.

Das schwarze Schaf

Langweilig wird Pippa Middleton mit ihrer neuen Familie vorerst wohl nicht: Zum Clan gehört ein schwarzes Schaf, das für genügend Gesprächsstoff sorgen dürfte. James’ Bruder Spencer Matthews hat nicht nur an der englischen Version des Dschungelcamps teilgenommen, sondern auch in der Oberschichten-Reality-Show „Made in Chelsea“, die schöne reiche Menschen dabei zeigt, wie sie sich am Pool mit ihren Sexpartnern streiten. Gleichzeitig veröffentlichte der 27-Jährige eine Biografie über sein Leben als Rich Kid, in der er mitteilte, er sei von Steroiden abhängig gewesen und habe mit über 1 000 Frauen geschlafen.

Für die königliche Familie, die zumindest in Form von Catherine, William, ihren Kindern und Prinz Harry bei Pippas Hochzeit anwesend sein wird, natürlich nicht ganz die passende Gesellschaft. Doch für Pippa Middleton ist dieser exzentrische Clan genau die richtige Ergänzung zu dem perfekt getrimmten Leben ihrer Schwester. Zwar hat Herzogin Kate den großen Preis in der Titelhierarchie abgeräumt, doch gleichzeitig ist sie dazu gezwungen, ihren Luxus-Lifestyle mit Kleidern von Topshop und Zara abzufedern, damit sie in der Öffentlichkeit nicht als Steuergeld-Verschwenderin herüberkommt. Sie ist dafür bekannt, sich sogar anlässlich ihrer Hochzeit selbst geschminkt zu haben, hat öffentlichkeitswirksam auf eine Haushaltshilfe verzichtet (zumindest solange sie keine Kinder hatte) und muss für den Rest ihres Lebens regelmäßig öffentliche Auftritte absolvieren, also einer arbeitsähnlichen Beschäftigung nachgehen.

Vierkarätige Ringe

Solche Gedanken muss sich Pippa Middleton nicht mehr machen: Sie kann ihren vierkarätigen Verlobungsring so viel in die Kameras schwenken, wie sie mag, braucht sich vor niemandem dafür zu rechtfertigen, wenn sie ihre brillantenbesetzte Cartier-Uhr in Roségold trägt, und muss ganz bestimmt nicht bei Zara einkaufen, damit die Presse etwas Nettes über sie schreibt. Neben ihren Charity-Einsätzen kann sie in Zukunft nonstop reisen und Sport treiben, sich um etwaige Kinder, die Einrichtung und den Attraktivitätserhalt kümmern.

Der sprichwörtliche Ehrgeiz von Carole Middleton, ihre Töchter bestmöglich auf dem Heiratsmarkt zu positionieren, ist nun endgültig aufgegangen: Der alte Adel und das neue Geld, das war schon immer eine besonders effektive Konstellation, um sich aus der breiten Masse zu erheben. Bei Pippa Middleton und Herzogin Catherine bekommt die alte Strategie eine völlig neue Dimension – und morgen können alle dabei zusehen, wie die königliche Familie neben Reality-TV-Stars in der Saint Mark’s Church in Englefield (Berkshire) sitzen wird. Bisher undenkbar, doch die Middleton-Schwestern haben die englische Upper Class gründlich umgeräumt.

Das Pippa-Problem mag nun gelöst sein, doch die gesellschaftlichen Koordinaten des Adels haben sich für immer verschoben.

Artikel aus der „Neue Zürcher Zeitung“, Syndizierungspartner des „Luxemburger Wort“