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Heilige Anna in poppigem Pink
Panorama 2 Min. 19.09.2018

Heilige Anna in poppigem Pink

Eine Serie missglückter Restaurierungen erschüttert Spaniens Kunstszene. Jahrhundertealte Kirchenfiguren, Jesus-Fresken – nichts ist vor dem Eifer dilettantischer Restauratoren sicher.


Original (l.) und Relooking: Im Vorher-/Nachher-Vergleich wird deutlich, welch desaströsen Schaden der Eingriff der Möchtegern-Restauratorin der Holzskulptur zugefügt hat.
Original (l.) und Relooking: Im Vorher-/Nachher-Vergleich wird deutlich, welch desaströsen Schaden der Eingriff der Möchtegern-Restauratorin der Holzskulptur zugefügt hat.
Foto: AFP

(KNA) - Spaniens jahrhundertealte Kunstschätze sind in Gefahr. Nicht der viel zitierte Zahn der Zeit bedroht sie. Weitaus verheerender ist das wohlmeinende Wirken dilettantischer Hobbyrestauratoren. Der neueste Fall ereignete sich im asturischen Dorf Ranadoiro und sorgt über die Landesgrenzen hinaus für Spott und Entsetzen.

Die Inhaberin des örtlichen Tabakladens nahm sich vor, das wohl bedeutendste Stück Sakralkunst der Region auf eigene Faust mit frischen Farben "zu verschönern": eine Holzfigurengruppe aus dem 15. Jahrhundert – eine sogenannte Anna selbdritt, die neben der heiligen Anna ihre Tochter Maria und das Jesuskind zeigt. Die ursprünglich unbemalte Skulptur steht in einer Kapelle und diente Besuchern als Andachtsbild.

Was Maria Luisa Menendez mit der Erlaubnis des Dorfpfarrers und einigen Eimern Decklack anrichtete, bezeichnen Experten als "Desaster". Tatsächlich ist der neue Look der Figurengruppe verstörend. Die heilige Anna trägt ein knallpinkes Gewand, ihre Lippen leuchten als roter Kussmund. Obendrein wurde sie mit schwarzem Eyeliner traktiert. Maria und Jesus erfuhren eine ähnliche Behandlung.

"Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll", sagte Luis Suarez Saro, Kunstdozent und professioneller Restaurator aus Asturien. Er hatte die wertvolle Figurengruppe aus Nussholz vor 15 Jahren behutsam und nach eingehender Untersuchung restauriert.

Fehlendes Unrechtsbewusstsein

Maria Luisa Menendez kann die Aufregung um ihre Arbeit nicht verstehen. "Ich bin keine professionelle Malerin, aber ich habe das immer gerne gemacht", gab sie nach vollendeter Tat zu Protokoll. Auch die Nachbarn seien mit dem Ergebnis zufrieden gewesen. Schließlich habe die Skulptur vorher "grauenvoll" ausgesehen. Die lokalen Behörden sind anderer Auffassung. Sie halten den Vorfall für "eine Schande" und prüfen rechtliche Schritte. In den sozialen Netzwerken spotten Nutzer aus aller Welt über Ranadoiro.

Dem Spanischen Restauratorenverband (ACRE) ist nicht zum Lachen zumute. Er kritisiert bereits seit langem einen "desaströsen" Trend zu laienhaften Restaurierungen selbst bei wertvollsten Kunstschätzen. Derlei Eingriffe von "unfähigem" Personal seien ein "Anschlag auf das kulturelle Erbe" des Landes, so die Experten. Zuletzt hatten sie eine ganze Reihe von Fällen zu beklagen. Meist ist Kirchenkunst betroffen.

Im Juni löste die Restaurierung einer Figur des heiligen Georg in der Provinz Navarra Empörung aus. Das in einer Kirche der Gemeinde Estella aufbewahrte Werk aus dem 16. Jahrhundert sah nach der Prozedur aus, als sei es einem Comic-Heft entsprungen. Kritiker sprachen von einer "Hommage an ,Tim und Struppi‘", der Bürgermeister tobte.

Verantwortlich war der Ortspfarrer. Er hatte ohne Rücksprache mit den Kulturbehörden eine befreundete Handarbeitslehrerin mit dem Projekt beauftragt.

Missetat wird Touristenattraktion

Wenn es in Spanien solche Schlagzeilen gibt, ist oft von einem weiteren "Ecce Homo" die Rede. Das legendäre Scheitern der über 80 Jahre alten Hobbymalerin Cecilia Gimenez in Borja gilt als die Mutter aller missglückten Restaurierungen. Als sie im Jahr 2012 mit der Auffrischung des Freskos "Ecce Homo" in der Kirche Santuario de Misericordia fertig war, glich Jesus eher einem Äffchen als dem Sohn Gottes. Medien weltweit wurden auf die Geschichte aufmerksam. Für "Restauratorin" Cecilia Gimenez nahm die Sache aber ein positives Ende. Sie bekam eine eigene Ausstellung, und der "Affen-Jesus von Borja" ist heute ein Touristenmagnet. 


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