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Großevents: Masken, Frischluft und Hygiene-Stewards
Panorama 3 Min. 31.10.2020 Aus unserem online-Archiv

Großevents: Masken, Frischluft und Hygiene-Stewards

Die Forscher haben bei der Konzertstudie verschiedene Sitzplatzoptionen durchprobiert, um eine optimale Lösung für Events zu finden.

Großevents: Masken, Frischluft und Hygiene-Stewards

Die Forscher haben bei der Konzertstudie verschiedene Sitzplatzoptionen durchprobiert, um eine optimale Lösung für Events zu finden.
Foto: Fabius Leibrock
Panorama 3 Min. 31.10.2020 Aus unserem online-Archiv

Großevents: Masken, Frischluft und Hygiene-Stewards

Auch in Corona-Zeiten können Großevents mit Publikum unter gewissen Auflagen stattfinden. Das ist das Ergebnis des Forschungsprojekts „RESTART-19“.

Von Fabius Leibrock

Ende August spielte der Singer-Songwriter Tim Bendzko in Leipzig im Rahmen einer Studie mehrere Konzerte. Etwas mehr als Tausend Menschen sind dem Aufruf der Universitätsmedizin Halle (Saale) gefolgt und warteten geduldig im Regen vor der Quarterback Immobilien Arena in Leipzig auf Einlass. 72 Stunden vor Beginn des Experiments mussten sich alle Teilnehmer auf das Corona-Virus testen lassen. Vor dem Eingang wurde die Körpertemperatur gemessen. Jeder erhielt eine FFP2-Maske, fluoreszierendes Desinfektionsmittel und einen Tracer. Dieser kommunizierte alle 25 Millisekunden mit anderen Tracern in der Umgebung, um Abstände zu messen und daraus Bewegungsprofile abzuleiten. 

Die Gesellschaft sehnt sich nach Gemeinschaft, die Wissenschaft ist die Basis für Gemeinschaft.

Thomas Moesta, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Halle (Saale)

Der Studientag war lang, über acht Stunden hinweg wurden drei verschiedene Szenarien getestet. Im ersten Szenario saßen die Zuschauer dicht aneinander, zwar mit Maske, aber ohne Abstand, wie vor der Pandemie. Jeweils ein Platz links und rechts von jeder Person blieb im zweiten „Schachbrett Muster“-Szenario frei. Das dritte Szenario garantierte volle anderthalb Meter Abstand zu anderen Zuschauern. Trotz dieser ungewöhnlichen Umstände gelang es Tim Bendzko, das Publikum zu begeistern. Es schien, als wäre Corona für einen kurzen Augenblick vergessen. 

Kein wissenschaftlicher Schnellschuss 

In den letzten Wochen sind die mit den Kontakt-Tracern gesammelten Daten ausgewertet und modelliert worden. Auch wurden Luftströmungssimulationen durchgeführt. Die vorgestellten Auswertungen haben „Hand und Fuß“ und seien „kein wissenschaftlicher Schnellschuss“, konstatiert Thomas Moesta, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Halle (Saale). Die Gesellschaft sehne sich nach Gemeinschaft, die Wissenschaft sei die Basis für Gemeinschaft. 

Bei dem Konzert mit Tim Bendzko ging es vor allem um die Messung der Kontakte. Während man im ersten Szenario mit neun Personen länger als 15 Minuten Kontakt hatte, war es im dritten und zugleich strengsten Szenario nur eine einzige Person. Befragte Studienteilnehmer fühlten sich vor allem im zweiten und dritten Szenario sicher. Beim Einlass und während der Pausen fanden viele Kontakte statt. 

Dies müsse in Hygienekonzepten berücksichtigt werden, so Studienleiter Stefan Moritz von der Universitätsmedizin Halle (Saale): „Die Ergebnisse decken sich mit unseren Thesen insoweit, als dass wir vermutet haben, dass die Kontakte, die bei einer Veranstaltung erfolgen, nicht alle Teilnehmenden umfassen. Deshalb könnten Veranstaltungen unter bestimmten Bedingungen auch in der Pandemie-Situation stattfinden.“ Um Kontakte zu minimieren, sollten der Bestuhlungsplan der Halle und die Gästeanzahl an die Inzidenz vor Ort angepasst werden. Auch sollen Zuschauer durch mehrere Eingänge in die Halle eingelassen, Wartezonen ins Freie verlagert und lange Kontakte an Imbiss-Ständen vermieden werden. Die Zuschauer dürfen nur am Sitzplatz die Maske abnehmen, um zu essen. 


Lokales, Weihnachtsmarkt, Wintermarkt, Lichter, Winter Lights,   Foto: Anouk Antony/Luxemburger Wort
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Nicht nur Kontakte wurden gemessen. Zusammen mit einem Ingenieurbüro wurde die Arena in Leipzig als Computermodell nachgebaut. Die Forscher haben simuliert, wie sich verschiedene Lüftungsvarianten auf die Aerosolverteilung auswirken. Dabei wurde festgestellt, dass eine schlechte Durchlüftung ein erhebliches Ansteckungsrisiko birgt. Veranstaltungshäuser müssten daher mit einer Belüftungstechnik ausgestattet werden, die eine gute Belüftung und einen regelmäßigen Raumluftaustausch mit frischer Luft ermöglicht. 

Weiterhin soll eine Maskenpflicht in der Halle gelten, ein einfacher Mund-Nasen-Schutz würde ausreichen, so die Forscher. Rund 90 Prozent der Studienteilnehmer fanden es „nicht schlimm“, eine Maske zu tragen. Hygiene-Stewards sollen die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln kontrollieren. 

Gestaffelte Ordnung für maximalen Effekt 

Bei Einhaltung von Hygiene-Konzepten seien die Auswirkungen auf die Pandemie insgesamt gering bis sehr gering. Bis zu einer Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche schlagen die Forscher vor, die Zuschauer nach der Schachbrett-Sitzordnung (Szenario zwei) zu setzen, die Einlassschleusen auf 250 Personen pro Stunde zu begrenzen und die Gesamtkapazität in einer Region auf 50 Prozent der Zuschauerzahl des Normalniveaus pro Woche und Veranstaltungsort zu reduzieren. Damit soll vermieden werden, dass aus einer Veranstaltung mit vielen Zuschauern viele kleinere Veranstaltungen werden, was den Effekt minimieren würde. 

Steigt die Inzidenz über 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche, soll der Sitzplan wie im dritten Szenario mit großen Abständen angewandt und die maximale Zuschauerzahl auf 25 Prozent pro Woche und Region gedeckelt werden, um den Effekt maximal zu halten. Auch wenn der Weg zur gewohnten Normalität noch dauert: Events müsste niemand missen. Denn langfristig könnten mit den gewonnenen Erkenntnissen und Empfehlungen große Konzerte und sonstige Veranstaltungen wieder stattfinden. 

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