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„Gefängnis der Gesellschaft“
Panorama 3 Min. 23.08.2016 Aus unserem online-Archiv
Vor zehn Jahren geflohen

„Gefängnis der Gesellschaft“

Zum zehnten Jahrestag ihrer Flucht ist nun ein zweites Buch von Natascha Kampusch erschienen.
Vor zehn Jahren geflohen

„Gefängnis der Gesellschaft“

Zum zehnten Jahrestag ihrer Flucht ist nun ein zweites Buch von Natascha Kampusch erschienen.
Foto: AFP
Panorama 3 Min. 23.08.2016 Aus unserem online-Archiv
Vor zehn Jahren geflohen

„Gefängnis der Gesellschaft“

Kevin WAMMER
Kevin WAMMER
Natascha Kampusch ist heute 28 Jahre alt. Ein Drittel ihres bisherigen Lebens war sie ihrer Freiheit beraubt. Ihre Selbstbefreiung im Jahr 2006 empfindet sie als schön, doch richtig frei fühlt sie sich zehn Jahre später noch nicht.

Von Christiane Petri

Was sind die Zutaten – zumindest einige – für eine glückliche Kindheit und ein gesundes Heranwachsen? Seine Geburtstage mit Freunden und in der Familie feiern; gemeinsam mit Schulfreunden Klassenausflüge erleben; sich mit Gleichaltrigen austauschen und gemeinsame Interessen verfolgen; ins Kino gehen, zum ersten Mal ohne die Eltern; der erste Freund/die erste Freundin; das natürliche Rebellieren gegen die Eltern in der Pubertät … 

Natascha Kampusch konnte im Alter zwischen zehn und 18 Jahren keine dieser Erfahrungen machen. Als Gleichaltrige sich zum Eis essen verabredeten, war sie eingesperrt. Während andere Mädchen einkaufen gingen, musste sie mit dem auskommen, was ihr Peiniger ihr gab. Während andere Teenager Erfahrungen sammeln und an der Entwicklung ihrer Persönlichkeit arbeiten konnten, hat Natascha Kampusch nur eine extreme Erfahrung gemacht. Acht Jahre lang war sie dem Willen ihres Unterdrückers, Wolfgang Priklopil, der sie in einem Kellerverlies in seinem Haus nicht weit von Wien gefangen hielt und misshandelte, ausgesetzt. Es verwundert kaum, dass die junge Frau heute behauptet, sich selbst und ihre Rolle im Leben noch gar nicht ganz gefunden zu haben. 

Der Weg in ein normales Leben

Zwei Bücher hat Kampusch verfasst. In dem 2010 veröffentlichten und später verfilmten Buch „3096 Tage“ erzählt sie von ihrer Entführung und den grausamen Erfahrungen, die sie in der Gefangenschaft machen musste. Zum zehnten Jahrestag ihrer Flucht ist nun ein zweites Buch von ihr erschienen. In „Natascha Kampusch: 10 Jahre Freiheit“ lässt sie die Menschen teilhaben an ihrem Leben nach der Flucht. Ihrem Leben in Freiheit. Eine Freiheit, die viele Schattenseiten hat, wie die junge Frau schnell feststellen musste. 

Sie habe während ihrer Gefangenschaft die Kontrolle behalten und sich nicht ihrem Schicksal ergeben, schreibt sie in ihrem Buch. Mit dieser Stärke, ohne die sie die acht Jahre nicht hätte überleben können, tritt sie auch später auf. Damit entspricht sie nicht dem typischen Opferbild. Zweifel kommen auf und es werden Gerüchte laut. Man stellt ihre Aussagen infrage. 

Die junge Frau ist zwar frei, doch muss sie sich weiter wehren – wehren in einem „Gefängnis der Gesellschaft“, wie sie es in einem Interview mit dem ORF nennt. Es sei so weit gegangen, dass sie sich für ein an ihr verübtes Verbrechen habe rechtfertigen müssen. „Ich war vor einem Feind geflohen und hatte mit einem Mal zig Feinde“, schreibt sie weiter. Draußen, in der Welt der Guten, habe sie kaum eine Chance gehabt. 

Bereits Erreichtes und große Pläne 

2010 hat Kampusch ihren Hauptschulabschluss nachgeholt. Das Abitur soll irgendwann folgen. Eine Goldschmiedelehre hat sie abgebrochen. Doch das Goldschmieden ist als Hobby geblieben. Dieses Interesse habe seinen Ursprung in der Gefangenschaft, verrät sie in dem Interview mit dem ORF. Dort habe sie mit den kleinen Dingen, die ihr zur Verfügung gestanden hätten, darunter Papierreste, kleine Steine und Draht, winzige Sachen geschaffen. 

Und ihre Pläne für die Zukunft? Wie aus einem „Thema spezial“ des ORF hervorgeht, möchte sie sich sozial engagieren und Wohltätigkeitsarbeit leisten. So hat sie bereits eine Hilfsaktion – ein Krankenhaus für Kind und Mutter in Sri Lanka – ins Leben gerufen. Außerdem setzt sie sich für Flüchtlinge ein. 

Mit einem Einkommen, das sie aus den Einnahmen aus ihren Büchern, dem Film und Interviews erzielt, kommt sie finanziell zurecht. Das Haus, in dem sie acht Jahre lang gefangen gehalten wurde, gehört ihr. Es wurde ihr als Entschädigung zugesprochen. Kampusch besucht das Haus hin und wieder; auch um das, was ihr widerfahren ist, besser bewältigen zu können. Ihr neues Buch „10 Jahre Freiheit“ ist allen „tapferen Frauen, die um ihre Unabhängigkeit kämpfen“ gewidmet.


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