Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Ganz ohne Hightech
Der Aufstieg des kargen Bergs ist eine Herausforderung für Körper und Willen.

Ganz ohne Hightech

Foto: privat
Der Aufstieg des kargen Bergs ist eine Herausforderung für Körper und Willen.
Panorama 2 Min. 10.09.2018

Ganz ohne Hightech

Mit dem Klapprad auf einen Berg radeln? Diese verrückte Aktion setzte Luc Mergen in die Tat um.

von Birgit Pfaus-Ravida

Als Luc Mergen an einem perfekt ausgerüsteten Hobbysportler mit Carbon-Rad vorbeizog, merkte er, dass dieser doch sehr irritiert war. "Ich bin den 1 912 Meter hohen Mont Ventoux hoch gefahren, bin auch an steilen Stellen nicht ein Mal abgestiegen vom Klapprad. Das war mein Ziel und das habe ich erreicht. Die meiste Zeit musste ich im Stehen fahren, weil die Übersetzung mit nur einem Gang krass ist – und deshalb habe ich auch viele andere Radfahrer, die mit einem kleinen Gang unterwegs waren, zwangsläufig überholt", erzählt der 41-Jährige.

Ein Rad für 50 Euro

Die Voraussetzungen waren auch von Seiten seines Körpers nicht die besten: 1,86 Meter Größe und 20-Zoll-Klapprad passen nicht recht zusammen. "Ich hatte mir immerhin eine längere Stange für den Sattel angebracht und für die Sicherheit Klickpedale – ansonsten ist das ein ganz normales Klapprad aus den Sechzigern." Anschaffungspreis: 50 Euro.

Luc Mergen nach der erfolgreichen Bezwingung des Berges.
Luc Mergen nach der erfolgreichen Bezwingung des Berges.
Foto: privat

Aber warum quält sich ein Hobbysportler, der selbst ein leichtes Carbon-Rad zu Hause hat, zwei Stunden lang mit solch einem alten, unpraktischen Gefährt einen Berg in der Provence hinauf, der schon mit guter Ausrüstung eine sportliche Herausforderung ist? "Ganz einfach! Ich wollte zeigen, was man erreichen kann", sagt der Grundschullehrer und dreifache Familienvater.

Das wolle er vor allem seinen Kindern und Schülern vermitteln: Wenn man etwas will, wenn man hart trainiert, dann geht das auch unter erschwerten Bedingungen. "Das kann jeder erreichen!", betont Luc Mergen, der persönlich fast enttäuscht ist, dass er so gute Wetterbedingungen hatte – "oft gibt es da Wind und Kälte, aber ich hatte es relativ bequem mit angenehmen Temperaturen und Sonne". Sechs Wochen lang hat er sich im Vorfeld auf einem ebenfalls sehr, sehr alten Hometrainer vorbereitet, der von der unbequemen Sitzposition her ungefähr dem Klapprad entspricht.

Luc Mergen hat grundsätzlich ein Faible für Vintage-Räder: Er gehört zu einer Gruppe von Rad-Fans aus Luxemburg namens Vintage Boys, die sich alte Stahlrahmen-Rennräder kaufen und mit diesen durch die Gegend fahren. Denn der zweite Teil der Botschaft lautet: Man braucht nicht immer das tollste, beste und teuerste Equipment. Es geht auch anders. "Gerade in Luxemburg gibt es unglaublich viele Leute, die sehr viel Geld für Autos oder eben auch Fahrräder ausgeben. Eine richtige Materialschlacht, da wird genau hingeschaut, da gibt es richtigen Neid. Es werden sogar Kredite fürs neue Fahrrad aufgenommen." Und wenn man dann mit einem etwas älteren Modell unterwegs sei, werde man oft schräg angeschaut.

Mit seinem Klapprad zog der Hobbysportler auch an perfekt ausgerüsteten Radlern vorbei.
Mit seinem Klapprad zog der Hobbysportler auch an perfekt ausgerüsteten Radlern vorbei.
Foto: privat


Auch online ein Erfolg

Das Erlebnis auf dem Mont Ventoux sei insgesamt sehr lustig gewesen. Manche Radsportler hätten irritiert, wenn nicht gar pikiert auf sein Fahrzeug reagiert, andere hätten sich richtig gefreut. "Ein Engländer hat sich kaputtgelacht und wollte ein Selfie mit mir machen", sagt Luc Mergen. Auch auf der Online-Plattform "Quäldich.de" habe er für seine spaßigen Fotos mit dem Klapprad viele positive Rückmeldungen erhalten – binnen kurzer Zeit insgesamt 700 Likes. "Ich hätte nie gedacht, dass das Interesse an meiner kleinen Tour so groß ist", sagt Luc Mergen ein wenig erstaunt.

Die Tour in der Provence hatte er mit einem Frankreich-Urlaub der Familie verbunden, und auch seine nächste Tour im Herbst soll in einem gemeinsamen Urlaub stattfinden: Er möchte das noch steilere und anspruchsvollere Stilfser Joch in Südtirol hochfahren. Natürlich auch mit dem betagten Klapprad.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Protest mal anders
Der Londoner Andy Pardy ist überzeugter Europäer. Mit einem ausgefallenen Roadtrip protestiert der 28-Jährige nun gegen den Austritt seines Landes aus der Europäischen Union.
x
Von Herzen schwitzen
Während das Vater-Tochter-Gespann Paul und Iris Bach aus Asselscheuer auf dem Tandem gen Polen radelt, plant Anouck Ewerling aus Dommeldingen die Besteigung des höchsten Berges in Afrika.
Foto: Serge Daleiden