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Frust bei Mietfahrradkunden in Paris: Ketten-Reaktion
Leichter, schöner und leider auch rar: Velib-Kunden finden neuerdings nur selten ein Rad, wenn sie eins brauchen.

Frust bei Mietfahrradkunden in Paris: Ketten-Reaktion

Foto: Shutterstock
Leichter, schöner und leider auch rar: Velib-Kunden finden neuerdings nur selten ein Rad, wenn sie eins brauchen.
Panorama 2 Min. 05.02.2018

Frust bei Mietfahrradkunden in Paris: Ketten-Reaktion

Die in Paris so beliebten Velib-Mietfahrräder sind seit Jahresbeginn in der Stadt rar gesät. Das freut Konkurrenten aus China. Doch die kämpfen mit eigenen Problemen.

von Rudolf Balmer (Paris)

Das Pariser Mietfahrrad Velib ist seit zehn Jahren eine Erfolgsgeschichte. Doch jetzt sind die Stammkunden frustriert. Die Stadtbehörden hatten ihnen wegen eines Wechsels der Anbieterfirma viel leichtere und teilweise mit Elektromotoren ausgestattete Räder in Aussicht gestellt und mit Hinweis auf den besseren Kundendienst bereits den Abonnementspreis von 29 auf 37 Euro pro Jahr erhöht. Diese Teuerung hatte unter den regelmäßigen Benutzern, zu denen viele Studierende mit bescheidenen Budgets gehören, für Unmut gesorgt. Jetzt aber ist manchen von ihnen der Kragen geplatzt, weil sie seit der Umstellung des Dienstleisters vergeblich ihr Rad suchen.

80 statt 600 Parkplätze

Im Zuge der Umstellung wurden die alten, schwerfälligen, grauen Velibs der Firma JCDecaux samt ihren Docks entfernt. Der Ersatz der 1 200 Velib-Parkplätze von JCDecaux aber lässt auf sich warten. Statt der für Anfang Januar versprochenen 600 Parkplätze von Smoovengo sind vorerst nur gerade 80 verfügbar. Die neuen, leichteren Velibs sind rar.

Das ist der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die dem neuen Anbieter den Vorzug gegeben hatte, besonders peinlich. Die Mietfahrräder sind seit zehn Jahren nicht nur ein fester Bestandteil der rot-grünen Verkehrspolitik, sondern auch eine Attraktion für die Touristen geworden, die die Stadt an der Seine sehr zahlreich auf den Radwegen erkunden. Wie die Velib-Kunden fühlt sich auch Anne Hidalgo vom neuen Anbieter von falschen Versprechen getäuscht.

Eigentlich müsste die aktuelle Velib-Krise ein Segen für die Konkurrenz sein. Die Mieträder neuer Anbieter prägen auch seit einigen Wochen das Pariser Stadtbild. Sie sind knallgelb, hellgrün oder – nicht weniger auffällig – gelb und weiß. Ihr Design ist besonders gut sichtbar, damit die potenziellen Kunden diese praktischen und sauberen Vehikel für den Stadtverkehr leichter finden.

Denn im Unterschied zu den bestens bekannten Velibs, die seit zehn Jahren ihren Platz in der Metropole gefunden haben, sind die Zweiräder von Goobee.bike, Ofo oder O-Bike nicht an feste Docks gebunden. Die Benutzer orten sie mit einer App per GPS und können sie nach der Verwendung hinstellen, wo es ihnen beliebt. „Free floating“ heißt dieses in Asien bereits bewährte System. Das von zwei Pekinger Studenten gegründete Startup-Unternehmen Ofo beispielsweise ist bereits in rund 200 Städten und in 20 Ländern mit seinen gelben Fahrrädern tätig.

Mangel an Manieren

Warum soll in Paris nicht gehen, was in Hongkong funktioniert? Die größere Freiheit für die Benutzer hat indes einen oder gar zwei Haken. Denn die Disziplin der Pariser Kunden ist offenbar nicht mit der in asiatischen Großstädten zu vergleichen. Vandalismus und Diebstahl könnten in Frankreich schon sehr schnell die Hoffnungen der neuen Anbieter in einen Albtraum verwandeln. Die Stadtbehörden sind erbost, weil einige ihr Mietrad rücksichtslos mitten auf dem Gehsteig, vor einem Hauseingang oder in einer Grünanlage hinterlassen.

Andere respektlose Benutzer scheinen sich einen Sport daraus zu machen, die Schlösser oder die GPS-Ortung zu demontieren oder die Räder gar mutwillig zu beschädigen. Aus diesen Gründen hat Goobee.bike bereits den Rückzug aus dem Markt in Lille und Reims angekündigt. Falls sich die Mentalitäten und das Verhalten der französischen Nutzer nicht rasch ändern, könnte das für die Konkurrenz der Velibs zu einem absehbaren Fiasko werden.

Artikel aus der „Neue Zürcher Zeitung“, Syndizierungspartner des „Luxemburger Wort“


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