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Flugzeug-Sicherheitstraining: Einen Plan zu haben kann Leben retten
Panorama 9 2 7 Min. 31.08.2014 Aus unserem online-Archiv

Flugzeug-Sicherheitstraining: Einen Plan zu haben kann Leben retten

Einnehmen der "Brace"-Position vor einer Notlandung.

Flugzeug-Sicherheitstraining: Einen Plan zu haben kann Leben retten

Einnehmen der "Brace"-Position vor einer Notlandung.
Foto: British Airways
Panorama 9 2 7 Min. 31.08.2014 Aus unserem online-Archiv

Flugzeug-Sicherheitstraining: Einen Plan zu haben kann Leben retten

Fluggesellschaften betreiben einen extrem hohen Aufwand, um die Sicherheit des Betriebs zu gewährleisten und ihr fliegendes Personal auszubilden. Mit welcher kompromissloser Akribie hier gearbeitet wird, zeigt sich bei einem Besuch des Flugsicherheitstrainings und der Flugzeugwartung von British Airways.

Von Roland Arens

“Wir bitten jetzt um ihr Aufmerksamkeitfür die Sicherheitshinweise an Bord dieses Flugzeugs...” Während die samtene Stimme aus den Lautsprechern den Standardtext aufsagt, führt die Flugbegleiterin im Mittelgang der Maschine die wichtigsten Handgriffe vor: Sitzgurte öffnen und schließen, Benutzung von Sauerstoffmasken und Schwimmweste; die freundliche Dame zeigt, wo die Notausgänge sind, weist auf die Notbeleuchtung im Flurboden hin.

Wie oft hat man diese Dinge schon im Flieger gehört, und dann doch lieber im Bordmagazin geblättert?

Schon werden die Triebwerke hochgefahren, rumpelnd setzt sich das Flugzeug in Bewegung, beschleunigt und hebt ab. Ein normaler Startvorgang. Doch dann geht es ganz schnell. Das Kabinenlicht erlöscht, Notbeleuchtung schaltet sich ein, dichter Rauch breitet sich aus. “Brace! Brace!”, gellt es durch die Kabine.

Augenblicke später gibt es das Kommando zur Evakuierung. “Hier entlang!” befehlen die Flugbegleiter, während sie mit Taschenlampen die Richtung weisen. Schneller, schneller soll es gehen. Ich entscheide mich für den Weg nach hinten zur Bordküche, trete durch die Tür - und finde mich auf einer Plattform wieder, über die wir zuvor den Kabinensimulator betreten haben. Ende der Übung.

Was man als Passagier alles falsch machen kann

Der bewegliche Flugzeugsimulator steht in einer Halle des Trainingszentrums von British Airways am Flughafen Heathrow. Hier trainieren nicht nur die Piloten, sondern auch das Kabinenpersonal. In den Kursen lernen sie einerseits alle Handgriffe, die sie kennen müssen.

Aber auch das Sicherheitsbewusstsein und –denken werden dabei geschult. 14000 Mitarbeiter des fliegenden Personals der Airline müssen jedes Jahr für drei Tage in das Sicherheitstraining, und auch die 4000 Piloten werden hier nicht nur auf fliegerisches Können getestet, sondern auch auf ihre Fähigkeiten in Sicherheitsfragen.

Andy und Diane, unsere Ausbilder an diesem Tag, können nach der Übung im Simulator sicher sein, dass sie unsere Aufmerksamkeit haben. Ob jemand den Alarmton während der Übung gehört habe, fragen sie. Keiner in der Gruppe bestätigt. Und doch war er da, was zeigt, dass selbst in einer einfachen Stressituation die Wahrnehmung verschoben ist.

Wir möchten erreichen, dass Sie einen Plan haben, den Sie nur noch auszuführen brauchen, falls etwas schiefgeht.

Beim Debriefing wird dann im Detail erklärt, was man als Passagier alles falsch machen kann und wie man es im – extrem unwahrscheinlichen - Notfall richtig macht. Das beginnt schon beim Öffnen und Schließen des Gurtes. “Es kommt darauf an, die Muskeln zu schulen, damit der Handgriff wie von selbst geht”, sagt Andy, der auf elf Jahre als Trainer und 20 Jahre als Flugbegleiter zurückblicken kann. Auch Sicherheitstrainerin Diane ist schon 25 Jahre beim fliegenden Personal von British Airways, ihr Mann fliegt die 747.

Beider Mantra lautet: Im Fall eines Falles entscheiden Sekunden, möglicherweise über Leben und Tod. Deshalb sollte man vorbereitet sein. Und das beginnt für Passagiere mit der Ansage der Stewardess. “Es dauert nur zwei Minuten, soviel Zeit sollte jeder sich nehmen”, sagt Andy zu den Zielen des “Flight Safety Awareness Course” (den auch Nicht-BA-Mitarbeiter buchen kann). “Wir möchten erreichen, dass Sie einen Plan haben, den Sie nur noch auszuführen brauchen, falls etwas schiefgeht”, sagt Andy.

Dazu gehört zum Beispiel, dass man sich einprägt, wo der nächste Ausgang ist und wieviele Sitzreihen man bis dahin gehen müsste. Hilfreich, wenn man in der Kabine nichts sehen kann. Für die Sicherheitstrainer wichtig: Wer im Notfall geplant hat, was zu tun ist, ist nicht nur schneller draußen, sondern er wird andere Mitreisende, die in Panik sind, anführen. Auch das kann Leben retten, wie Andy im Interview erklärt:

Wie öffnet man die Tür eines Flugzeugs?

Weiter geht es mit der Fehleranalyse. Mit dem Kommando “brace” war gemeint, dass wir Passagiere uns vor dem Aufprall des Flugzeugs vornüber beugen sollten und die Hände hinter dem Kopf legen sollten.

Dabei soll die schwache Hand über der starken Hand liegen, um sie zu schützen, erklärt Andy. Auf keinen Fall darf man die Finger kreuzen, das könne sonst Brüche bei herabfallendem Gepäck geben. Die Knie müssen zusammen sein, die Füße fest nach hinten und flach auf dem Boden gestellt, um Schienbeinfrakturen durch die starke Entschleunigung entgegen zu wirken.

Nächste Übung: Wie öffnet man im Notfall eine Kabinentür? Diana schafft das mit geübten Handgriffen im Nu. Ich dagegen brauche mehrere Anläufe, bevor ich die schwere Tür aufgestemmt habe.

Plötzlich erhalte ich einen Schubs. Das war Diana, die zeigen will, dass ich jetzt im Ernstfall aus dem Flugzeug gefallen wäre, weil in Panik geratene Passagiere mich durch die Tür gestoßen hätten. Immerhin weiß ich jetzt, wozu der Handgriff im Türrahmen da ist.

Vor einer Evakuierung immer erst durchs Fenster schauen. Es kann sein, dass es drinnen ungefährlicher ist.

Dann erklärt Andy, wie man einen Notausgang öffnet – nämlich gar nicht, solange das Flugzeug in der Luft ist und die Kabine unter Druck steht. Bei einem plötzlichen Druckabfall im Flug hat man als Passagier übrigens kaum mehr als 15 bis 20 Sekunden, um die Atemhilfe zu benutzen, bevor man in Ohnmacht fällt.

In jeder Sitzreihe gibt es übrigens immer eine Sauerstoffmaske zusätzlich, damit Flugbegleiter auch dann darauf zugreifen können, wenn alle Passagiere versorgt sind, egal wo sie sich gerade in der Kabine aufhalten.

Rauch in der Kabine einer Boeing 737: Lichter im Boden zeigen den Weg zum nächsten Ausgang.
Rauch in der Kabine einer Boeing 737: Lichter im Boden zeigen den Weg zum nächsten Ausgang.
Foto: Roland Arens

Nach einer Notlandung muss es sehr schnell gehen. Trotz der 20 Kilo Gewicht kann man die Notausstiegstür mit einem Finger öffnen, sie mit beiden Händen packen und nach draußen werfen. Wichtig auch: Immer erst durchs Fenster schauen und die Lage sondieren. “Es kann sein, dass es drinnen ungefährlicher ist.”

Bei einer Wasserung sind die Notausgänge über dem Flügel mitunter die bessere Wahl, obwohl die Evakuierung deutlich langsamer geht aufgrund des schmalen Türquerschnittes. Bei British Airways sind es mittlerweile fast 30 Jahre her, dass ein Notausstieg im richtigen Betrieb benutzt werden musste, sagt Andy.

Zwei Minuten Sicherheitsansage sind Pflicht

Natürlich darf bei einem Sicherheitstraining auch das Video von der Airbus-Landung im Hudson-River nicht fehlen. Man schärft uns ein: Die Piloten hatten einen Plan, und den führten sie aus. Unsere Trainer machen uns darauf aufmerksam, dass einige Passagiere sich offenbar völlig unvorbereitet und ohne Überlebensweste auf dem Flügel wiederfanden.

Teil des Trainings ist es auch, eine Schwimmweste einmal auszuprobieren. Wichtig dabei ist der doppelte Knoten beim Anziehen, damit nicht ein anderer Passagier sich daran festhält und den Knoten aufzieht.

Auslösen darf man natürlich erst nach dem Verlassen des Flugzeugs, weil man sonst womöglich nicht zur Tür kommt, wenn Wasser im Flugzeug steht. Mit einem Knall entfaltet sich das gelbe Plastikteil um Hals, Schulter und Brustkorb. Das Füllgas fühlt sich sehr kalt an.

Vor der nächsten Übung zeigt und Diane wieder einen Einführungsfilm. Diesmal ist der berühmte Evakuierungstest zu sehen, ohne den kein neues Flugzeug eine Zulassung erhält. Innerhalb von 90 Sekunden müssen alle Passagiere das Flugzeug im Notfall verlassen, wobei nur die Hälfte der verfügbaren Notausgänge genutzt werden darf. Beim Airbus A380 klappte dies mit als 800 Testpersonen in weniger als 80 Sekunden!

Wir aber sollen jetzt lediglich eine Notrutsche ausprobieren, die in der Halle von BA aufgebaut ist und in der Höhe einem Flugzeug wie der Boeing 757 entspricht. Sieht kinderleicht aus, aber auch hier gibt es einige Dinge zu beachten: Knie zusammen, Oberkörper gerade halten und aufrichten, Hände am Hemdkragen, um Verbrennungen durch Reibungshitze zu vermeiden. Die Rutschen sind mit einem sehr glatten Belag beschichtet, damit man nicht hängen bleibt und die Rutsche blockiert.

Wir lernen: Im Notfall kommt es darauf an, einen Plan zu haben und das Richtige zu tun. “Sie machen das nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere”, unterstreicht Sicherheitstrainer Andy. “Das erreichen Sie durch nur zwei Minuten aufmerksames Zuhören am Anfang des Fluges.”

Kein Zweifel, nach dem Sicherheitstraining wird man beim nächsten Flug nicht mehr im Bordmagazin herumblättern, sondern sehr genau auf die Ansage achten. Und Sitzreihen zählen.

 

 

 

 

 


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