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Ferdinand Magellan: Einmal um die ganze Welt
Panorama 5 Min. 20.09.2019

Ferdinand Magellan: Einmal um die ganze Welt

Ein Porträt des portugiesischen Entdeckers und Geschäftsmanns Ferdinand Magellan (um 1480-1521).

Ferdinand Magellan: Einmal um die ganze Welt

Ein Porträt des portugiesischen Entdeckers und Geschäftsmanns Ferdinand Magellan (um 1480-1521).
Foto: De Agostini via Getty Images
Panorama 5 Min. 20.09.2019

Ferdinand Magellan: Einmal um die ganze Welt

Vor 500 Jahren stach Ferdinand Magellan in See, um eine Westpassage zu den lukrativen Gewürzinseln zu erschließen.

von Martin Dahms (Madrid)

„Ich glaube wahrhaft, dass eine solche Reise niemals wieder unternommen wird“, schrieb der Chronist Antonio Pigafetta. Drei Monate und 20 Tage war die kleine Flotte über dieses gewaltige, unbekannte Meer gesegelt, ohne Land zu sehen. Die Besatzung litt Hunger und Durst. „Wir aßen Zwieback, der kein Zwieback mehr war, sondern Zwiebackstaub, voller Würmer, die sich darüber hergemacht hatten, und der stark nach Rattenurin roch. Wir tranken gelbes, seit vielen Tagen fauliges Wasser.“ Selbst von diesem elenden Proviant konnte manche Männer nichts mehr zu sich nehmen, weil ihnen der Skorbut den Mund verschwollen hatte. Sie starben auf dieser unfassbaren Fahrt über den Pazifik.

So werden Heldengeschichten geschrieben, aus Blut und Schweiß. Kaum einer überlebte sie. Von den 247 Männern, die am 20. September 1519 unter Führung Ferdinand Magellans in fünf kleinen Schiffen von Sanlúcar de Barrameda im Südwesten Spaniens aufbrachen, kamen am 6. September 1522 an Bord der „Victoria“ 18 wieder im selben Hafen an. Ihr spanischer Kapitän, Juan Sebastián Elcano, schrieb seinem König und Kaiser Karl V.: „Wir haben das ganze Rund der Welt entdeckt und umrundet, indem wir gen Westen gefahren sind und aus dem Osten zurückkehrten.“

Reise zu den Molukken

Niemand hatte sich diese Erdumrundung vorgenommen. Magellan wollte auf dem Westweg zu den Molukken, ganz im Südosten der bekannten Welt. Nicht mehr, nicht weniger. „Als Kraftakt übertrifft es den von Kolumbus“, sagt Alonso González de Gregorio. „Wenn die Männer gewusst hätten, was ihnen bevorstand, wären sie niemals aufgebrochen.“ González de Gregorio ist Historiker und Herzog von Medina Sidonia.

Der Palast seiner Familie liegt auf einer Anhöhe im Zentrum von Sanlúcar de Barrameda, einer andalusischen Stadt von knapp 70 000 Einwohnern. Von hier oben sieht man hinab über weiße Häuser bis zum Fluss, dem Guadalquivir, der an dieser Stelle in den Atlantik mündet. „An der Expedition war unsere Familie nicht beteiligt“, sagt González de Gregorio. „Nur indirekt: über die hervorragende Infrastruktur, die der Herzog im Hafen von Sanlúcar zur Verfügung stellte.“ Von dem Hafen ist nichts mehr übrig. Nur die Erinnerung an eine glänzende Vergangenheit.

Eine Nachbildung der „Victoria“ in einem chilenischen Museum: Sie war das einzige Schiff von Magellans Flotte, das die Expedition von 1519 bis 1522 überstand.
Eine Nachbildung der „Victoria“ in einem chilenischen Museum: Sie war das einzige Schiff von Magellans Flotte, das die Expedition von 1519 bis 1522 überstand.
Foto: LightRocket via Getty Images

Magellan, der Portugiese, wäre statt von Sanlúcar lieber von Belém an der Tejo-Mündung aufgebrochen, so wie 1497 Vasco da Gama auf dem Weg nach Indien und so wie er selbst auf einer der folgenden Expeditionen der portugiesischen Indien-Armadas. Aber als er seinem König Manuel I. vorschlug, Richtung Westen zu den Gewürzinseln – dem heutigen Indonesien – aufzubrechen, winkte der ab. Wozu ein solches Wagnis?

Der Spanier Núñez de Balboa hatte 1513 als erster Europäer den Ozean im Westen Amerikas erblickt, den er Südsee nannte, aber wie dort mit dem Schiff hinzugelangen wäre, war noch ein Geheimnis. Und wenn die Erde tatsächlich eine Kugel sein sollte – wie weit wäre wohl der Weg über die Südsee bis nach Asien?


Eine der bekanntesten Adaptationen des Romans dürfte das preisgekrönte Filmdrama „Cast Away“ (2000) von Robert Zemeckis mit Tom Hanks in der Hauptrolle sein.
300 Jahre Abenteuer und Gesellschaftskritik
Daniel Defoes berühmter Roman „Robinson Crusoe“, der auf einer wahren Begebenheit beruht, wird schon seit 300 Jahren gelesen. Eine reine Heldengeschichte ist der Klassiker aber nicht.

Viel Ungefähres also, und für König Manuel kein erkennbarer Nutzen: Zu den Molukken konnte er ja seine Schiffe auf dem kürzlich gefundenen Ostweg schicken. Zum Glück für Magellan aber lag gleich neben Portugal die aufstrebende Weltmacht Spanien.

„Das Maß aller Dinge in Europa Anfang des 16. Jahrhunderts war Portugal“, sagt González de Gregorio. „Manuel I. war der König mit den höchsten Einnahmen, und die erzielte er durch etwas viel Wertvolleres als Gold: durch Gewürze.“ Noch heute werden reiche Kaufleute manchmal „Pfeffersäcke“ genannt, weil eben lange Zeit nichts so viel Reichtum versprach wie der Handel mit Pfeffer oder anderen Gewürzen. Und an diesem Handel wollte auch der junge spanische König Karl teilhaben.

Reichtum im Fokus

Nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus 1492 hatte Papst Alexander VI. die Welt kurzerhand aufgeteilt: den Osten für Portugal, den Westen für Spanien. Wenn die Molukken auf dem Westweg zu erreichen wären, kalkulierte Karl, dann gehörten sie ihm, und mit ihnen die Einnahmen aus dem Gewürzhandel. Also schickte er den Portugiesen Magellan los, um das gerade entstehende spanische Weltreich zu festigen. Den Globus umsegeln sollte er nicht.

Der Wettlauf zweier Großmächte um die Vorherrschaft in der Welt erinnert an den Wettlauf zum Mond der Russen und Amerikaner. Erst der Wunsch des spanischen Königs, den Rückstand zu Portugal aufzuholen, hat Magellans Expedition ermöglicht. Im heutigen Portugal wird das gerne übersehen. Als die Regierung in Lissabon Anfang 2018 ein offizielles Gedenkprogramm in Auftrag gab, war von Spanien keine Rede, dafür von einem „der bedeutendsten Ereignisse der Menschheit, das entscheidend für das Verständnis der nationalen Identität“ sei – der portugiesischen, versteht sich. Dabei war der Aufbruch zu den Molukken ein gegen Portugal gerichtetes und von Portugal argwöhnisch verfolgtes Projekt.

Alonso González de Gregorio ist Historiker und Herzog von Medina Sidonia. Er trägt den ältesten Herzogstitel Spaniens.
Alonso González de Gregorio ist Historiker und Herzog von Medina Sidonia. Er trägt den ältesten Herzogstitel Spaniens.
Foto: Martin Dahms

Dass zwischen portugiesischem und spanischem Königshaus Wettbewerb herrschte, gesteht auch José Damião Rodrigues von der Universität Lissabon ein. Doch wichtiger ist dem Historiker die Feststellung, dass es „gleichzeitig auch Kooperation gab“. In portugiesischen Flotten finde man spanische Seeleute und umgekehrt. „Ein ausschließlich nationalistischer Blickwinkel auf diese Geschichte gibt kein komplettes Bild.“ Diesen nationalistischen Blickwinkel vermutet er vor allem bei den Spaniern, die darauf bestünden, dass Magellan „eine spanische Expedition“ angeführt habe.

„Das ist ein hundertprozentig spanisches Unternehmen“, sagt Carmen Iglesias, die Direktorin der spanischen Real Academia de la Historia, „an dem die Portugiesen kein großes Interesse hatten“. Zur Versöhnung sagt sie aber auch: „An einem Ereignis wie diesem haben natürlich alle teil.“ Ohne die in den Jahrzehnten zuvor gewonnenen Erkenntnisse über Seefahrt und Sternenkunde wäre Magellans Expedition unmöglich gewesen. Nichts geschieht aus dem Nichts.

Reise als Fehlschlag

Magellan hatte sich diese Reise in den Kopf gesetzt, ohne zu wissen, was ihn erwartete. Einen langen Winter verbrachte er mit seiner Flotte in Patagonien, weil er nicht den Weg hinüber zum anderen großen Meer fand. Als er ihn fand – Magellanstraße heißt er heute zu seinen Ehren – stieß er hinaus in einen immensen Ozean, den er den friedlichen, den pazifischen, nannte, weil kein Sturm ihm das Fortkommen erschwerte oder erleichterte. Der italienische Chronist an Bord, Pigafetta, fand kaum Worte für das Grauen, das diese Reise für die Seeleute bedeutete. Nur eben diese: dass eine solche Reise wohl kaum jemals wieder unternommen würde. Damit sollte Pigafetta recht behalten. Die Reise war ein Fehlschlag, sie eröffnete keine neue Handelsroute. Magellan starb bei einem Angriff auf eine – heute – philippinische Insel.

Der Rest der Expedition schaffte es zu den Molukken, belud sich mit Gewürznelken und machte sich, um nicht das Grauen des Pazifiks zu wiederholen, unter Führung des spanischen Offiziers Elcano weiter Richtung Westen auf den Heimweg. Er und 17 überlebende Besatzungsmitglieder waren die ersten Weltumsegler. Der verdiente Ruhm aber fiel auf Ferdinand Magellan.


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