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Fabienne Dimmer: "Flüchtlingshilfe muss weitergehen"
Panorama 4 Min. 01.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Fabienne Dimmer: "Flüchtlingshilfe muss weitergehen"

 Im Nordwesten von Bosnien-Herzegowina, in der Stadt Velika Kladusa,
leben Flüchtlinge unter erbärmlichen Bedingungen.

Fabienne Dimmer: "Flüchtlingshilfe muss weitergehen"

Im Nordwesten von Bosnien-Herzegowina, in der Stadt Velika Kladusa, leben Flüchtlinge unter erbärmlichen Bedingungen.
Foto: privat
Panorama 4 Min. 01.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Fabienne Dimmer: "Flüchtlingshilfe muss weitergehen"

Anne Julie HEINTZ
Anne Julie HEINTZ
Fabienne Dimmer unterstützt zusammen mit der Vereinigung "Catch a Smile" Asylsuchende auf ihrer Reise in eine neue Heimat–auch in Zeiten der Corona-Krise.

"Ich wäre jetzt gerne dort. Ich wünschte, ich könnte ihnen helfen, denn sie brauchen meine Hilfe – zurzeit mehr denn je. Stattdessen sitze ich in Luxemburg fest und bemühe mich darum, Hilfe von zu Hause aus zu leisten", sagt Fabienne Dimmer, Mitglied der Vereinigung Catch a Smile. Mit "dort" meint die 51-jährige Flüchtlingshelferin aus Düdelingen das Flüchtlingscamp in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Mit "ihnen" meint sie die Tausenden Flüchtlinge, die dort ausharren.

Die Corona-Krise hat die Pläne der ehrenamtlichen Helferin durchkreuzt. Vergangenen Sonntag hätte sie für zwei Wochen nach Bosnien reisen sollen, um dort zum wiederholten Mal in einem Flüchtlingslager auszuhelfen sowie den unzähligen Asylsuchenden, die entlang der 800 Kilometer langen Grenze zu Kroatien unter menschenunwürdigen Bedingungen auf der Straße leben, unter die Arme zu greifen.

Fabienne Dimmer setzt sich für den Schutz von Flüchtlingen ein.
Fabienne Dimmer setzt sich für den Schutz von Flüchtlingen ein.
Foto: privat

Doch die Grenzen sind dicht, der Flugverkehr wurde lahmgelegt und die Züge rollen größtenteils auch nicht mehr. Das Corona-Virus hat die Welt im Griff. Obwohl Fabienne Dimmer nicht wie geplant nach Bosnien reisen konnte, will sie Einsatz zeigen und setzt ihre Hilfsaktionen von zu Hause aus fort. "Trotz geschlossener Grenzen sind die Flüchtlinge immer noch unterwegs und immer noch hilfsbedürftig. Zwar ist der Flüchtlingsstrom wegen des internationalen Krisenzustands gewissermaßen 'on hold'. Doch wir befürchten, dass es spätestens im Sommer, sobald die Corona-Krise vorbei ist, einen enormen Flüchtlingsansturm geben wird", schildert sie.

Eine Art Lebensaufgabe

Seit etwa vier Jahren ist sie Mitglied der Vereinigung Catch a Smile. Ein erstes Mal war die Vereinigung im November 2015 aktiv, als eine Gruppe von neun ehrenamtlichen Helfern mit einem Hilfstransport auf den Balkan fuhr, um dort Menschen auf der Flucht zu helfen. Kurz danach gesellte sich auch Fabienne Dimmer dazu. Menschen in Flüchtlingslagern zu helfen, ist inzwischen zu einer Art Lebensaufgabe für die 51-Jährige geworden.

Zusammen mit Künstler Eric Mangen hatte die Vereinigung Catch
a Smile im Lager in Sarajevo ein Kunstprojekt gestartet.
Zusammen mit Künstler Eric Mangen hatte die Vereinigung Catch a Smile im Lager in Sarajevo ein Kunstprojekt gestartet.
Foto: privat

"Die Erfahrungen, die ich im Januar 2016 bei meinem ersten Einsatz in einem Flüchtlingscamp nahe Dunkerque (F) gemacht habe, haben mich verändert. Ich konnte nicht glauben, dass nur 350 Kilometer weit weg von Luxemburg Menschen unter solch erbärmlichen Bedingungen leben. Es war Winter, es war eiskalt und es regnete ununterbrochen. Dort im Lager, das einer einzigen Schlammwüste glich, harrten 3.800 Asylsuchende aus, darunter viele Familien. Es sind Bilder, die ich bis heute nicht vergessen habe."

Dass sie zurzeit nicht in den Flüchtlingscamps in Bosnien und Frankreich helfen kann, stimmt sie missmutig. Zwar führt sie jeden Tag mehrere Telefonkonferenzen mit Vertretern internationaler Organisationen und freiwilligen Helfern, die zurzeit in den Lagern aktiv sind, und versucht herauszufinden, wie und womit sie von Luxemburg aus am Besten helfen kann. Dennoch ist diese Art und Weise mit anzupacken für Fabienne Dimmer gewöhnungsbedürftig.

"Jetzt nicht wegschauen"

"Wir dürfen jetzt nicht wegschauen. Trotz Corona muss die internationale Flüchtlingshilfe weitergehen. Auch in den Lagern müssen die Menschen vor dem Virus geschützt werden und Schutzmaßnahmen getroffen werden. Es gilt, die ohnehin schon instabile Situation dort nicht noch zusätzlich zu gefährden", betont sie.

In vier Jahren ist sie für Catch a Smile jeden Monat mehrmals im Ausland im Einsatz gewesen – sofern es ihre hauptberufliche Arbeit erlaubt hat. Dies vorwiegend in Bosnien und Paris. Sie kennt die dramatische Situation, die in vielen heillos überfüllten Lagern herrscht, also gut.

 Ein illegales Flüchtlingscamp in Paris: Die Asylsuchenden leben in Zelten und kämpfen ums Überleben.
Ein illegales Flüchtlingscamp in Paris: Die Asylsuchenden leben in Zelten und kämpfen ums Überleben.
Foto: privat

"Im Pariser Vorort Saint-Denis leben Hunderte von Flüchtlingen in selbst errichteten Camps. Es sind wahrhaftige Zeltstädte. Sie werden regelmäßig von der Polizei geräumt, da es illegale Camps sind. Die Polizisten werfen anschließend auch alle Zelte und Schlafsäcke der Flüchtlinge weg. Es ist eine Strategie der französischen Polizei, die regelmäßig angewandt wird, in der Hoffnung, dass die Asylsuchenden anschließend verschwinden", schildert Fabienne Dimmer.

Doch genau das Gegenteil sei der Fall. Sie würden dort bleiben und seien erneut auf Hilfe angewiesen, um zu überleben. Hilfe, die man als Flüchtlingshelfer am besten leiste, wenn man vor Ort mit den Menschen reden könne. Doch zurzeit kann sie das nicht. Um nicht tatenlos zu sein, versucht sie von zu Hause aus ausfindig zu machen, zu welchen Zwecken dringend Spendengelder benötigt werden. Eine Hilfsleistung, die sich aus der Ferne einfach regeln lässt.


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"Wenn ich vor Ort bin, sehe ich sofort, an was es den Flüchtlingen, die auf der Straße leben, fehlt. Ich kann es besser einschätzen und mich darum kümmern, dass sie mit Essen, Kleidern und Schlafsäcken versorgt werden", erklärt die ehrenamtliche Helferin. Die Arbeit sei emotional und mental intensiv. "Doch ich habe inzwischen die nötige Distanz dazu entwickelt. Ans Aufhören denke ich nicht", so Fabienne Dimmer. "Im Gegenteil. Ich kann es kaum erwarten, wieder in den Einsatz zu gehen."

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