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Europäisches WHO Referenzzentrum in Luxemburg: Und immer noch die Masern …
Prof. Dr. Claude P. Muller auf Akkreditierungsbesuch im Nationalen Referenzlabor in Banja Luka (Bosnien).

Europäisches WHO Referenzzentrum in Luxemburg: Und immer noch die Masern …

Prof. Dr. Claude P. Muller auf Akkreditierungsbesuch im Nationalen Referenzlabor in Banja Luka (Bosnien).
Panorama 3 Min. 28.03.2015

Europäisches WHO Referenzzentrum in Luxemburg: Und immer noch die Masern …

Die Masern scheinen zurzeit in Europa wieder auf dem Vormarsch. Zur Überwachung hat die WHO ein weltweites Netzwerk von Referenzzentren aufgebaut. Nationales Referenzlabor für Masern und Röteln in Luxemburg ist die von Prof. Claude P. Muller geleitete Abteilung für Immunologie.

(C./mt) - Eigentlich sollten die Masern 2015 in Europa ausgerottet sein. So 
jedenfalls sahen es die Pläne 
der Weltgesundheitsorganisation WHO vor. In der Tat ging seit der Einführung eines effizienten Impfstoffes gegen Masern in den 60er- Jahren die Infektionsrate in Europa um mehr als 90 Prozent zurück. Auch weltweit wurden enorme Fortschritte in der Bekämpfung dieser gefährlichen Infektionskrankheit gemacht.

Zurzeit aber scheinen die Masern in Europa wieder auf dem Vormarsch. Masernausbrüche in Deutschland, in den Balkanstaaten und anderen europäischen Ländern beherrschen die Schlagzeilen. Diese oft als harmlos unterschätzte Infektionskrankheit kann zu schweren Komplikationen und, im schlimmsten Fall, zum Tod führen.

Deshalb ist es unverantwortlich, wenn Eltern ihren Kindern Impfungen vorenthalten. Der kürzliche Tod eines Kindes in Berlin hat in Deutschland die Diskussion über die Einführung einer Impfpflicht wieder entfacht.

Unbegründete Skepsis 
gegenüber Impfungen

Um Maserninfektionen effizient zu verhindern, müssen deutlich über 90 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Eine unbegründete Skepsis gegenüber Impfungen, besonders auch in Europa, erschwert die seit 30 Jahren von der Weltgesundheitsorganisation angestrebte vollständige Ausrottung des Masernvirus. Um dieses Ziel zu erreichen, ist neben einer hohen Impfrate ein gut funktionierendes Melde- und Überwachungssystem unerlässlich.

Dafür hat die WHO ein einzigartiges, weltweites Netzwerk von nationalen und supranationalen Referenzzentren aufgebaut. Nationales Referenzlabor für Masern und Röteln in Luxemburg ist die von Prof. Claude P. Muller geleitete Abteilung für Immunologie. Seit 2004 ist die Abteilung auch eines der drei regionalen WHO-Referenzzentren für Masern und Röteln in Europa. Das Referenzzentrum ist zuständig für insgesamt 
22 Länder: die Benelux-Länder, Frankreich, die europäischen Mittelmeerländer (und –inseln) einschließlich der Balkanstaaten, der Türkei und Israel. Außerdem nimmt das Zentrum Aufgaben für die WHO in den Neuen Unabhängigen Staaten (den ehemaligen Sowjetrepubliken) sowie in der russischen Föderation wahr.

Masernüberwachung in ganz Europa

Die Aufgabe des europäischen WHO Referenzlabors in Luxemburg besteht in erster Linie darin, die verschiedenen nationalen Labors innerhalb „seiner“ Länder im Fall von Ausbrüchen zu unterstützen. Somit ist das Referenzzentrum aufs engste mit der Masernüberwachung in ganz Europa und darüber hinaus befasst. In einigen dieser Länder werden zurzeit Tausende von Fällen registriert, was auch für das Luxemburgische Referenzzentrum eine erhebliche Mehrbelastung bedeutet.

Andererseits wird mit dem allgemeinen Rückgang der Masernfälle jeder einzelne Fall umso wichtiger, da sich von ihm ausgehend das Virus erneut in der Bevölkerung festsetzen und ausbreiten kann. Paradoxerweise bedeutet daher weniger Masern nicht weniger Arbeit für das Referenzzentrum, da jeder einzelne Fall deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommt. Das Referenzzentrum spielt somit eine führende Rolle bei der WHO-Initiative zur Kontrolle und Eliminierung von Masern und Röteln. Vor kurzem hat WHO-Generaldirektorin Dr. Margret Chan das Luxemburgische Referenzlabor besucht, um sich über die Fortschritte bei der Maserneliminierung aus der Sicht eines europäischen Referenzlabors zu informieren.

„Das luxemburgische Referenzzentrum ist eines der aktivsten weltweit und macht Luxemburg auch weit über die Grenzen Europas bekannt“, unterstreicht Prof. Dr. Muller. „Die Rolle als Referenzzentrum und die damit verbundene internationale Bekanntheit hat die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Forschungsinstituten erheblich gefördert und gemeinsame Studien mit mehr als 60 Ländern angestoßen.“

Neben der Diagnostik und der Qualitätskontrolle spielt die molekulare Charakterisierung der Viren eine wichtige Rolle. Damit lassen sich international Infektions- und Verbreitungswege des Virus verfolgen. Oft ist nicht bekannt, von wo, auf welchem Weg und von wem das Virus eingeschleppt wurde. Durch die Analyse des Virus können wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, durch die eine weitere Verbreitung oft verhindert werden kann.

Attraktivität des biomedizinischen Forschungsstandorts

Epidemiologisch ist es anders zu bewerten, ob sich während eines Ausbruchs alle Patienten gegenseitig angesteckt haben oder ob sich alle unabhängig voneinander – etwa im Ausland – infiziert haben. So lassen sich Engpässe, aber auch Fortschritte bei der Impfung, z. B. von Risikogruppen feststellen. Aus diesen Erkenntnissen leiten die Referenzlabors Empfehlungen für die WHO ab, um die Impfstrategien weiter zu optimieren.

Das Referenzlabor bietet darüber hinaus Fortbildungen für die Nationalen Labors an, interveniert ggf. vor Ort bei Ausbrüchen und unterstützt die WHO bei der Akkreditierung und den regelmäßigen Treffen der nationalen Labors. Das luxemburgische Referenzlabor wird so häufig als Berater in die Entscheidungen der WHO einbezogen.

„Unsere Aufgabe als regionales Referenzzentrum verleiht unserem kleinen Land große Visibilität auf europäischer Ebene und weit darüber hinaus“, betont Prof. Muller. „Da diese Funktion eng mit unseren wissenschaftlichen Aktivitäten verbunden ist, trägt sie auch zum Bekanntheitsgrad und nicht zuletzt zur Attraktivität des biomedizinischen Forschungsstandorts Luxemburg bei.“


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