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Esch/Sauer-Talsperre: Vom Himmel in den Hahn
Sie sorgt für das größte Trinkwasserreservoir Luxemburgs: die Staumauer in Esch/Sauer.

Esch/Sauer-Talsperre: Vom Himmel in den Hahn

Foto: Guy Jallay
Sie sorgt für das größte Trinkwasserreservoir Luxemburgs: die Staumauer in Esch/Sauer.
Panorama 2 4 Min. 23.08.2017

Esch/Sauer-Talsperre: Vom Himmel in den Hahn

Fast alle Haushalte Luxemburgs werden direkt oder indirekt mit Wasser aus dem Obersauer-Stausee versorgt. Wir waren zu Besuch in der Aufbereitungsanlage der Sebes und erklären im Video die einzelnen Schritte, wie Sauerwasser zu Trinkwasser wird.

von Kim Meyer

Geht man die Rue de Lultzhausen von Esch/Sauer aus hoch, dann ist die 47 Meter hohe Staumauer ein echter Blickfang. Recht unscheinbar dagegen, die Sicht von Bäumen versperrt, befindet sich links von der Abbiegung über die Mauer die Wasseraufbereitungsanlage des Gemeindesyndikats Sebes („Syndicat des eaux du barrage d'Esch-sur-Sûre“). Das Gelände wird videoüberwacht. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gelten auch für das Sebes erhöhte Sicherheitsmaßnahmen. Schließlich werden rund 90 Prozent der Luxemburger Haushalte direkt oder indirekt mit Wasser aus dem Obersauer-Stausee versorgt.

Christian Schroeder im rund um die Uhr besetzten Kontrollraum.
Christian Schroeder im rund um die Uhr besetzten Kontrollraum.
Foto: Guy Jallay

Im Inneren der Sebes-Hallen erwartet den Besucher ein besonderer Charme. Das geräumige, helle Foyer mit seiner repräsentativen Treppe ist Zeuge der Architektur der 1960er-Jahre. Am Eingang wartet Christian Schroeder. Der beigeordnete Direktor der Sebes hat sich Zeit für eine kleine Führung genommen. Bald wird das an diesem Ort nicht mehr möglich sein – schließlich soll 2021 das neue Sebes-Gelände in Eschdorf eröffnet werden.


Ein Schrecken zur Einweihung

„Die Staumauer wurde 1959 eingeweiht“, erzählt Schroeder. Sie ist oben 1,5 und am Fuß 4,5 Meter breit. Dass sie dem enormen Druck des Wassers standhält, dafür sorgt die doppelte Bogenform. „Wie bei einem Ei wird die Kraft an die Ränder gedrängt“, so Schroeder. Die Mauer selbst falle aber nicht in den Zuständigkeitsbereich der Sebes, sondern der Ponts et chaussées.

Die Eröffnung der Talsperre in Esch/Sauer wurde von einem Schrecken begleitet. Am späten Abend des 2. Dezember 1959 brach die Malpasset-Staumauer nahe der südfranzösischen Stadt Fréjus plötzlich zusammen. Über 400 Menschen starben. Die Mauer war vom gleichen Ingenieur, dem Franzosen André Coyne, und nach dem gleichen Konzept entwickelt worden wie die Talsperre in Esch/Sauer. Aber der Schrecken ist längst verflogen. Und das nicht nur, weil sich die Wenigsten an die Katastrophe im Süden Frankreichs erinnern. „Die Mauer befindet sich in einem sehr guten Zustand“, versichert der Experte der Sebes. So gut, dass man nicht mal voraussagen könne, wann die nächste Entleerung des Stausees stattfindet – die letzte war 1991. Zudem befinde sich ein Projekt für den Bau eines Überlaufschutzes kurz vor der Ausschreibung.

Vom Strom zum Trinkwasser

Ursprünglich dachte man, mit der Esch/Sauer-Talsperre sowohl einen großen Teil des Strombedarfs im Großherzogtum abdecken zu können als auch den Überschwemmungsschutz zu verbessern. Nur ein kleiner Prozentsatz war für die Trinkwasserproduktion angedacht. Heute sind die Verhältnisse gekippt. „Am 22. Juni hatten wir die höchste Wasserlieferung seit Bestehen der Sebes“, sagt Schroeder.

Das Einzugsgebiet des Stauwassers beträgt 428 Quadratkilometer – davon befinden sich zwei Drittel in Belgien. „Jeder Tropfen Wasser, der hier fällt und den die Natur auch freigibt, landet bei uns.“ Bevor das Wasser aus der Sauer in die Aufbereitungsanlage kommt, befindet es sich im Durchschnitt drei bis vier Monate im Stausee.

Eine mobile Absaugapparatur sorgt dafür, dass Wasser aus verschiedenen Tiefen verwendet werden kann. „Eben immer dort, wo es am saubersten ist“, wie Schroeder ergänzt. Während der Entleerung 1991 wurde der in Zusammenarbeit mit Paul Wurth entwickelte Saugarm installiert. 1.200 Liter pro Sekunde können so gepumpt werden.

50 Meter hoch wird das Wasser gejagt. Jetzt beginnt der Reinigungsprozess. Im Raum des Rohwasserbehälters liegt ein besonderer Geruch in der Luft. Über Düsen wird Ozon hinzugefügt. Algen und Pestizide werden so abgebaut. Damit aus Sauerstoff Ozon wird, benötigt man eine elektrische Hochspannung. Diese wird in einer der beiden Ozonmaschinen erzeugt.

Ein unheimliches Gefühl: Die Tiefe der Flocker ist beeindruckend.
Ein unheimliches Gefühl: Die Tiefe der Flocker ist beeindruckend.
Foto: Guy Jallay

Das Wasser läuft weiter in zwei große Becken, deren Tiefe bis in den rohen Fels reicht: die sogenannten Flocker. Mithilfe eines speziellen Mittels werden kleine Schmutzpartikel, Bakterien und Viren zu Flocken gebunden, die sich nach und nach am Boden absetzen. Die noch übrig gebliebenen Feststoffe werden in den sieben Sandfiltern entfernt. Eine zwei Meter hohe Schicht aus Quarzsand sorgt dafür, dass auch die restlichen Flocken hängen bleiben.

Zwei Schritte fehlen noch bis zum fertigen Trinkwasser: In den sieben kleineren Kalkfiltern sorgt die Auflösung des Kalks dafür, dass das Wasser mineralisiert und stabilisiert wird. „Sonst wäre das Wasser korrosiv und würde die Betonbehälter und Stahlrohre angreifen“, so Schroeder. Während der letzten Aufbereitungsstufe wird das Wasser mit Chlorgas desinfiziert. Vier Pumpen leiten das fertige Trinkwasser 200 Meter hoch in den Hauptbehälter nach Eschdorf. Von dort aus wird das Wasser im Leitungsnetz der Sebes verteilt.

Der Neubau in Eschdorf

Im April haben die Bauarbeiten der neuen Anlage in Eschdorf begonnen. Nach ihrer Fertigstellung wird nicht nur die Technik auf dem neusten Stand sein. Zudem kann die Wasserkapazität der wachsenden Bevölkerung angepasst werden. Im Video erklärt Schroeder die Funktionsweise der zukünftigen Wasseraufbereitung:


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