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Eine App erobert die Welt
WhatsApp löste die kostenpflichtige SMS ab und sorgt dafür, dass auch das Luxemburgische im digitalen Schriftverkehr verstärkt genutzt wird.

Eine App erobert die Welt

Foto: Lex Kleren
WhatsApp löste die kostenpflichtige SMS ab und sorgt dafür, dass auch das Luxemburgische im digitalen Schriftverkehr verstärkt genutzt wird.
Panorama 9 Min. 16.04.2019

Eine App erobert die Welt

Tippen, telefonieren, Bilder tauschen: Vor zehn Jahren gründeten Jan Koum und Brian Acton WhatsApp Inc. Eine Erfolgsgeschichte.

 von Torsten Könekamp

„Eigentlich sollte WhatsApp gar kein Chatdienst werden.“ Jan Koum hat die Geschichte bereits mehrfach erzählt, auch dem Magazin „Forbes“. Ursprünglich war die Idee eine ganz einfache: „Wäre es nicht cool, im Telefonbuch seines Handys hinter dem Namen der Kontakte ihren Status zu sehen? Zum Beispiel: ,Ich bin im Fitnessstudio, kann gerade nicht telefonieren.‘“ So lautet die Idee, die später WhatsApp seinen Namen gibt: Die Nutzer sollen permanent die Antwort auf die Frage geben: „What’s up?“ (zu Deutsch: „Was geht ab?“).

Wie SMS, nur besser

Im Januar 2009 macht sich Koum ans Programmieren. Am 24. Februar meldet er WhatsApp offiziell an. Aber ein großer Erfolg ist anfangs nicht vorhersehbar. Whats-App hätte auch enden können wie viele andere Start-ups zuvor. Als geplatzter Traum. Auch Koum denkt ans Aufgeben. Es ist sein Freund Brian Acton, der ihn davon abhält.

Während die Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin beide Professorenkinder waren, Steve Jobs als Überflieger galt, der Vater von Bill Gates als Anwalt ein Vermögen machte, und Mark Zuckerbergs Vater immerhin Zahnarzt war, wuchs Koum in der Sowjetunion der 1980er-Jahre auf, in einem kleinen Dorf in der Ukraine. Mit 16 zog er mit seiner Mutter in die USA – nach Mountain View ins Silicon Valley. Seine Mutter arbeitete als Babysitterin, Koum jobbte neben der Schule als Reinigungskraft. Sein Vater starb 1997 in der Ukraine. Da war Koum gerade 21. Drei Jahre später erlag seine Mutter einem Krebsleiden. Koum brach sein Studium ab und arbeitete als Ingenieur bei Yahoo.


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Das alles war vor WhatsApp. Vier Monate nach der Unternehmensgründung führt Apple dann die Push-Nachricht ein. Koum integriert die Funktion in seine App. Und die Nutzer beginnen, sich witzige kurze Nachrichten zu schreiben, die direkt auf den Smartphones ihrer Freunde erschienen. Koum begreift, was er geschaffen hat, ohne es zu planen: einen Chatdienst – wie SMS, nur besser.

Schon bald zählt WhatsApp zu den beliebtesten Apps der Vereinigten Staaten. Im Oktober 2011 werden jeden Tag mehr als eine Milliarde Nachrichten verschickt. 2012 ist sie in fast 100 Ländern die meistgeladene App. 2013 hat die App mehr als 200 Millionen aktive Nutzer.

19 Milliarden Dollar für eine App

Koum und Acton wollten einen Dienst entwickeln, den Menschen nutzen, „weil er funktioniert, Geld spart und das Leben einfacher macht“. Werbung lehnen die Gründer ab. Anfang 2014 hat das Unternehmen nur 55 Angestellte. 25 davon sind Programmierer. 2015 schreibt Koum auf Twitter, mehr als eine Milliarde Android-Nutzer hätten WhatsApp heruntergeladen. Das Android-Team bestehe aber aus gerade einmal vier Personen.

Der Erfolg der App ruft schließlich die großen Tech-Unternehmen auf den Plan. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg soll schon 2012 versucht haben, das Unternehmen zu kaufen. 2013 bietet Google dann angeblich eine Milliarde Dollar. Am 19. Februar 2014 kauft der Facebook-Konzern WhatsApp für 19 Milliarden Dollar. Auf einen Schlag sind Acton und Koum mehrfache Milliardäre.

Es ist die größte Summe, die Facebook bislang für eine Übernahme auf den Tisch gelegt hat. Die Netz-Community ist alarmiert: Ist es jetzt vorbei mit der schönen Zeit, in der WhatsApp ein einfacher Chatdienst und keine Datenkrake war? Acton erzählt Forbes später, es sei schnell zu Konflikten mit den neuen Bossen über die Finanzierung des Dienstes gekommen, und drei Jahre nach dem Deal wird es ihm zu viel: Im September 2017 entscheidet er sich, das Unternehmen zu verlassen. Koum hingegen bleibt, erscheint einmal im Monat im Büro. Keiner weiß, was er dort macht. Doch so kann er behaupten, regelmäßig für Facebook tätig zu sein und seinen Teil der Abmachung zu erfüllen. Am 30. April 2018 scheidet auch er aus dem Unternehmen aus. Sein Vermögen wird 2019 auf fast zehn Milliarden Dollar geschätzt.


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Gigantische Entwicklung

Die Geschichte von WhatsApp ist auch eine der schwindelerregenden Zahlen: Kaum ein anderer Kurznachrichtendienst breitete sich in solch rasendem Tempo aus wie die App mit dem weißen Telefon auf grünem Hintergrund. Im Dezember 2017 hat WhatsApp 1,5 Milliarden monatlich aktive Nutzer in über 180 Ländern. Rein rechnerisch hat also jeder fünfte Mensch den Dienst auf seinem Handy. Mittlerweile hat Whats-App den Facebook Messenger um rund 200 Millionen aktive Nutzer überholt und ist damit das meistgenutzte Chatprogramm der Welt. Chinas Äquivalent Wechat schafft es mit knapp über einer Milliarde Nutzer auf Rang drei.

Auch unter den beliebtesten Apps der Welt machte WhatsApp schnell Karriere. Mittlerweile ist das Chatprogramm nach Facebook (zwei Milliarden angemeldete Nutzer) und YouTube (1,9 Milliarden) die App mit der drittgrößten Nutzerbasis. In 133 Ländern ist die App das beliebteste Chatprogramm, mit großem Abstand vor dem Facebook-Messenger, der nur in 75 Ländern auf dem Spitzenplatz rangiert. Auf Platz drei der Länder mit der größten Durchdringungsrate liegt mit 65 Prozent eine Industrienation: Deutschland. Ausgerechnet in den USA kann WhatsApp nicht so richtig Fuß fassen. Lediglich 23 der über 300 Millionen US-Amerikaner nutzen das Chatprogramm.

Nicht zuletzt die Zahlen zur Nutzung von WhatsApp sind beeindruckend. Ganze 85 Millionen Stunden verbrachten Nutzer auf der ganzen Welt zwischen Mai und Juli 2018 auf WhatsApp und damit fast drei Mal so viel Zeit wie auf Facebook. 65 Milliarden Nachrichten werden täglich über Whats-App verschickt und zwei Milliarden Minuten mit Sprach- oder Videoanrufen zugebracht. Freude, Leid, Fotos, Videos, Grüße und Gedanken: Auf der ganzen Welt teilen Menschen ihr Leben über die App. Doch das hat auch seine Schattenseiten.

Auf der beliebten Chat-Plattform tummeln sich nicht nur harmlose Inhalte. Im Dezember vergangenen Jahres machte WhatsApp in Zusammenhang mit Kinderpornografie Schlagzeilen. Einem Bericht der „Financial Times“ zufolge wird der Dienst und dessen Gruppen-Funktion zum systematischen Austausch von Fotos und Videos genutzt, in denen Kinder sexuell missbraucht werden. WhatsApp teilte mit, „null Toleranz“ gegenüber sexuellem Missbrauch von Kindern zu haben. Der Dienst setze künstliche Intelligenz ein, um solche Inhalte zu finden, und sperre Konten, die sie verbreiteten.

Kampf gegen Fake News

In Indien hat WhatsApp indes an einer weiteren Front zu kämpfen: der massenhaften Verbreitung von Falschnachrichten und Gerüchten. Um weitere Gruppenverbrechen zu verhindern, hat WhatsApp die Funktionen zur massenhaften Weiterleitung von Nachrichten eingeschränkt und eine Obergrenze für die Zahl der Unterhaltungen eingeführt, die jeder Nutzer gleichzeitig führen darf.


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Vor 15 Jahren war er noch ein unbekanntes Zeichen auf der Telefontastatur. Heute ist der Hashtag das meistgenutzte Symbol der Welt. Er ist so populär, weil er Ordnung schafft.

Außerdem wurde ein Knopf zur schnellen Weiterleitung von Medieninhalten entfernt, seit Januar dieses Jahres können Nachrichten nur maximal fünf Mal weitergeleitet werden und sind als solche erkennbar. Angesichts des Wahlmarathons, den die größte Demokratie der Erde dieses Jahr vollzieht, hat Facebook zusätzlich ein System zur Identifizierung von Falschinformationen eingeführt, das zuvor schon in Mexiko eingesetzt worden war und Anzeigen mit Tipps zum Erkennen von Falschnachrichten geschaltet.

Die App hat die Kommunikation revolutioniert, auch in Schulen. Politiker warnen, Lehrer sollten mit Schülern und Eltern über schulische Angelegenheiten nicht auf WhatsApp chatten. Das widerspreche Datenschutzbestimmungen. Eigentlich erlauben auch die Bestimmungen von WhatsApp nur private Kommunikation. Zudem müssen die Nutzer in der EU 16 Jahre alt sein. Doch WhatsApp kontrolliert weder das Alter noch die Inhalte. Das Unternehmen sagt, wegen der Verschlüsselung habe man keine Möglichkeiten, die Inhalte einzusehen. Und das Alter der Nutzer überprüfe man nur, wenn jemand einen Nutzer wegen seines Alters melde.

Eine mediale Weltmacht

Zehn Jahre nach seiner Einführung steht WhatsApp an der Spitze seiner Macht: Kein anderes Chatprogramm kann dem Dienst aus Kalifornien das Wasser reichen. Die Konkurrenz – allen voran Wechat – holt kräftig auf. WhatsApp hat Millionen Menschen gerade in den ärmsten Teilen der Welt den Zugang zur digitalen Kommunikation ermöglicht und ihnen eine erschwingliche Alternative zu teuren Mobilfunkgebühren geboten.

Trotz eines fehlenden Geschäftsmodells hat die App Erfolgsgeschichte geschrieben. Doch wie lange noch? Kann das Versprechen der Gründer, die persönlichen Daten der Nutzer zu schützen und die App frei von Werbung zu halten, aufrechterhalten werden? Die nächsten zehn Jahre werden es zeigen. Nicht zuletzt muss sich Whats-App, wie andere Plattformen, den gesellschaftlichen Schwachstellen zuwenden.



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