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Eine Alpinistin im Dienste der Tibeter
Panorama 4 Min. 16.10.2019

Eine Alpinistin im Dienste der Tibeter

Die 39-Jährige lebt selbst bereits seit vielen Jahren in Tibet. Für einen Vortrag war sie nun in Luxemburg.

Eine Alpinistin im Dienste der Tibeter

Die 39-Jährige lebt selbst bereits seit vielen Jahren in Tibet. Für einen Vortrag war sie nun in Luxemburg.
Foto: Guy Jallay
Panorama 4 Min. 16.10.2019

Eine Alpinistin im Dienste der Tibeter

Die französische Alpinistin Marion Chaygneaud-Dupuy spricht im Interview über Abfallprobleme und ihre Initiative „Clean Everest“.

Interview: Sarah Schött  

Die Französin Marion Chaygneaud- Dupuy ist die erste Europäerin, die dreimal den Mount Everest bestiegen hat. Die 39-Jährige lebt in Lhasa, der Hauptstadt Tibets, und hat ein Modell entwickelt, um den berühmten Berg vom Müll zu befreien. Auf Einladung der Association Victor Hugo und des Institut français du Luxembourg hat sie am Montagabend im hauptstädtischen Cercle cité als Teil einer Vortragsreihe zum Klima über ihr Engagement gesprochen.

Marion Chaygneaud-Dupuy, Sie haben in Tibet studiert. Wieso sind Sie dort geblieben?

Ich kannte danach die Sprache und die Kultur und hatte die gleiche Vision der Welt wie die buddhistischen Philosophie. Ich habe dort jetzt eine kleine Reiseagentur für verantwortungsvollen Tourismus. Ich arbeite mit einem Netzwerk aus Tibetern, die in den Bereichen Umwelt und Soziales engagiert sind.

Sie haben bereits dreimal den Mount Everest bestiegen, 2013, 2016 und 2017. Was wollten sie erreichen?

Ich will den Tibetern dienen. Ich wollte ihnen helfen, eine Müllsäuberungsaktion durchzuführen, aber auch ein langfristiges Modell zu entwickeln, mit dem Abfall umzugehen.

Dazu haben Sie 2013 „Clean Everest“ gegründet...

Ich war damals schon Bergführerin, damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Und ich wurde von der Bergschule in Lhasa als Dozentin für Kurse zum Thema Umwelt und soziales Unternehmertum angestellt. Dann war ich Beraterin für die Gesellschaft der Bergführer. Ich helfe tibetischen Unternehmen, sich auf sozialem Weg zu entwickeln, das heißt die tibetischen Werte zu verinnerlichen, den Respekt vor dem Berg, das Verhältnis von Geben und Nehmen im Gleichgewicht zu halten. Und diese Werte zeigen sich in den Projekten, vor allem in „Clean Everest“.

Was genau tun Sie ?

Wir reinigen den Berg von Müll. Alles, was ab 6 500 Metern aufwärts liegt, wird in Säcken auf dem Rücken von Menschen abtransportiert. Wenn Teams aufsteigen, um beispielsweise Bergausrüstung hochzutragen, wie Zelte und Nahrung, dann sind ihre Taschen leer, wenn sie absteigen. Wenn sie also die Lasten hochgetragen haben, nehmen sie den Müll mit nach unten.

Über 8,5 Tonnen Müll haben Marion Chaygneaud-Dupuy und ihre Mitstreiter bereits auf dem Mount Everest eingesammelt.
Über 8,5 Tonnen Müll haben Marion Chaygneaud-Dupuy und ihre Mitstreiter bereits auf dem Mount Everest eingesammelt.
Foto: Marion Chaygneaud-Dupuy

Was passiert mit dem Müll unterhalb dieser Höhe?

Für alles, was darunter liegt, gibt es den Rücken der Yaks. Sie sind wichtige Haustiere der Tibeter, sehr stark und robust.

Warum gibt es überhaupt so viel Abfall auf dem Mount Everest?

Es hat sich viel angesammelt im Laufe der Jahre. Seit etwa 30 Jahren gibt es kommerzielle Expeditionen dorthin. Der Wettbewerb um Rekorde, der Wunsch jeden Gipfel der Erde zu besteigen. Jedes Land schickt Expeditionen, jeder will am schnellsten oben sein. Es herrscht ein Wettbewerbsgeist vor. Da hat das ökologische Gewissen keine große Chance, sich zu entwickeln.

Weltweit gibt es viele vermüllte Berge. Wieso haben Sie sich gerade den Mount Everest ausgesucht?

Es hört sich vielleicht komisch an, aber er war gerade da. (lacht) Er ist einer der am meisten verschmutzten Berge, denn er ist der bekannteste der Welt. Es ist ruhmreich, wenn man es schafft, ihn zu besteigen. Viele Bergsteiger kommen dorthin. Also gibt es auch viel Müll. So können wir außerdem ein Modell auf einem Berg etablieren, den alle kennen. Danach ist es vielleicht einfacher, das Modell auch an anderen Orten anzuwenden.

Wie viele Tonnen haben Sie bereits beseitigt?

Der Mount Everest hat zwei Hangseiten: den Südhang, wo es sehr viel mehr Bergsteiger gibt, und den Nordhang, dort wo wir arbeiten. Zehn Tonnen Müll wollen wir dort abtransportieren, 2018 haben wir 8,5 nach unten gebracht. Für 2019 habe ich noch nicht alle Kilos zusammengerechnet, aber wir sind bei mehr als einer Tonne, also fast fertig.

Was passiert mit dem Abfall?

Die lokale Müllhalde neben dem Basiscamp ist mit einer Presse ausgestattet. So verhindern wir, dass der Wind den Abfall wieder verteilt. Wir sind zudem dabei, eine Recyclingfabrik aufzubauen. Aus einigen Teilen entsteht auch zeitgenössische Kunst.

Was tun Sie, um eine erneute Müllansammlung zu verhindern?

„Everest Awareness“, eine Sensibilisierungsaktion. Wirklich Basisarbeit, damit die Verschmutzung als Problem wahrgenommen wird. Parallel dazu gibt es natürlich Regeln. Eine Umweltcharta, die Maßnahmen festlegt, die es zu respektieren gilt. Auf den verschiedenen Camps werden Säcke verteilt, die reißfest sind, damit der Unrat nicht überall verstreut wird, wenn die Säcke von den Yaks oder den Menschen abtransportiert werden. Am effektivsten in den letzten Jahren war, die Yak-Führer zu bezahlen, die den Müll runterbringen. Mit jedem Kilo verdienen sie etwas, das ist eine große Motivation und hat super funktioniert. Es gibt auch die Regel, dass jeder Bergsteiger mindestens acht Kilo Abfall mit runternehmen muss.


REVALIDATING - MANDATORY CREDIT REQUIRED: ì@nimsdai Project Possibleî This handout photo taken on May 22, 2019 and released by @nimsdai Project Possible shows heavy traffic of mountain climbers lining up to stand at the summit of Mount Everest. - Three more climbers have died on Everest, expedition organisers and officials said on May 24, taking the toll from a deadly week on the overcrowded world's highest peak to seven. (Photo by Handout / @nimsdai Project Possible / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / @NIMSDAI PROJECT POSSIBLE" - NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS == NO ARCHIVE
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Welches Gefühl gibt es ihnen, auf den Berg zu steigen?

Den „Semshuk“. Das ist Tibetisch und bedeutet etwa soviel wie Willenskraft. Damit ist es möglich, Projekte zum Guten zu bringen, und sich durch Arbeit an sich selbst zu verändern.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Orientierung am Wasser. Es ist die Quelle des Lebens, eine Quelle der Inspiration. Dadurch verstehen wir erst die Wechselbeziehungen zwischen allen menschlichen Wesen, allen Tieren und Pflanzen. Mein Wunsch ist, dass die Eigenschaften des Wassers uns leiten, um diese Wechselbeziehungen, die in Vergessenheit geraten sind, wiederzuentdecken.

Der nächste Vortrag der Reihe findet am 20. November um 18.30 Uhr statt. Referent ist Grönland-Experte Michel Rawicki. Weitere Informationen unter www.ifluxembourg.lu


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