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Ein Mangel an Aufklärung
Panorama 3 Min. 01.12.2016 Aus unserem online-Archiv
Welt-Aids-Tag

Ein Mangel an Aufklärung

Neben Fertignudeln und Schokoriegeln können Studenten an verschiedenen chinesischen Universitäten HIV-Testkits aus Automaten kaufen.
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Ein Mangel an Aufklärung

Neben Fertignudeln und Schokoriegeln können Studenten an verschiedenen chinesischen Universitäten HIV-Testkits aus Automaten kaufen.
Foto: Reuters
Panorama 3 Min. 01.12.2016 Aus unserem online-Archiv
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Ein Mangel an Aufklärung

Kevin WAMMER
Kevin WAMMER
In China spricht man öffentlich kaum über Sex – weder in den Schulen und Universitäten noch zu Hause. Die Aufklärung der Jugend ist sehr lückenhaft. Das hat drastische Folgen für junge Männer und Frauen.

(dpa) - In Pekings Ausgehviertel Sanlitun weht in einer Seitenstraße eine Flagge im Winterwind: Regenbogenfarben. Das Symbol für Bi-, Homosexuelle und Transgender. In China ist die schüchterne gesellschaftliche Öffnung hin zu mehr sexueller Vielfalt zwar sichtbar – die jungen Menschen seien aber immer noch zu wenig über die Gefahren aufgeklärt, kritisieren chinesische Organisationen und die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Eine der Folgen: Die Zahl der HIV-Infektionen bei jungen Männern steigt rasant. 

In Chinas Großstädten sind etwa zehn Prozent der Männer, die homosexuellen Kontakt haben, mit dem HI-Virus infiziert, schätzt der WHO-Vertreter in China, Bernhard Schwartländer. 2015 lag diese Zahl nach Angaben der Organisation noch bei rund acht Prozent. Die Zahl der Männer, die Sex mit anderen Männern haben, werde weiter steigen. Und damit potenziell auch die Zahl der Infektionen. Von den landesweit im vergangenen Jahr rund 76.500 registrierten neuen Fällen sind etwa 70 Prozent Männer. In den Städten seien sogar rund 90 Prozent der Betroffenen männlich, so Schwartländer. Zur steigenden Zahl trage auch bei, dass heutzutage mehr Menschen überhaupt auf das Virus getestet werden. 

Zahl steigt in Luxemburg 

Zum Vergleich: In Luxemburg leben etwa 1.100 Personen, die mit dem HI-Virus infiziert sind. Seit Jahresbeginn kamen 84 Neuinfektionen hinzu. Mit 63 Neuinfektionen führen auch in Luxemburg Männer die Statistik an.

In den Straßen von Peking sind homosexuelle Pärchen nicht zu sehen. Das Thema „Schwuler Sex“ ist gesellschaftlich tabu: Fast zwei Drittel der Männer geben an, die Infektion beim Sex mit einer Frau übertragen bekommen zu haben. Das zeige, dass Homosexualität immer noch stigmatisiert werde, so der WHO-Vertreter. China hinke bei der Thematik um fast 30 Jahre hinterher. Eine systematische sexuelle Aufklärung sei deshalb dringend notwendig. 

Ende 2015 waren in China rund 577.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert, wie das Nationale Zentrum zur Kontrolle und Prävention von Aids und Geschlechtskrankheiten berichtet. Die Behörde schätzt aber, dass etwas mehr als ein Drittel der infizierten Bevölkerung noch gar nichts von ihrer Krankheit weiß. 

Außerdem gebe es ein Problem bei der Versorgung der Patienten, kritisiert ein früherer Mitarbeiter einer Aids-Organisation aus Nordchina, der anonym bleiben möchte. Der Zugang zu Medikamenten und Behandlungen für bereits Infizierte müsse dringend erleichtert werden. Das Thema sei in der Gesellschaft zudem immer noch zu sehr mit Homosexualität verbunden und deswegen kaum Teil der sexuellen Aufklärung an Schulen und Universitäten. 

Schüler besonders betroffen 

Dabei ist gerade auch unter Schülern und Studenten die Zahl der HIV-Infizierten in den vergangenen fünf Jahren um 35 Prozent gestiegen. Auch hier sind nach WHO-Angaben etwa 80 Prozent der Betroffenen männlich. Bei jungen Frauen führe die mangelnde sexuelle Aufklärung zu einem weiteren Problem, erklärt WHO-Vertreter Schwartländer: „Es gibt rund 13 Millionen Abtreibungen pro Jahr in China.“ Jede fünfte sexuell aktive Frau in China unterzieht sich der Prozedur mindestens einmal in ihrem Leben. Mindestens ein Drittel der Chinesen benutzt nach WHO-Angaben beim ersten Sex keine Verhütungsmittel. 

In den Elternhäusern werde das Thema Sex so gut wie nie angesprochen. Und an öffentlichen Schulen gebe es so gut wie gar keinen Aufklärungsunterricht, sagt Xiong Jing, Direktorin vom Women's Media Monitor Network, das sich in China für geschlechtliche Gleichberechtigung in den Medien einsetzt. „Die Lehrer haben vielleicht Bedenken, dass ihre Schüler zu früh Sex haben, wenn sie mit ihnen darüber sprechen.“ 

Dabei gebe es vor allem im Internet jede Menge Informationen über Sex – nur eben nicht immer die richtigen, sagt Jing. So kursieren in chinesischen sozialen Netzwerken immer wieder Gerüchte, die Anti-Baby-Pille wirke nicht wirklich oder beeinflusse die Gesundheit negativ. Jing fordert, dass Aufklärung ein Bestandteil des Schulunterrichts wird. Denn vor allem männliche Schüler kämen in China mit diesem Thema fast gar nicht in Berührung.


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