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Die strenge Schöne von Madrid
Panorama 4 Min. 08.04.2017 Aus unserem online-Archiv
400 Jahre Plaza Mayor

Die strenge Schöne von Madrid

Die Plaza Mayor: Dreimal brannte der Platz ab, dreimal wurde er wieder aufgebaut.
400 Jahre Plaza Mayor

Die strenge Schöne von Madrid

Die Plaza Mayor: Dreimal brannte der Platz ab, dreimal wurde er wieder aufgebaut.
Foto: Shutterstock
Panorama 4 Min. 08.04.2017 Aus unserem online-Archiv
400 Jahre Plaza Mayor

Die strenge Schöne von Madrid

Nicole WERKMEISTER
Nicole WERKMEISTER
Madrids Plaza Mayor feiert ihren 400. Geburtstag. Der fußballfeldgroße steinerne Platz ist die majestätische Bühne seiner selbst – und touristischer Tummelort der Stadt.

von Martin Dahms (Madrid)

Gleich vor dem Torbogen zur Calle de la Sal in der Nordostecke der Plaza Mayor hat Fernanda Rosso ihren Platz. Jeden Vormittag baut die 44-jährige Argentinierin ihren Wunschbrunnen auf, von stetem Wasserstrom durchflossen und künstlichen Schmetterlingen umflattert, und setzt sich selbst, in ein weißes Märchengewand gehüllt, dahinter. „Urbane Künstlerin“ sei sie, „so sagt man jetzt“.

Der Platz der Stadt

Fernanda Rosso wartet auf Passanten, die ihr ein Geldstück ins Körbchen vor dem Brunnen legen, und gibt ihnen dafür ein Plastikröschen, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen mögen. „Ich weiß nicht, ob ich mir die Plaza Mayor als Arbeitsplatz ausgewählt habe oder ob sie mich ausgewählt hat“, sagt sie mit einem sanften Lächeln. „Sie ist der emblematischste Platz der Stadt. Schon meine Mutter in Argentinien sagte mir: Wenn du nach Madrid kommst und nicht die Plaza Mayor besuchst mit all ihrer Großartigkeit, hast du etwas verpasst.“

Keiner will etwas verpassen, also lässt sich kein Madrid-Besucher die Plaza Mayor entgehen. Hier schlägt das touristische Herz der Stadt. Doch man stelle sich den Ort vor 400 Jahren vor. Madrid war gerade erst, im Jahr 1561, von König Philipp II. zur Hauptstadt seines Weltreichs, in dem die Sonne niemals unterging, bestimmt worden. Doch es war eine kümmerliche Hauptstadt.

„Ich halte Madrid für die dreckigste und erbärmlichste Stadt Spaniens“, schrieb der Flame Lamberto Wyts, der 1570 Anna von Österreich auf ihrem Weg nach Madrid zur Hochzeit mit ihrem Onkel Philipp II. begleitete. „Nach zehn ist es kein Vergnügen, durch die Stadt zu spazieren, denn nach dieser Uhrzeit hört ihr, wie die Urinale fliegen und entleert werden.“

Ein paar Jahrzehnte später hatte sich das kastilische Städtchen noch nicht zur glänzenden Metropole entwickelt. „Ein Großteil Madrids bestand weiterhin aus einer Reihe elender einstöckiger Häuser und engen schmutzigen Straßen“, berichtet der Historiker David Ringrose über die Zeit nach dem Tod Philipps II. im Jahr 1598.

In dieses elende Häusermeer hinein ließ Philipp III., Sohn und Nachfolger Philipps II., die Plaza Mayor setzen. Sie entstand, wo seit dem Mittelalter ein planlos bebauter Marktplatz herangewachsen war, mit dem der neue Prachtplatz nur noch den Standort gemein hatte. Die Arbeiten begannen 1617, vor 400 Jahren.

Wer heute auf einen Stadtplan von Madrid schaut, erahnt den Eindruck, den die Plaza Mayor auf die Zeitgenossen gemacht haben muss – und den sie immer noch macht. Wie mit einem gewaltigen Messer herausgeschnitten aus dem umliegenden Straßengewirr liegt sie in exakter Rechtwinkligkeit da, 120 Meter lang, 85 Meter breit, so groß wie ein Fußballfeld, umschlossen von einst fünf heute dreistöckigen Gebäuden von schnörkelloser Schönheit.

Nach der Verbannung des Verkehrs hat die Plaza ihre herrschaftliche Ruhe zurückgewonnen.
Nach der Verbannung des Verkehrs hat die Plaza ihre herrschaftliche Ruhe zurückgewonnen.
Foto: Shutterstock

Eine steinerne Demonstration

Wer den Platz nach seiner Einweihung 1620 betrat, um hier Geschäfte zu erledigen, Vorräte einzukaufen oder einem öffentlichen Spektakel beizuwohnen, erfasste auf einen Blick die Macht der spanischen Monarchie. Das spanische Weltreich ist untergegangen, aber die Plaza Mayor hat Bestand gehabt. Drei Mal brannte der Platz, drei Mal wurde er wiederaufgebaut, zuletzt nach dem verheerenden Feuer von 1780.

Der Hofarchitekt Juan de Villanueva gab der Plaza Mayor ihr heutiges Gesicht: Die Gebäude schrumpften auf drei Stockwerke und überbrückten von nun an die früher offenen Zufahrten, was dem Platz seine ernste Geschlossenheit gab.

Aber die Plaza Mayor war nicht mehr der Platz der Machtdemonstrationen. Hier hatten Umzüge, Stierkämpfe, Hinrichtungen und Autodafés stattgefunden: das berühmteste jenes vom 30. Juni 1680, als Karl II., genannt der Verhexte, von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends auf der Plaza Mayor das düstere und pompöse Theater eines Inquisitionstribunals verfolgte, das an jenem Tag mehr als 120 Urteile aussprach, 21 davon Todesurteile, vollstreckt an Ort und Stelle auf einem gewaltigen Scheiterhaufen. Nur wer Reue zeigte, wurde vor dem Verbrennen erdrosselt, die anderen übergab man lebendig den Flammen. Eine ferne Erinnerung.

Nach Villanuevas Umgestaltung verwandelte sich der Platz im 19. Jahrhundert erst zum lauschigen französischen Garten, dann starteten hier ab 1877 die ersten Madrider Straßenbahnlinien, was heute beinahe so unvorstellbar ist wie ein Autodafé. Die Plaza Mayor ist, nachdem man erst die Grünanlagen, dann die Straßenbahnen und schließlich die Autos verbannt hat, was sie einst war: ein großzügiger, freier Platz inmitten eines Netzes schmaler, immer belebter Straßen.

Langsamer Herzschlag

Das Nervenzentrum der Stadt liegt heute ein paar Hundert Meter entfernt, an der Puerta del Sol, wo einige der wichtigsten Einkaufsstraßen und drei Metro-Linien zusammenlaufen, wo die Regionalregierung ihren Sitz hat, wo große und kleine Demonstrantengruppen ihren Protest herausrufen, wo der Alltag pulsiert. Der Herzschlag auf der Plaza Mayor ist langsamer. Die Plaza Mayor ist niemandes Bühne mehr, außer ihrer selbst. Sie zeigt stolz, was sie ist, ein architektonisches Renommierstück.

Die Madrider kommen im Dezember zum Weihnachtsmarkt, ansonsten bringen sie ihre Besucher her: Die müsst ihr gesehen haben! Und die Besucher fühlen sich gleich zu Hause, so sehr, dass ihnen die Plaza Mayor mittlerweile fast ganz allein gehört.

Hinter dem steinernen Säulengang, der sich um den gesamten Platz zieht, warten neun Souvenirläden und 17 Bars und Restaurants auf Kundschaft. Draußen stehen Tische unter großen weißen Sonnenschirmen, streng normiert. Hier sitzen die Touristen, bestellen zu essen und zu trinken, Akkordeonspieler spielen, Karikaturenzeichner zeichnen, und lebende Statuen wie Fernanda Rosso mit ihrem Wunschbrunnen warten auf den nächsten Passanten, dem ihr Anblick ein Lächeln aufs Gesicht bringt. Gerade kam zufällig Ricardo Darín vorbei, ein argentinischer Schauspieler, ein Star in seiner weit entfernten Heimat und in Spanien. Rosso ist aufgesprungen und hat ihm zwei Küsse gegeben, und als er noch einmal vorbeikam, hat er ihr zugerufen: „Bis dann, Schöne!“ Rosso strahlt, als sie es erzählt. Die Plaza Mayor ist beinahe ein Zuhause.




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