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Die hohe Kunst des Nichtstuns
Panorama 4 Min. 02.04.2020

Die hohe Kunst des Nichtstuns

Einfach mal die Füße hochlegen, aus dem Fenster schauen, die Gedanken kreisen lassen und bewusst nichts tun – das kann nicht nur guttun, sondern fördert auch die Kreativität.

Die hohe Kunst des Nichtstuns

Einfach mal die Füße hochlegen, aus dem Fenster schauen, die Gedanken kreisen lassen und bewusst nichts tun – das kann nicht nur guttun, sondern fördert auch die Kreativität.
Foto: Shutterstock
Panorama 4 Min. 02.04.2020

Die hohe Kunst des Nichtstuns

Faulenzen klingt eigentlich nicht nach großer Anstrengung. Doch es fällt manchen gar nicht so leicht, den Kopf frei zu bekommen.

von Christian Satorius

Viele von uns haben das Nichtstun verlernt – und zwar mit fatalen Folgen, sagen Wissenschaftler. Timothy Wilson und sein Team von Psychologen der Universität von Virginia haben diesbezüglich ein interessantes Experiment durchgeführt. 

Die Aufgabe, die den Versuchsteilnehmern gestellt wurde, war denkbar einfach: Sie sollten nichts tun und zwar rein gar nichts – lediglich auf einem Stuhl sitzen, mit nichts anderem als ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Das war schon alles. Kein Problem, könnte man meinen, doch weit gefehlt. Nach nur sechs Minuten fühlte sich die Mehrheit der Probanden schon unwohl und gab zu Protokoll, dass dies eine überaus „schwierige Aufgabe“ sei.

Nichtstun, egal wie schwierig

Um ausschließen zu können, dass es vielleicht der einfache und schmucklose Laborraum war, der dieses unangenehme Gefühl hervorgerufen hat, legten die Experimentatoren noch eins nach: In einem weiteren Versuch durften die Freiwilligen genau die gleiche Aufgabe bei sich zu Hause erledigen. Das Ergebnis war allerdings nicht nur das gleiche, nein, ein Drittel der Versuchsteilnehmer gab sogar später zu, geschummelt und heimlich Musik gehört oder sich mit dem Handy beschäftigt zu haben. Dabei spielte es übrigens überhaupt keine Rolle, wie alt die Probanden waren.

„Uns hat überrascht, wie viele ältere Menschen es ebenfalls nicht mögen, rein gar nichts zu tun und nur mit ihren Gedanken allein zu sein“, resümiert Wilson die Versuchsergebnisse, an denen Freiwillige im Alter von 18 bis 77 Jahren teilnahmen.

Kann das Nichtstun denn wirklich derart belastend sein? Um das herauszufinden, schlossen die Psychologen aus Virginia ihre Versuchsreihe mit einem spannenden Experiment ab. Wieder ging es darum, nichts zu tun, rein gar nichts, also nur tatenlos auf einem Stuhl zu sitzen, allein mit den eigenen Gedanken beschäftigt. 

Dieses Mal gab es aber zwei interessante Modifikationen. Zum einen ging der Versuch über ganze 15 Minuten und nicht mehr nur über sechs. Zum anderen aber, und das war das wirklich Spannende daran, stand den Freiwilligen nun die Option zur Verfügung, sich selbst einen schmerzhaften Stromstoß verabreichen zu können, einfach nur, um überhaupt irgendetwas zu tun. Würden sich die Versuchsteilnehmer also lieber selber Schmerzen zufügen als gar nichts tun zu können?

Lieber Schmerz als Langeweile

Damit später niemand behaupten konnte, er habe den Stromstoß einfach nur einmal ausprobieren wollen, bekamen alle freiwilligen Versuchsteilnehmer vor Beginn der 15-minütigen Testzeit eine Kostprobe des – zwar ungefährlichen, aber in der Tat von allen als schmerzhaft empfundenen – Stromstoßes verpasst. 

Das Ergebnis der Studie überrascht dementsprechend auch: Zwölf der insgesamt 18 teilnehmenden Männer drückten den Stromstoßknopf im Testzeitraum mindestens ein Mal. Bei den weiblichen Versuchsteilnehmern waren es immerhin sechs von 24. Ein Proband fiel sogar völlig aus den Rahmen und verabreichte sich selbst ganze 190 Stromstöße in 15 Minuten. Timothy Wilson war selbst von dem Testergebnis überrascht: „Den Versuchsteilnehmern war es sogar lieber, sich einen Stromstoß zu verabreichen als gar nichts zu tun.“

Dabei ist das Nichtstun keineswegs verschwendete Zeit, wie eine ganze Reihe von Studien zeigt. Ganz im Gegenteil: Das Gehirn benötigt sogar Ruhephasen, um Dinge besser verarbeiten und abspeichern zu können, sich zu regenerieren oder Ideen zu entwickeln.

Im Jahr 2000 entdeckten Neurologen des Mallinckrodt Instituts für Radiologie (MIR) im US-amerikanischen St. Louis das sogenannte „Default Mode Network“ (Ruhezustandsnetzwerk), eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun hochaktiv ist, beim zielgerichteten Lösen von Aufgaben aber heruntergefahren wird. An diesem Netzwerk sind unter anderem der mediale präfrontale Cortex, der Praecuneus sowie einige Bereiche des Gyrus cinguli beteiligt. Während wir augenscheinlich unbeschäftigt sind, also nichts tun, nur faulenzen, rumdösen und Löcher in die Luft gucken, so gilt dies für unser Gehirn ganz und gar nicht. 

Experten wie der US-amerikanische Kognitionswissenschaftler Andrew Smart gehen davon aus, dass das Ruhezustandsnetzwerk das „reizunabhängige Denken“ ermöglicht, also für Tagträumereien zuständig ist, aber eben auch für Vorstellungsvermögen, Zukunftsplanung und Einfallsreichtum.

Die besten Ideen in der Badewanne

„Es wird tatsächlich dann aktiv, wenn wir an einem sonnigen Nachmittag im Gras liegen, wenn wir die Augen schließen oder während der Arbeit aus dem Fenster starren“, sagt Smart. „In diesen Ruhephasen verknüpft das Gehirn verstärkt Erinnerungen und Empfindungen in freien Assoziationen zu neuen Ideen.“ 


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Viele Kreative kennen das: Die besten Ideen kommen einem oft in der Badewanne. „Wird das Gehirn allerdings mit Reizen wie E-Mails, Anrufen, SMS, Facebook-Updates, dem Checken der To-Do-Listen ... bombadiert“, meint Smart, „ist es ständig mit der Herausforderung des Augenblicks beschäftigt“. „Chronische Geschäftigkeit kann ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen haben, sie ist schlecht für das emotionale Wohlbefinden, die Selbsterkenntnis, die sozialen Fähigkeiten und kann das Herz-Kreislauf-System schädigen.“ 

Das gilt natürlich auch für den Urlaub und die Freizeit überhaupt, denn oft genug bleibt auch hier keine Minute mehr zum Nichtstun übrig, weil alles bis zur letzten Minute durchgeplant ist. So kann man natürlich nicht zur Ruhe kommen.

Es gibt eine ganze Reihe von Tipps, die einem das Faulenzen erleichtern, auch wenn das reine Nichtstun dem einen oder anderen zu Beginn schwerfallen mag. Wer es trotzdem nicht schafft, öfter mal überhaupt nichts zu tun, der sollte einmal daran denken, einen Fachmann zu Rate zu ziehen – denn Nichtstun ist gar nicht so einfach. 

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