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Der Kampf der "Las Kellys"
Myriam Barros räumt auf und weiß, dass es sich lohnt, für die Rechte der Zimmermädchen in spanischen Hotels zu kämpfen.

Der Kampf der "Las Kellys"

Foto: Martin Dahms
Myriam Barros räumt auf und weiß, dass es sich lohnt, für die Rechte der Zimmermädchen in spanischen Hotels zu kämpfen.
Panorama 6 Min. 13.08.2018

Der Kampf der "Las Kellys"

Hotelzimmer sind immer sauber. Das machen die Zimmermädchen, die keiner sieht. In Spanien haben sie jetzt doch ein Gesicht. Als "Kellys" kämpfen sie für ihre Rechte. Mit Erfolg.

von Martin Dahms (Playa Blanca, Lanzarote)

Mariano Rajoy gab den Frauen 40 Minuten Zeit. Sie blieben zweieinviertel Stunden. "Wenn du dir das Kelly-Shirt anziehst", sagt Myriam Barros, "wirst du zum Dobermann. Ehrlich gesagt, haben wir ihn nicht viel reden lassen."

Die fünf Frauen, die sich Anfang April im Madrider Moncloa-Palast mit dem damaligen spanischen Ministerpräsidenten trafen, hatten selbst genug zu reden. Sie schilderten ihm ihren Berufsalltag als Zimmermädchen, ihre Erschöpfung, ihre Krankheiten, ihre Ausbeutung durch Subunternehmen. "Rajoy wandte sich immer wieder seiner Beraterin zu und fragte: Ist das so? Und die sagte: So ist das", erzählt Barros. "Viele meinten vorher: Der will doch nur ein Foto von sich mit den Kellys haben. Aber auch wir haben den Moment genutzt. Alle Medien haben berichtet. Wenn jemand noch nicht von uns gehört hatte – ab jetzt wusste er, wer wir sind."

Stoff für eine Marketingschule

Aktivisten sind soziale Unternehmer. Sie wollen die Welt verbessern, und dafür müssen sie sich Gehör verschaffen. Wie eine Gruppe spanischer Zimmermädchen, unter ihnen Myriam Barros, das hinbekommen hat, wäre Stoff für eine Marketingschule.

Alles begann mit einem Buch: "Las que limpian los hoteles" (Die, die die Hotels sauber machen). Darin ließ Autor Ernest Cañada Zimmermädchen aus ihrem Arbeitsleben erzählen. Angeregt davon gründete ein Zimmermädchen aus Barcelona eine Facebook-Gruppe, in der Kolleginnen aus ganz Spanien ihre Erfahrungen austauschten. "Um Luft abzulassen", erklärt Barros, die über Freunde von der Facebook-Gruppe gehört hatte und sich ihr anschloss. Bis sie irgendwann sagte: "Wir beklagen uns hier alle. Wir sehen, dass überall in Spanien dasselbe passiert, dass es keine Einzelfälle sind. Das muss raus an die Öffentlichkeit."

Barros ergriff die Initiative. Zum Anlass nahm sie den 8. März, den Weltfrauentag, vor zweieinhalb Jahren. Gemeinsam mit vier Kolleginnen aus Lanzarote, wo Barros lebt und arbeitet, kleidete sie auf offener Straße ein paar Schaufensterpuppen mit Zimmermädchenuniformen ein, stellte Eimer und Wischmopp dazu und hängte den Figuren ein Schild um: "Wir sind Las Kellys, wir können nicht kommen, weil wir arbeiten." Ein paar Tage später luden die Frauen Journalisten, Gewerkschafter, Politiker, Anwälte und andere Interessierte ein, um ihre Anliegen vorzustellen. 300 Leute kamen. Angestachelt von dem Erfolg, traf sich Barros wenig später in Madrid mit einer Kollegin aus der spanischen Hauptstadt, einer weiteren Kollegin aus Cádiz und der Gründerin der Facebook-Gruppe aus Barcelona. "Wir schlossen uns drei Tage in einer Wohnung ein, um die Statuten zu schreiben." Die nationale Organisation Las Kellys war geboren. Heute hat sie 2 000 Mitglieder, und ganz Spanien weiß, wer sie sind.

Myriam Barros ist eine, der vielen "unsichtbaren" Helferinnen in der Hotelbranche.
Myriam Barros ist eine, der vielen "unsichtbaren" Helferinnen in der Hotelbranche.
Foto: Martin Dahms

Der Name Kelly steht für Krieger(in)

Der Name war eine der besten Ideen der Frauen: "Las Kellys", den kann sich jeder merken. Eingefallen war das Wort der Kollegin aus Barcelona, als Kürzel für "Las que limpian" – die, die sauber machen. Erst später entdeckten sie, dass der irische Name Kelly für Krieger oder Kriegerin steht.


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Den Vorsitz des Vereins übernahm Myriam Barros. Sie hat ein Kämpferherz, das haben ihr ihre Eltern mitgegeben. Sie kann reden. Vor allem aber war sie diejenige, die sich am wenigsten vor Repressalien fürchtete. Es ist heute immer noch oder wieder so wie in frühkapitalistischen Zeiten: Wer für seine Rechte kämpft, ist ein Störenfried, der bei erster Gelegenheit gefeuert wird. Nach der schweren Wirtschaftskrise, die vor zehn Jahren ihren Anfang nahm, liegt die Arbeitslosenrate in Spanien noch immer über 15 Prozent, die der Frauen bei 17 Prozent. Also lieber nicht aufmucken. Auf Lanzarote, sagt Barros, ist das etwas anders. Die Tourismusindustrie brummt, während das Arbeitskräfteangebot begrenzt ist, weil Wohnungen fehlen. "So sehr wir auch aufbegehren und Forderungen stellen, sie werden uns weiter unter Vertrag behalten", erklärt Barros. "In Madrid ist das anders, da wirst du entlassen und musst zusehen, wo du wieder Arbeit findest." So kommt es, dass die Kellys von einer Frau in Playa Blanca im Süden Lanzarotes, weit ab von allen spanischen Entscheidungszentren, geführt werden.

"Ich habe jetzt zwei Uniformen", sagt Barros, "die meiner Arbeit und das Kelly-Shirt. Und hin und wieder bin ich angezogen wie ich selbst." Sie ist Mutter zweier Töchter, sie ist Arbeiterin, sie ist Aktivistin. Die Tage haben zu wenige Stunden. Aber der Kampf muss sein. "Wir Zimmermädchen sind vollkommen unsichtbar. Wir sind es immer gewesen. Eines unserer Ziele war es, aus dieser Unsichtbarkeit herauszukommen. Das ist der erste Kampf, den wir gewonnen haben. Unsere Anliegen stehen jetzt ganz oben auf der politischen Agenda."

Die Plage der Subunternehmen

Barros übertreibt nicht. Acht Wochen nach der Einladung an die Kellys durch Mariano Rajoy kam in Spanien der Sozialist Pedro Sánchez an die Regierung und legte im Juli einen Aktionsplan gegen Ausbeutung am Arbeitsplatz vor. An vorderer Stelle erwähnt der Plan die Kellys, "die besonders unter niedrigem Einkommen, hohem Arbeitsrhythmus und Überanstrengung" litten. Barros hatte nichts anderes erwartet: "Jetzt, wo die Sozialisten an der Regierung sind, müssen sie das umsetzen, was sie immer von Rajoy eingefordert haben." Als Erstes stünde an, sich der Plage der Subunternehmen anzunehmen. Die zahlen den ohnehin schlecht bezahlten Zimmermädchen noch weniger als die Hotels: 700 Euro im Monat statt 1 200 Euro, sagt Barros. "Ein Hotel verkauft saubere Zimmer. Ohne uns gibt es kein Produkt zu verkaufen." Doch, weil die Zimmermädchen rund 40 Prozent der Belegschaft ausmachen, finden es viele Hotels attraktiv, gerade diese Dienstleistung an Fremdfirmen zu vergeben. Wie weit verbreitet diese Sitte ist, weiß Barros nicht. "Aber wir sind einmal in der Gran Vía in Madrid von Hotel zu Hotel gegangen. Nur in einem von zehn war die Reinigung nicht externalisiert." Noch ist die Auslagerung erlaubt. Aber manche beginnt, das schlechte Gewissen zu plagen. Die spanische Hotelkette AC hat alle Zimmermädchen wieder selbst unter Vertrag. Ein Erfolg der Kellys.


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Ob direkt beim Hotel angestellt oder bei einem Subunternehmen, die Arbeit ist hart. Als Barros vor vier Jahren in einem Hotel in Playa Blanca als Zimmermädchen zu arbeiten begann (mit ordentlicher Festanstellung), warnten sie die Kolleginnen vor dem, was da auf sie zukomme. "So schlimm wird’s schon nicht sein", dachte sie. Saugen, Bad putzen, Betten machen, das kennt jeder von zu Hause. "Aber wenn du 26 Zimmer am Tag machst, dann rennst du ... oder du rennst. Ich weiß, wie ich mich bücken muss, ohne mir zu schaden. Aber ich habe keine Zeit, darauf zu achten. Ich habe mal mit einer App meine Schritte gezählt: In sechseinhalb Stunden laufe ich zwölf Kilometer." Jenseits der 50 sei die Arbeit kaum noch zu machen, "weil dir alles weh tut. Ich bin jetzt 39, und wenn ich nach Hause komme, muss ich mich ein paar Stunden hinlegen, weil ich zu nichts anderem mehr in der Lage bin."

"Sehr würdige Arbeit"

Die Kellys fordern, dass typische Leiden der Zimmermädchen wie Rücken-, Knie- und andere Gelenkschäden oder Angstzustände wegen körperlicher Überforderung als Berufskrankheiten anerkannt und damit auch Frühverrentungen erleichtert werden.

Und sie fordern klare Vereinbarungen über die maximale Arbeitsbelastung, die auch eingehalten werden. "Es scheint ja, dass wir einen Zauberstab haben und nur einfach Simsalabim machen müssen, und das Zimmer macht sich sauber. Nein. Wir haben viele Leiden", sagt Barros. Sie selbst auch. Aber davon erzählt sie nur beiläufig. Es geht nicht um sie. Es geht um alle.

"Den meisten von uns gefällt unsere Arbeit. Wir glauben, dass es eine sehr würdige Arbeit ist", sagt die Kelly-Präsidentin. "Aber man bietet den Touristen Qualität auf Kosten unserer Gesundheit." Sie will noch lange weiterkämpfen. Sie glaubt, dass es sich lohnt. Sie zitiert ein Motto der Kellys: "Organisiere dich, wenn du nicht willst, dass sie dich organisieren!"


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