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Der Heilung auf der Spur
Panorama 1 5 Min. 28.09.2018 Aus unserem online-Archiv

Der Heilung auf der Spur

Dr. Sébastien Rinaldetti

Der Heilung auf der Spur

Dr. Sébastien Rinaldetti
Foto: Anouk Antony
Panorama 1 5 Min. 28.09.2018 Aus unserem online-Archiv

Der Heilung auf der Spur

Michael JUCHMES
Michael JUCHMES
Dr. Sébastien Rinaldetti wird in den USA ein Jahr lang auch für Luxemburg Krebsforschung betreiben. Das "Luxemburger Wort" traf ihn zum Gespräch.

Die USA gelten nach wie vor als das Traumziel vieler Wissenschaftler. Auch Dr. Sébastien Rinaldetti aus Düdelingen wird demnächst in die Vereinigten Staaten aufbrechen: Der 30-jährige Mediziner, den es nach dem Abitur am Athénée zunächst an die Universität Innsbruck und dann an die Universität Heidelberg verschlug, hat die Möglichkeit, ein Jahr am Cancer Center in Denver, dem Krebszentrum der University of Colorado, zu forschen. Möglich macht dies unter anderem ein Stipendium in Höhe von 75 000 Euro, das ihm von der Fondation Cancer gewährt wurde.

Dr. Sébastien Rinaldetti, mit welchem Forschungsthema werden Sie sich in den USA beschäftigen?

In meinem Forschungsprojekt geht es um die Telomerase, ein Eiweiß und Enzym des Zellkerns, das eine wichtige Rolle bei der Zellalterung spielt. Die Telomerase, für deren Entdeckung es übrigens den Medizinnobelpreis gab, ist hauptsächlich in den Stammzellen aktiviert, was dafür sorgt, dass sie unsterblich bleiben. Manchmal kann es aber auch bei anderen Zellen, die entarten, passieren, dass eine Mutation, also ein genetischer Fehler der Zelle, die Telomerase wieder reaktiviert. Das führt dann etwa dazu, dass Krebszellen unsterblich werden und der Krebs aggressiver wächst und das Überleben der Patienten verkürzt. 70 Prozent der Patienten mit Blasenkrebs, Hautkrebs und Gliome (Hirntumore des Zentralnervensystems, Anm. d. Red.) besitzen diese Mutation. Ziel des Projektes ist es daher, Medikamente zu identifizieren, die genau diese mutierten Krebszellen attackieren und die gesunden am Leben lassen. Wir setzen dabei auf innovativste Robotik und Gentechnik, um in kürzester Zeit an Zelllinien 20 000 Substanzen zu testen. Initial werden wir uns auf Blasenkrebs fokussieren.

Wie gehen Sie dabei vor?

Mit Hilfe von moderner Lasertechnik und optischer Mikroskopie ist es möglich, gleichzeitig viele vitale Prozesse von Zellen in ganz kurzer Zeit und höchster Präzision zu analysieren. Man greift dabei auf Platten mit bis zu 3 000 kleinen Vertiefungen zurück, in denen sich einige Tausend mit CRISPR/CAS (rezent entdeckte Genschere, Anm. d. Red.) modifizierte Zellen befinden. In diese Vertiefungen wird dann jeweils ein Medikament hinzugefügt. Und dann schaut man, wie die Zellen darauf reagieren. Wir benutzen 20 000 verschiedene Einzelwirkstoffe, von denen die meisten kommerziell nicht erhältlich sind. Diese wurden nach dem Zufallsprinzip generiert und auf ihre Basiseigenschaften hin analysiert und gefiltert. Es sind potenzielle Medikamente, die man weiterentwickelt und auch chemisch modellieren könnte, um sie später auch an Mäusen testen zu können.

Werden auch Kombinationen von Wirkstoffen getestet?

Neben Kombinationen mit gängigen Chemotherapeutika erhoffen wir uns eine synergische Wirkung mit der rezent eingeführten Immuntherapie beim Blasenkrebs. Der Einsatz der sogenannten Immun-Checkpoint-Inihibitoren hat derzeit weltweit Hochkonjunktur. Jedoch erzielen auch diese Medikamente nur eine Lebensverlängerung von einigen Monaten. Die Blockierung der Telomerase jedoch verursacht hohen genetischen Schaden in der Krebszelle, was theoretisch dazu führt, dass das Immunsystem sie besser identifizieren und abtöten kann.

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie während dieses Forschungsjahres in den USA?

Die Techniken und Methoden sowie die zahlreichen neuen und innovativen Fragestellungen des Projekts werden es uns erlauben, viele neue Erkenntnisse zu generieren – sowohl in den Bereichen Blasenkrebs, Hautkrebs und Gliome als auch was das Wirkungsprinzip der Telomerase betrifft. In dem Jahr in den USA soll ein Grundstein gelegt werden, um die Substanzen einzugrenzen, die gezielt gegen die Telomerase eingesetzt werden können. Ziel ist es auch, weitere Projekte zu initiieren – auch hier in Luxemburg, da auch hier personalisierte Krebsforschung einen hohen Stellenwert hat und unter anderem auch Hautkrebs- und Gliomforschung betrieben wird.

Dr. Sébastien Rinaldetti: „Ich sehe mich eher als ,médecin chercheur' – und die sind momentan sehr gefragt, weil sie die Verbindung zwischen der personalisierten Krebsforschung und der Klinik herstellen. Denn ohne den Austausch von Krebsbiopsien der Studienpatienten zwischen den Krankenhäusern und Forschungslaboren kann auch die Forschung keine Erfolge verbuchen.“
Dr. Sébastien Rinaldetti: „Ich sehe mich eher als ,médecin chercheur' – und die sind momentan sehr gefragt, weil sie die Verbindung zwischen der personalisierten Krebsforschung und der Klinik herstellen. Denn ohne den Austausch von Krebsbiopsien der Studienpatienten zwischen den Krankenhäusern und Forschungslaboren kann auch die Forschung keine Erfolge verbuchen.“
Foto: Anouk Antony

Wie werden Sie die Forschungsergebnisse in Luxemburg einbringen?

Blasenkrebs ist wohl – was die Behandlungskosten anbelangt – die teuerste Krebsart weltweit. Einerseits aufgrund der vielen Rückfälle, wegen derer sehr viele Blasenspiegelungen durchgeführt werden müssen. Auch die dadurch häufig eintretende Inkontinenz führt immer wieder zu Eingriffen. Und nicht zuletzt verursacht auch die Da-Vinci-Robotertechnik, die bei Operationen eingesetzt wird, hohe Kosten. Europaweit sind die Kosten der Blasenkrebstherapie laut Statistiken in Luxemburg mit Abstand am höchsten. Durch die Forschungsergebnisse versprechen wir uns natürlich neue Therapiemethoden, die den Wiederausbruch des Krebses verringern und dadurch die Überlebenschancen von Patienten erhöhen sollen. Dies würde natürlich auch die Kosten senken.

Planen Sie, nach dem Aufenthalt nach Luxemburg zurückzukehren?

Vor zehn Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, meine akademische Forschung und meine medizinische Tätigkeit im Großherzogtum weiterzuführen. In den vergangenen Jahren hat sich in Luxemburg jedoch einiges getan, etwa mit der Etablierung von interessanten Instanzen wie der Integrated BioBank of Luxembourg, einem Bachelor in Medizin oder Forschungseinrichtungen am Campus Belval. Das Großherzogtum ist außerdem recht interessant für populationsbasierte Studien oder um neue Techniken einzuführen und weiterzuentwickeln. Das kann ich mir auch bei diesem Projekt sehr gut vorstellen. Die Patienten könnten in jedem Fall davon profitieren.

Ist das Umfeld denn attraktiv für junge Forscher?

Ich sehe mich eher als „médecin chercheur“ – und die sind momentan sehr gefragt, weil sie die Verbindung zwischen der personalisierten Krebsforschung und der Klinik herstellen. Denn ohne den Austausch von Krebsbiopsien der Studienpatienten zwischen den Krankenhäusern und Forschungslaboren kann auch die Forschung keine Erfolge verbuchen. In Luxemburg gibt es das Problem, dass es nur wenige Ärzte gibt, die auch gleichzeitig Forschung betreiben. Das liegt unter anderem an dem langen Studium und auch an der fehlenden Work-Life-Balance, die sich die neue Generation von Ärzten erwartet. Mein Wunsch wäre es, zu 50 Prozent in der Klinik zu arbeiten und zu 50 Prozent in der Forschung. Dieses Modell ist hier eher noch unbekannt. Derzeit gibt es aber im Rahmen des „Plan Cancer“ die Bestrebungen, den Status des „médecin chercheur“ einzuführen. Die Entwicklung steckt noch in ihren Kinderschuhen, ist aber in den Nachbarländern bereits längst Standard. Luxemburg muss sich daher noch weiter bemühen, um attraktiv zu bleiben – vor allem für den Nachwuchs in diesem Bereich.

Gibt es denn in Luxemburg große Nachwuchssorgen?

2011 hat die ALEM (Association luxembourgeoise des étudiants en médecine, Anm. d. Red.) in einer Demografiestudie recht genau prognostiziert, dass man in Luxemburg ab 2020 mit einem drastischen Ärztemangel rechnen muss. Viele Ärzte sind derzeit zwischen 50 und 60 Jahre alt und werden demnächst in Pension gehen. Zudem hat die neue Generation von Ärzten andere Ansprüche – auch an ihr Privatleben. Man kann daher einen alten Mediziner nicht einfach durch einen neuen ersetzen.

Sie haben bei den Vorbereitungsarbeiten für die Luxembourg Medical School mitgewirkt. Inwieweit kann diese dem Ärztemangel entgegenwirken?

Eine eigene medizinische Fakultät erlaubt es uns, selbst zu steuern, wie viel Nachwuchs wir hervorbringen möchten. Leider wird zukünftig aber nur eine dreijährige Ausbildung angeboten, danach müssen die Studenten wieder ins Ausland gehen. Ziel wäre hier natürlich eine vollwertige Medizinerausbildung. Auch die Spezialisierungsmöglichkeiten nach dem Studium müssen hierzulande weiter ausgebaut werden, damit noch mehr Leute im Land bleiben. Bisher ist nur die Spezialisierung im Bereich Allgemeinmedizin möglich, und demnächst auch in der Onkologie und der Neurologie.

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