Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Der Dinosaurier im Hühnerei
Panorama 4 Min. 10.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Der Dinosaurier im Hühnerei

Zwischen Dinosaurier und Huhn besteht eine genetische Verbindung. Wissenschaftler versuchen nun, die entsprechenden Gene zu reaktivieren.

Der Dinosaurier im Hühnerei

Zwischen Dinosaurier und Huhn besteht eine genetische Verbindung. Wissenschaftler versuchen nun, die entsprechenden Gene zu reaktivieren.
Foto: Shutterstock
Panorama 4 Min. 10.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Der Dinosaurier im Hühnerei

Die Urzeitechse von damals ist mit unserem heutigen Huhn verwandt - das zeigt sich nicht nur am Aussehen, sondern auch an der DNA.

Was könnte ein kleines, flauschiges Hühnerküken wohl mit einem zähnefletschenden Dinosaurier gemeinsam haben? Die Antwort verblüfft: die flaumigen Federn. Und nicht nur die. Auch der Schwanz, die Füße, die hohlen Knochen, der zweibeinige Gang, ja der gesamte Körperbau, weisen große Übereinstimmungen auf. So große sogar, dass Richard O. Prum zu dem Schluss kommt: "Wenn man es genau nimmt, sind die Vögel eine Untergruppe gefiederter Dinosaurier."

Der Evolutionsbiologe und Ornithologe von der Yale-Universität in New Haven, Connecticut ist der Ansicht: "Es bleiben heute keine wichtigen Merkmale mehr übrig, die ausschließlich den Vögeln vorbehalten bleiben, vielleicht noch mit Ausnahme des Fluges aus eigener Kraft." Gefiederte Urzeitechsen mögen auf den ersten Blick vielleicht völlig abwegig erscheinen, vor allem dann, wenn es sich dabei auch noch um kuschelige Flaumfedern handelt – dennoch hat es genau solche Tiere gegeben, wie eine ganze Reihe neuerer Fossilfunde aus China zeigt. 

Evolution nachvollziehen 

Der Sinosauropteryx ("chinesischer Echsenflügel"), den man 1995 in der Region Liaoning fand, war schon mit flaumigen Protofedern in einer Länge von zwei bis 38 Millimetern bedeckt. Den Caudipteryx ("Schwanzfeder"), der 1998 erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde, zierten schon weiterentwickelte Konturfedern. Zudem zeigten die Fossilien, dass dem etwa einen Meter langen Tier vier Zähne wuchsen. Im Gegensatz dazu verfügten Tiere wie der 2012 erstbeschriebene Yutyrannus ("gefiederter Tyrann") mit seinen neun Metern Körperlänge und einem Gewicht von 1,4 Tonnen noch über sehr frühe und entsprechend einfach aufgebaute federartige Gebilde. 

Dank der spektakulären Entdeckungen der neueren Zeit können die Forscher die Evolution der Feder und mit ihr auch die der Vögel inzwischen ganz gut nachweisen. Die Entwicklung lässt sich von kleineren, zweibeinig laufenden Raubsauriern, sogenannten Theropoden, bis hin zum heutigen Huhn nachvollziehen. "Die Vögel sind vermutlich aus primitiven Coelurosauriern hervorgegangen, deren erste Vertreter im frühen Jura vor 175 bis 200 Millionen Jahren aufgetaucht sind", meint der US-amerikanische Paläontologe Jack Horner, der auch schon die "Jurassic Park"-Filme wissenschaftlich beraten hat. 

"Die heutigen Vögel erschienen dann vor etwa 55 Millionen Jahren, und innerhalb dieser Gruppe die Hühnervögel vor etwa 45 Millionen Jahren." Zwischendurch flatterte noch der Urvogel Archaeopteryx ("alter Flügel"), der vor etwa 150 Millionen Jahren lebte, durch die Botanik des Oberjuras. Er hatte schon moderne asymmetrische Flugfedern, aber auch ganz nach Urzeitechsenart noch einen langen, knöchernen Schwanz und Zähne.

Interessanterweise kann man dieses Erbe dem Huhn auch heute noch ansehen, und zwar nicht nur in Äußerlichkeiten, wie der offensichtlichen Ähnlichkeit der geschuppten Füße oder dem zweibeinigen Gang, sondern sogar in der DNA. Im Jahr 2004 gelang einem internationalen Wissenschaftlerteam aus 170 Forschern die vollständige Entschlüsselung des Hühner-Genoms. Das Spannende daran: "In dem Genom liegt heute noch die Information für die Entwicklung eines Dinosauriers", meint Horner. Mit seinem "Reverse Engineering"-Projekt will er die Evolution praktisch umkehren und aus einem Huhn wieder einen Dinosaurier machen. 

Um das zusätzliche Heckgewicht auszugleichen, verlagerte das Huhn sein Körpergewicht nach vorn, indem es den Anstellwinkel seiner Beine veränderte.

"Wir wissen, dass der Hühner-Embryo im Ei einen längeren Schwanz ausbildet, der später dann wieder absorbiert wird", erläutert der wissenschaftliche Berater von "Jurassic Park". "Wenn es uns nun gelingt, die Gene zu identifizieren, die für die Absorption des Schwanzes verantwortlich sind, und wir sie abschalten, dann können wir Hühnern wieder einen langen Dinosaurierschwanz wachsen lassen." Horners Kollege Hans E. Larsson von der McGill-Universität im kanadischen Montreal konnte die Anlagen von ganzen 18 Wirbeln identifizieren, wohingegen ausgewachsene Hühner lediglich fünf Schwanzwirbel sowie das "Pygostyl" genannte Schwanzende aufweisen. "Wir erforschen hier ein ganz neues Entwicklungssystem, das von fundamentaler Bedeutung sein dürfte", meint Larsson. "Es hat mit der Körperachse zu tun, die von vorn nach hinten verläuft und sie länger oder kürzer macht", erläutert der Biologe. "Der Mechanismus, der dies vorantreibt, beziehungsweise die Entwicklung auf dieser Ebene steuert, dürfte also von überaus weitreichender Bedeutung sein."

Gewichtsverlagerung nach vorne 

Ein internationales Wissenschaftlerteam um Bruno Grossi von der Universität von Chile in Santiago wollte wissen, inwieweit sich der Gang eines Huhnes durch einen schweren langen Schwanz verändert. Zu diesem Zweck bastelten sich die Forscher einen künstlichen Dinosaurierschwanz, der ein bisschen wie eine Gummisaugglocke aus der Sanitärtechnik aussah, und befestigten diesen kurzerhand am Hinterteil des Tieres. Was nun geschah, war interessant: Um das zusätzliche Heckgewicht auszugleichen, verlagerte das Huhn sein Körpergewicht nach vorn, indem es den Anstellwinkel seiner Beine veränderte. So ähnelte der Gang schon sehr dem des laufenden Tyrannosaurus rex aus Horners "Jurassic Park".


Krabbe
Der Lamborghini unter den Krabben
Mitte der 1980er-Jahre ging es bergab mit dem Dorf Bugøynes im nordöstlichsten Norwegen. Doch dann wanderte die Königskrabbe aus Russland ein und brachte Wohlstand und Touristen.

Der Dinosaurier schlummert heute auch noch an anderer Stelle im Huhn. Sein Schnabel hat sich im Laufe der Evolution aus den sogenannten Prämaxillarknochen des Reptilienkiefers gebildet, wie die Paläonthologen heute wissen. Die bei den Reptilien noch getrennten Knochen sind beim Huhn miteinander verwachsen. Yale-Forscher um Bhart-Anjan Bullar konnten die Aktivität der beteiligten Gene unterdrücken, so dass den Hühnern wieder eine Reptilienschnauze wuchs. Selbst die Baupläne von Zähnen sind heute noch im Huhn angelegt. Wissenschaftlern um Thimios A. Mitsiadis vom King's College in London gelang es, das genetische Programm zu reaktivieren, das für die Zahnentwicklung verantwortlich ist. So wuchsen den Hühnern wieder Zähne wie einst dem Archaeopteryx. Es sind also keineswegs nur die flaumigen Federn, die Hühnerküken und zähnefletschende Dinosaurier verbinden.

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Das schwere Erbe des Pablo Escobar
Kolumbien diskutiert weiterhin über den richtigen Umgang mit 80 Flusspferden des Drogenbarons, deren Vorfahren einst auf dem Landsitz des Drogenbarons lebten.