Wählen Sie Ihre Nachrichten​

„Der Daiwel“
"Fly on the wall". Selbst die AC/DC-Fliege nimmt im „Der Daiwel“ einen Drink.

„Der Daiwel“

Foto: Luc Belleville
"Fly on the wall". Selbst die AC/DC-Fliege nimmt im „Der Daiwel“ einen Drink.
Panorama 4 Min. 07.09.2018

„Der Daiwel“

Nicole WERKMEISTER
Nicole WERKMEISTER
Die Luxemburgerinnen Carole und Vicky Whipple verwirklichen ihren amerikanischen Traum mit einer Metal-Bar in Texas.

Die Liebe zu den Südstaaten der USA entdeckten Carole und ihre Schwester Vicky Whipple schon während ihrer Kindheit. Doch dass die einstige Heimat ihres Vaters einmal zu ihrer neuen werden sollte, war damals noch nicht zu erahnen:

Die Fahne vor der Bar verrät die Herkunft ihrer Inhaberinnen: Carole und Vicky Whipple (hier nicht im Bild) stammen aus Luxemburg.
Die Fahne vor der Bar verrät die Herkunft ihrer Inhaberinnen: Carole und Vicky Whipple (hier nicht im Bild) stammen aus Luxemburg.
Foto: Luc Belleville

Ob das mit dem Teufel zugeht?“ Nicht selten öffnen neugierige, aber etwas vorsichtige Touristen die Tür zur Bar „Der Daiwel“ im texanischen Städtchen Fredericksburg, um sie dann schnell wieder zu schließen. Denn nicht nur der luxemburgische Name der Kneipe mutet befremdlich an. Im Inneren ist es, wie in vielen US-amerikanischen Bars üblich, ziemlich düster. Obendrein hängen Heavy-Metal-Platten, wild bedruckte T-Shirts und Poster an den Wänden – und die passende Musik dazu wird auch gespielt. „Aber nicht so laut, wie man vielleicht denken könnte“, erklärt Carole Whipple, die die Metal-Bar seit fünf Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester Vicky führt.

Mutiger Umzug

Dabei sah zunächst alles nach einem gutbürgerlichen Leben in Luxemburg aus. Nach der Schule absolvierte Carole eine Ausbildung zur Buchhändlerin und erreichte gar die zehnjährige Betriebszugehörigkeit im Unternehmen. Doch dann war Schluss.

Wir treffen Carole Whipple während ihres diesjährigen Heimatbesuchs in Luxemburg.
Wir treffen Carole Whipple während ihres diesjährigen Heimatbesuchs in Luxemburg.
Foto: Guy Jallay

Carole wollte ein neues Leben in den USA beginnen. Nur wo? Das wollte sie auf einer gemeinsamen Tour mit ihrer Schwester herausfinden. Auf dem Weg nach Luckenbach, einem gemeindefreien Städtchen im Bundesstaat Texas, in dem ländliche Idylle und Country-Musik Touristen aus dem In- und Ausland anziehen, fuhren die beiden durch die Hauptstraße von Fredericksburg – und waren hingerissen. „Hier ist es doch schön!“, meinte Vicky und fand Zustimmung bei ihrer Schwester, die bald darauf mit Sack und Pack in die einst von deutschen Auswanderern gegründete Stadt umzog, ein kleines Apartment mietete und einen Job als Kellnerin annahm. Denn auch das hatte sie bereits in ihrer Jugend im Imbiss ihrer Mutter, dem „Take out“, und dem Restaurant ihres Onkels, dem „Ems“ am Bahnhof in Luxemburg-Stadt, geübt.

Zwölf Jahre ist das nun her. Und obwohl das Leben in den USA im Vergleich zu Luxemburg deutlich beschwerlicher – und vor allem weit weniger finanziell abgesichert – ist, hat Carole die Entscheidung nicht bereut. „Durch meinen Vater habe ich ja neben der luxemburgischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft“, erklärt die heute 47-Jährige. So sei der Wechsel zwischen den Ländern weit einfacher und weniger riskant gewesen als mit einer Green Card – und eine Entscheidung nie endgültig.

Nach jahrelangem Verkauf von Sauerkraut, Schnitzel und Bier im „Lindenbaum“ und anderen „typisch deutschen“ Restaurants wuchs der Wunsch nach etwas Eigenem. Und eine Bar, in der man etwas anderes als die übliche Mainstream-Musik hören konnte, fehlte bislang im Ort.

Für die Idee einer Heavy-Metal-Bar begeisterte sich auch die in Luxemburg verbliebene Vicky, die ihr Apartment verkaufte und ebenfalls nach Texas übersiedelte, um ihr Erspartes in das neue Projekt einzubringen. „Eigentlich wollten wir ein Objekt etwas außerhalb, aber das ist in Texas nicht so leicht. In einem bestimmten Umkreis um eine Bar dürfen sich keine Kirche und keine Schule befinden – und so kamen wir dann doch auf eine Immobilie in der Main Street“, so Carole.

Auf den musikalischen Geschmack gekommen ist Carole bereits mit 14 Jahren, als sie - noch in Luxemburg - die texanische Band Pantera für sich entdeckte.
Auf den musikalischen Geschmack gekommen ist Carole bereits mit 14 Jahren, als sie - noch in Luxemburg - die texanische Band Pantera für sich entdeckte.
Foto: Luc Belleville

Sie erinnert sich noch gut an den Tag der Eröffnung, am Vorabend von Halloween. „Wir hatten noch nicht mal Preise“, gibt sie amüsiert zu. „Und wir waren viel zu billig. Das sind wir wahrscheinlich noch immer, aber nicht mehr so extrem wie am ersten Tag.“

Vicky und Carole geht es offensichtlich nicht darum, das große Geld in den Staaten zu machen, sondern ihr Leben zu leben. Das Leben, das zu ihnen passt. Mit der Musik, die sie mögen, und den Menschen, die ähnlich offenherzig und geradlinig sind wie sie selbst. Dass gerade die düster gekleideten, langhaarigen Typen, die im „Der Daiwel“ ihr zweites Zuhause gefunden haben, eher zu den Harmlosen zählen, stellte bald auch die Polizei fest, die die Bar an den ersten Wochenenden noch sehr genau im Visier hatte. Denn die Schlägereien fanden immer woanders statt.

Vor der Tür zum "Saloon": Carole (Mitte) und Vicky (rechts) mit ihrem Mischlingshund Trinket.
Vor der Tür zum "Saloon": Carole (Mitte) und Vicky (rechts) mit ihrem Mischlingshund Trinket.
Foto: Luc Belleville

Nur das Schild, das Carole und Vicky mit einem typischen Metal-Schriftzug anfertigen ließen, mussten sie wieder abnehmen. Die Schrift sehe so aus, als liefe Blut herunter, wurde von den Behörden befunden. Und das sei dann doch nicht vertretbar. Ansonsten hat man sich an die beiden Frauen aus Luxemburg und den seltsamen Namen ihrer Bar, den viele als „Dear Devil“ oder „Dry Wall“ aussprechen, inzwischen gewöhnt.

Zu den liebsten Gästen der zwei zählen indessen die Einheimischen, die nach der Arbeit auf einen Feierabend-Drink vorbeikommen oder von ihren Frauen in der Bar „geparkt“ werden, während diese auf Shopping- Tour gehen. Aber auch so manches Kaffeekränzchen findet im „Der Daiwel“ statt, wo man stets darauf achtet, dass die Musik nur im Hintergrund läuft. „Ich will ja auch nicht den ganzen Tag schreien“, erklärt Carole, die ihre Liebe zur Metal-Musik mit 14 Jahren entdeckte, als es ihr die Band Pantera besonders angetan hatte.

Die Nacht zum Tag machen Carole und Vicky mit großer Disziplin. Zwei Tage pro Woche - natürlich nicht an den Wochenenden - darf aber jeder frei machen.
Die Nacht zum Tag machen Carole und Vicky mit großer Disziplin. Zwei Tage pro Woche - natürlich nicht an den Wochenenden - darf aber jeder frei machen.
Foto: Luc Belleville

Ihren Freundeskreis von damals pflegen die beiden Schwestern noch immer und besuchen die Familie im Großherzogtum jeweils einmal pro Jahr. „Schön wäre es natürlich, auch etwas typisch Luxemburgisches unter den Getränken anbieten zu können – wie etwa eine ,Hunnegdrëpp‘“, meint Carole, die wir während ihres Heimatbesuchs treffen. „Doch das verbieten die Gesetze in Texas. Wir dürfen nur Alkohol aus dem Großhandel beziehen.“ Aber den Luxemburger Nationalfeiertag, den wollen Carole und Vicky im nächsten Jahr mit ihren Gästen feiern.






Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Wenn den Schaustellern was auf der Seele brennt
Wenn Partick Muller über das Gelände der Schobermesse spaziert, erkennen ihn viele der Schausteller. Der 49-jährige ist Geistlicher und kümmert sich seit 2002 um die Sorgen und Nöte der Schausteller.
Patrick Muller (l.) macht jeden Tag einen Rundgang über die Schobermesse, grüßt die Schausteller und fragt, wie das Geschäft läuft.
Haustierbestattung nach Buddhas Art
Im Buddhismus ist es üblich, dass verstorbene Angehörige verbrannt werden. Jetzt haben einige Tempel in Bangkok ein neues Geschäftsfeld entdeckt: Hunde und andere Haustiere.
17.08.2018, Thailand, Bangkok: Ein Mann hält die Asche seines verbrannten Hundes in einem buddhistischen Tempel, dem Wat Klong Toei Nai. (zu dpa "Abschied vom Hund mit Buddha" vom 29.08.2018) Foto: Christoph Sator/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Eine Gastfamilie fürs Leben
Schon länger kann man Tschernobyl-Kinder unterstützen, indem man sie im Sommer bei sich aufnimmt. Dass die Verbindung über die jährlichen Aufenthalte hinaus bestehen bleiben kann, zeigt eine Monnericher Familie.
Unbeschwerte Zeiten am Strand: Olga und ihre Gastmutter Irene Reuter zusammen an der niederländischen Küste vor zwei Jahren.