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"Deep Nostalgia": Wie eine Stammbaum-Website Tote lächeln lässt
Panorama 8 7 Min. 04.03.2021

"Deep Nostalgia": Wie eine Stammbaum-Website Tote lächeln lässt

Radsportlegende Francois Faber als Fremdenlegionär kurz vor seinem Tod 1915. Die Künstliche Intelligenz lässt ihn für kurze Zeit lebendig werden.

"Deep Nostalgia": Wie eine Stammbaum-Website Tote lächeln lässt

Radsportlegende Francois Faber als Fremdenlegionär kurz vor seinem Tod 1915. Die Künstliche Intelligenz lässt ihn für kurze Zeit lebendig werden.
Foto: Jean Reitz
Panorama 8 7 Min. 04.03.2021

"Deep Nostalgia": Wie eine Stammbaum-Website Tote lächeln lässt

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Die Ahnenforschungs-Website myheritage.com animiert mit Deepfake-Technologie alte Familienfotos. Die Ergebnisse sind verblüffend.

Die Ahnenforschungs-Website myheritage.com, nach eigener Aussage „die weltweit führende Online-Plattform zur Erforschung der Familiengeschichte“, verzückt ihre Nutzer mit einem neuen Feature. Auf der Website kann man mittlerweile nicht mehr nur seinen eigenen Stammbaum anlegen und verwalten oder genealogische Informationen recherchieren und abgleichen - seit einigen Tagen kann man dort auch Fotos längst verstorbener Familienmitglieder (oder anderer Personen, von denen altes Bildmaterial existiert) „zum Leben erwecken“.  


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Das neue Tool heißt „Deep Nostalgia“, und der erste Teil des Namens verrät schon einiges: Myheritage verwendet die sogenannte „Deep Fake“-Technologie, um Porträtfotos zu animieren. Mit anderen Worten: Der Dienst will simulieren, wie die Person aussehen würde, wenn das Foto kein Standbild, sondern ein Video wäre. 

Deep Nostalgia baut dabei auf zwei Diensten auf, die es bereits seit einiger Zeit im Portfolio der Genealogie-Seite gibt: Eingeloggte Benutzer konnten dort schon länger alte Fotos wie mit einem Bildbearbeitungsprogramm verbessern und Schwarz-Weiß-Fotos kolorieren. Die Bewegtbild-Animation, die jetzt möglich ist, geht aber weit darüber hinaus: Die Person auf dem Porträt kann in einer kurzen Sequenz lächeln, den Kopf drehen und mit den Augen blinzeln - damit ist eine Technik, die noch vor ein paar Jahren großen Hollywood-Produktionen vorbehalten war, im Mainstream angekommen. Möglich gemacht hat das die Kooperation zwischen Myheritage und dem israelischen Unternehmen D-ID, das sich auf das sogenannte „Deep Learning“ spezialisiert hat - also der Technologie, mit der „Deep Fakes“ überhaupt erst möglich werden. 


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Und das Ergebnis ist, gelinde gesagt, beeindruckend. Zahlreiche Nutzer haben in den ersten Tagen bereits ihre Experimente mit den Fotos eigener Verwandter oder verstorbener Prominenter auf Twitter geteilt. 

Wir haben uns das Tool an einigen Beispielen etwas genauer angesehen. 

Anmeldung und Login 

Das Wichtigste zuerst: Myheritage ist in der Basisversion gratis, das gilt auch für die Funktion „Deep Nostalgia“. Einfach mit Mailadresse oder über Google bzw. Facebook anmelden und loslegen. Allerdings: Nur zahlende Kunden haben einen unlimitierten Zugriff auf die Animationsfunktion - Nutzer der kostenlosen Version können nur wenige Bilder hochladen, die in einem Album im Backend gespeichert werden. 

Screenshot myheritage.com

Nach etwa fünf Uploads und Animationen kommt eine unmissverständliche Aufforderung, einer 14-tägigen Testversion zuzustimmen, nach deren Ablauf eine monatliche Gebühr fällig wird - wohlgemerkt nicht nur für die Foto-Animation, sondern für das Komplettpaket mit Stammbaumsoftware und Zugriff auf genealogische Daten. 

Die Bildauswahl

Laut Myheritage funktioniert die Software sowohl bei Schwarz-Weiß- als auch bei Farbfotos gleichermaßen. Auch mehrere Personen auf einem Foto sind kein Problem - allerdings können sie nicht gleichzeitig animiert werden, sondern nur nacheinander. Das System fertig Ausschnitte an. Wichtig ist, dass das Gesicht klar erkennbar ist. 

Myheritage weiß übrigens offensichtlich um das Konfliktpotenzial, das in der Technologie „Deep Learning“ und ihrer Variante „Deep Fake“ steckt. Auf der Website des Unternehmens heißt es: „Diese Funktion ist für den nostalgischen Gebrauch gedacht, das heißt, um geliebte Vorfahren wieder zum Leben zu erwecken. Unsere Treibervideos enthalten keine Sprache, um Missbrauch zu verhindern, wie z.B. die Erstellung von „Deep Fake“-Videos lebender Menschen. Bitte verwenden Sie diese Funktion für Ihre eigenen historischen Fotos und nicht für Fotos mit lebenden Personen ohne deren Erlaubnis.“


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Dabei verlässt sich Myheritage offensichtlich auf das Verantwortungsgefühl der Nutzer: Videos von Fotos von Xavier Bettel oder Angela Merkel sind problemlos möglich, sie werden also nicht durch eine Gesichtserkennung herausgefiltert. Allerdings sind die Videos durch die Kürze der Sequenz und den fehlenden Ton auch kaum interessant für böswillige Fälscher. 

Das Endergebnis

Nach dem Upload eines geeigneten Bildes wird nach etwa einer halben Minute Bearbeitungszeit ein MP4-Video von etwa 15 Sekunden Länge zum Download angeboten, das in den meisten getesteten Fällen tatsächlich verblüffend echt aussieht. Auf die Art der verwendeten Gesten und Bewegungen hat der Nutzer keinen Einfluss, das entscheidet die Künstliche Intelligenz je nach Art des Fotos. Und: Es klappt nicht immer - wichtig ist die Bildqualität der hochgeladenen Fotos.

Unsere Test-Bilder:

Wir haben das Tool Deep Nostalgia mit einigen Fotos aus unseren Archiven und auch aus dem Netz getestet.

Kein Treffer: Séraphine Beving

Séraphine Pescatore-Beving
Séraphine Pescatore-Beving
Foto: LW-Archiv / Warte

Mit diesem willkürlich aus unserem Archiv gezogenen Foto von Séraphine Beving, der Initiatorin der ersten Luxemburger Augenheilanstalt, hat gleich der erste Test nicht funktioniert - das System konnte kein Gesicht erkennen, weil die fotografierte Person im Profil abgebildet ist. Zudem ist das alte Bild wohl einfach zu klein.

Edward Steichen, „Self portrait with Camera“, 1917

Edward Steichen, Self-Portrait with Camera, 1917.
Edward Steichen, Self-Portrait with Camera, 1917.
Foto: The Estate of Edward Steichen / Artists Rights Society (ARS), New York

Ein verblüffendes Ergebnis erzielt dagegen eines der bekanntesten Bilder des Luxemburger Fotografen Edward Steichen: Auf der Animation seines „Selbstporträt mit Kamera“ von 1917 erwacht der Künstler tatsächlich für einige Sekunden zum Leben. 

Steichen war an diesem Punkt in seiner Karriere, kurz bevor er in den Ersten Weltkrieg zog, ein Verfechter der neuen Ikonographie, die die Fotografie zu bieten hatte. Es lässt sich nur mutmaßen, was er zu dieser neuartigen Technologie zu sagen hätte - beeindruckt dürfte er zumindest gewesen sein.  

Die großherzogliche Briefmarke

Das großherzogliche Paar auf einer Briefmarke.
Das großherzogliche Paar auf einer Briefmarke.
Foto: LW-Archiv

Sogar mit Bildern, die ursprünglich keine Fotos sind, funktioniert der Test überraschend gut - ausprobiert am Beispiel einer Briefmarke mit Grande-Duchesse Joséphine-Charlotte und Grand-Duc Jean. 

Hier zeigt sich die Einschränkung in der ersten Version: Zwei Animationen gleichzeitig sind nicht möglich, das Paar könnte sich also nicht ansehen. Und: Das System wählt einen engen Bildausschnitt um das animierte Gesicht herum - man sieht immer nur einen Kopf.

François Faber - in Zivil und in Uniform

François Faber in Zivil...
François Faber in Zivil...
Foto: LW-Archiv

Am Video von Radsport-Legende François Faber wird deutlich: Je schlechter die Qualität des Originalbildes, je niedriger die Auflösung, desto problematischer die Umwandlung - um Fabers Augen herum sind deutliche Bildstörungen erkennbar. 

Wir lassen ein zweites Foto Fabers durch die Myheritage-Software laufen. Das Bild, das ihn 1915 als Fremdenlegionär zeigt, hat eine deutlich bessere Qualität als das Porträt in Zivil. 

... und als Fremdenlegionär.
... und als Fremdenlegionär.
Foto: Jean Reitz

Entsprechend gut gelingt die Animation, auch wenn die Mimik des „virtuellen“ Radsportlers etwas  unentschlossen wirkt - offenbar hat das System noch nicht allzuviele Gesichtsausdrücke zur Auswahl, um die 15 Sekunden zu füllen. 

Xavier Bettel / Angela Merkel

Xavier Bettel
Xavier Bettel
Foto: AFP

Zurück in die Gegenwart, denn die Technik soll ja auch mit Farbfotos funktionieren. Ein Bild von Luxemburgs Premier Xavier Bettel in einer Interview-Situation zeigt, was Myheritage mit „nostalgischer Gebrauch“ meint: Je besser man die abgebildete Person kennt, je öfter man sie „in Bewegung“ gesehen hat, desto weniger verblüffend ist das Bild. 

Und so lässt sich die eigene Wahrnehmung denn auch nicht so einfach täuschen: Bettels Augen stimmen nicht, auch bei Angela Merkel funktioniert die Illusion nicht wirklich - obwohl die Animation ihres Bildes sehr präzise funktioniert hat. Man fühlt sich als Betrachter ein wenig unwohl mit diesen virtuellen Politikern. Die Bewegungen wirken unrund.

Das System stößt offensichtlich bei Farbbildern schneller an seine Grenzen als bei kontrastreichen Schwarzweißfotos.

Sitting Bull, 1883

Sitting Bull, 1883.
Sitting Bull, 1883.
Foto: David F. Barry, gemeinfrei

Der legendäre Häuptling der Hunkpapa-Lakota-Sioux dient dafür als Beispiel: Sitting Bull starrt auf dem bekannten Albuminfoto von 1883 streng in die Kamera von Fotograf David F. Barry. Ebenso streng sind die Kontraste, man erkennt jede Hautfalte, die Haare des Häuptlings setzen sich scharf von der Wand im Hintergrund ab - beste Voraussetzungen für die künstliche Intelligenz.

Lediglich der Lichtreflex unter dem linken Auge des Häuptlings stört, weil er sich nicht natürlich mitbewegt. Das System deutet ihn wohl, ganz ähnlich wie bei Steichen, als Muttermal oder Pigmentstörung und fixiert ihn im Gesicht. 

Die „Animationswelle“ in den Sozialen Medien

Für die einen mag es ein harmloser Spaß sein, andere nutzen die Software wahrscheinlich tatsächlich zu familienhistorischen Zwecken, wieder andere mögen vor den Möglichkeiten warnen, die sich hinter der verblüffenden Technik verbergen.  Wie auch immer man zum Thema „Deep Fake“ stehen mag, Myheritage hat es auf die Tagesordnung gehoben: Seit das Feature freigeschaltet ist, rollt eine Welle von animierten Porträts durchs Netz - von bekannten Persönlichkeiten bis hin zu „unbekannten Verwandten“.

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