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Das zweite Wohnzimmer soll bleiben
Panorama 2 Min. 13.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Das zweite Wohnzimmer soll bleiben

Seit 150 Jahren gehören die Bistros zu Paris.

Das zweite Wohnzimmer soll bleiben

Seit 150 Jahren gehören die Bistros zu Paris.
Foto: AFP
Panorama 2 Min. 13.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Das zweite Wohnzimmer soll bleiben

Eine Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe soll die traditionellen Pariser Bistros retten.

von Christine Longin

"Holz, Zink, guter Wein und alles ganz einfach." Mit einem einzigen Satz beschreibt der Schauspieler Jacques Weber das Geheimnis der Pariser Bistros. Der weißhaarige Charakterdarsteller liebt die typischen Gaststätten der Hauptstadt so sehr, dass er sogar Victor Hugo dort aufführt.

Seine Werbung für die schlichten Restaurants kommt zum richtigen Zeitpunkt, denn die Bistros drohen zu verschwinden. In Paris ging ihre Zahl von 2 400 im Jahr 1998 auf heute 1 200 zurück. Ein eigens gegründeter Verein will nun gegensteuern und fordert die Aufnahme der Bistros ins Unesco-Weltkulturerbe. Und das nicht nur wegen des Ambientes. An den legendären Holztheken mit ihrem Zinkbeschlag sitzen Arbeiter ebenso wie Unternehmenschefs. Ein Schmelztiegel, wie er sonst kaum noch zu finden ist. "Im Gegensatz zu den Lounges sind die Bistros ein Ort für alle sozialen Schichten und für Kultur", sagt Weber, der die Initiative unterstützt, der Zeitung "Les Echos".

Vor ihm setzten bereits Künstler wie Pablo Picasso, Ernest Hemingway und Henri de Toulouse-Lautrec dem Pariser Bistro ein Denkmal. Doch dort, wo einst Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir stundenlang debattierten, greift der Trend zu Fastfood um sich. Statt dem "petit noir" am Tresen trinken die Franzosen ihren Frappé bei Starbucks. Die astronomischen Pariser Mietpreise erledigen den Rest. Für viele ältere Pariser sind die Bistros, die von früh morgens bis spät abends geöffnet haben, jedoch eine Art zweites Wohnzimmer. "Sie haben mich ein Leben lang begleitet. Wenn sie verschwinden würden, wäre ich verwaist", sagt der Schauspieler Pierre Arditi, der Zeitung "Le Parisien". Wie auf der Kommandobrücke eines Schiffes fühlt er sich auf der Terrasse seines Lieblingsbistros. "Ich gehe herum, ich träume, ich denke nach. Die Atmosphäre inspiriert mich."

Symbol des Widerstands

Seit dem 13. November 2015, dem Tag, an dem Paris durch mehrere Anschläge erschüttert wurde, sind die kleinen Restaurants zum Symbol des Widerstands geworden. "Je suis en terrasse", lautete der Slogan nach den Angriffen auf Bars und den Konzertsaal Bataclan, bei denen 130 Menschen getötet wurden. Auf den Terrassen mit ihren geflochtenen Stühlen ging das Leben weiter. Die Pariser tranken ihr Glas Wein, um den Islamisten zu zeigen, dass sie ihre Lebensart nicht aufgeben.

Kein Wunder also, dass die Pariser Stadtverwaltung eine Unesco-Nominierung der Bistros begrüßen würde. Doch der Stadtrat hat bereits die Unterstützung einer anderen Kulturerbe-Initiative beschlossen: die der Bouquinisten am Seine-Ufer. Denn auch wenn beide ihren Charme haben: Bouquinisten und Bistros werden es wohl nicht zusammen zum Weltkulturerbe schaffen.


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