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Das Erbe von Karlheinz Böhm
Panorama 4 Min. 06.02.2019

Das Erbe von Karlheinz Böhm

Karlheinz Böhm – hier im Jahr 2006 – setzte sich seit den 1980er-Jahren persönlich für die Menschen in Äthiopien ein.

Das Erbe von Karlheinz Böhm

Karlheinz Böhm – hier im Jahr 2006 – setzte sich seit den 1980er-Jahren persönlich für die Menschen in Äthiopien ein.
Foto: Rainer Kwiotek
Panorama 4 Min. 06.02.2019

Das Erbe von Karlheinz Böhm

Mit „Wetten, dass ...?“ begann Karlheinz Böhms Weg vom gefeierten Schauspieler zum verehrten Wohltäter. In Äthiopien sind die Menschen ihm bis heute dankbar für sein Engagement.

von Christoph Forsthoff

Der Name auf dem Schild hoch über der Kreuzung ist unübersehbar: Karlsplatz steht dort geschrieben. Rund um das Rondell rauscht der Verkehr, eine bronzene Statue mit ausgebreiteten Armen reckt sich gen Himmel. Ein Denkmal für einen Kaiser – zumindest für einen Film-Monarchen, spielte doch Karlheinz Böhm in den legendären „Sissi“-Filmen den feschen Franz Joseph. Doch nicht dem 2014 verstorbenen Schauspieler ist die Skulptur im Diplomatenviertel Sarbet der 4,4-Millionen-Metropole Addis Abeba gewidmet, sondern dem Gründer der Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“ (MfM).

Die Menschen in Äthiopien widmeten ihrem 2014 verstorbenen Helden unter anderem ein Monument.
Die Menschen in Äthiopien widmeten ihrem 2014 verstorbenen Helden unter anderem ein Monument.
Foto: Christoph Forsthoff

Erschüttert von der Hungersnot in der Sahelzone hatte Böhm im Mai 1981 in der TV-Show „Wetten, dass …?“ gewettet, dass nicht jeder dritte Zuschauer eine Mark für die Hungernden spenden würde. Er gewann die Wette – und hatte dennoch plötzlich 1,2 Millionen Mark auf einem Spendenkonto. Wenige Monate später brach der damals 53-Jährige nach Äthiopien auf, aus dem gefeierten Leinwandstar wurde ein Helfer. „Allerdings kam er nicht mit der Idee von Lebensmitteltransporten, sondern mit dem Gedanken, dass die Menschen sich selbst helfen“, erinnert sich Berhanu Negussie an ihre erste Begegnung im Dezember 1981. In einem Krankenhaus nahm Böhm eine Patientin in den Arm. Als er hörte, dass sie an Lepra erkrankt war, habe er nur geantwortet: „Und, wie können wir ihr jetzt helfen?“

Nichts geht über „Vater Karl“

„Karl hat immer gefragt, was die Probleme sind und was für deren Lösung an Unterstützung gebraucht wird“, erzählt Negussie, der heute Landesrepräsentant der MfM-Stiftung ist. „Das ist bis heute das Geheimnis des Erfolgs: Er hat uns beigebracht, die Probleme zu erkennen und zu schauen, was wir machen können.“ Klingt fast ein Stück weit nach Legendenbildung um „Abo Karl“ (Vater Karl), wie viele Äthiopier Böhm bis heute respektvoll nennen. Und passt damit zu jener Heiligenverehrung, die dem Stifter in den Projektgebieten in Gestalt von Karlstraßen und -restaurants oder Kindern mit seinem Vornamen entgegengebracht wird. Natürlich ist die Realität gerade auf dem Land vielerorts weitaus grauer, fehlt es in vielen Regionen des riesigen Staates nach wie vor an sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen, medizinischer Grundversorgung und Bildungseinrichtungen.

Und dennoch: Dorf für Dorf hat Böhms Gedanke in den vergangenen 37 Jahren Fuß gefasst, in immer neuen Regionen gewinnen die MfM-Helfer die Menschen für ihren Ansatz wie an der 2017 errichteten Wasserstelle Ayero in der Nähe des 10 000-Einwohner-Ortes Seyo. Dort hatten die Menschen zuvor ihr Wasser aus einer offenen Quelle am Ortsrand geschöpft – während nebenan das Vieh trank, Wäsche gewaschen oder die Notdurft verrichtet wurde. Eine Konstellation, die bis heute vielerorts zu Magen-Darm-Erkrankungen führt und vor allem Frauen und Mädchen stark belastet: Sind sie es doch, die täglich morgens und abends die gelben 25-Liter-Kanister auf ihren Schultern oder dem Eselsrücken nach Hause schleppen müssen, nicht selten über mehrere Kilometer.

Selbstbestimmtes Leben

In Seyo hat diese Last nun ob der neuen Wasserstelle ein Ende, ein Wasserkomitee aus fünf Dorfbewohnern überwacht die Quellfassung und kassiert das Wassergeld von einem Birr (drei Cent) für 100 Liter. Zugang zu sauberem Trinkwasser: eine jener fünf Säulen, auf die das Hilfswerk neben nachhaltiger Landwirtschaft und Ernährung, Bildung, Gesundheit und gesellschaftlicher Entwicklung in seinem Konzept setzt. „Uns geht es in den entlegenen Regionen um eine integrierte Entwicklung“, betont MfM-Vorstand Peter Renner, „denn wir haben einen klaren Stiftungszweck: Menschen in den bedürftigen Regionen Äthiopiens zu helfen, ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu führen.“

Böhms Wirken bleibt bis heute in Form von Projekten wie diesem Brunnen sichtbar.
Böhms Wirken bleibt bis heute in Form von Projekten wie diesem Brunnen sichtbar.
Foto: Chris Jeffrey

Ein hehres Ziel, ganz im Geiste des Stiftungsgründers – und doch fehlt es für dessen Realisierung, über sauberes Wasser und 435 neu geschaffenen Schulen in den Dörfern und Kleinstädten hinaus, vor allem an Jobs. 20 Millionen Arbeitsplätze bräuchte das ostafrikanische Land in den kommenden Jahren, um vor allem den „Qeeroos“ eine Perspektive zu geben: jenen jungen Männern ohne Arbeit, die am Straßenrand lungern, Kaffee trinken und die grünen Blätter der Droge Khat kauen. „In meiner Verzweiflung habe ich sogar an Emigration gedacht, aber mir fehlte das nötige Geld“, erzählt Jamal Awol von seinen Jahren ohne Job. „In der Hoffnung etwas zu verdienen, bin ich dann nach Addis Abeba gegangen, doch gesundheitliche Probleme zwangen mich zur Rückkehr in mein Dorf.“ Nach acht Jahren der Hoffnungslosigkeit fand er dann doch einen Job: als Vorarbeiter einer zehnköpfigen Kooperative, die eine kleine Ölmühle betreibt – ein von MfM initiiertes Projekt.

In einem Wellblechbau wird am Rande Seyos aus den Samen des Ramtillkrauts, der Nigersaat, Öl gepresst. Reich wird dadurch niemand, doch „viel wichtiger als das Geld ist die Perspektive“, sagt Awol. Eine Perspektive, die auch die Männer und Frauen in verschiedenen anderen Kooperativen antreibt, die sich um die Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse wie der Nigersaat kümmern, sei es bei deren Trennung von Spreu und anderen Samen oder dem Verkauf des abgefüllten Öls in einem kleinen Laden in Seyo. „An Markttagen verkaufe ich mehr als 100 Liter Öl“, erzählt Fatuma Dabasa stolz. Elektrotechnik hat sie studiert und vergeblich auf einen Job gehofft. Nun ist die 22-Jährige froh, dass ihr Leben eine neue Wendung genommen hat.

Projekte wie diese laufen stets über mehrere Jahre, in Verträgen mit Verwaltung und Regierung hat sich die Stiftung in den verschiedenen Regionen zu finanziellen Unterstützungen von mehr als zehn Millionen Euro im Jahr verpflichtet. „Mag die Menschen heute auch keiner mehr so direkt umarmen wie einst Karl, so begegnen sie uns und unseren Ideen doch in eben diesem Geist mit offenen Armen“, freut sich Negussie über Böhms Wirken auch über seinen Tod hinaus. Und so sind es denn mehr als nur schöne Worte, wenn dessen langjähriger Fahrer Mekonnen Kassa feststellt: „Der glücklichste Tag in meinem Leben war, als Karl die äthiopische Ehrenstaatsbürgerschaft bekam.“



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