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Darm krank, Psyche krank
Panorama 4 Min. 20.12.2018 Aus unserem online-Archiv

Darm krank, Psyche krank

Die neue Studie erforscht, wie chronische Darmentzündungen das seelische Wohl belasten.

Darm krank, Psyche krank

Die neue Studie erforscht, wie chronische Darmentzündungen das seelische Wohl belasten.
Foto: Shutterstock
Panorama 4 Min. 20.12.2018 Aus unserem online-Archiv

Darm krank, Psyche krank

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen betreffen viele Menschen, dazu gesellen sich häufig psychische Probleme. Die Ursachen werden nun im „Prementi“-Projekt der Universität Luxemburg untersucht.

von Birgit Pfaus-Ravida

Starke Bauchschmerzen, Durchfall, der oft blutig ist, Abgeschlagenheit, Gewichtsabnahme, weil die Nährstoffe vom Darm nicht mehr gut aufgenommen werden können – das alles können Anzeichen für eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED) sein, wie etwa Morbus Crohn (MC) oder Colitis Ulcerosa (UC). Diese sind schwerwiegende immunologische Krankheiten, bei denen es zu einer chronischen Entzündung des Dickdarms oder auch anderer Abschnitte des Magen-Darm-Trakts kommt. In westlichen Industrieländern erkranken zwischen 0,3 und 0,5 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer CED, wobei die Neuerkrankungsrate seit Jahren stark ansteigt. Die Krankheiten können in allen Lebensphasen auftreten, jedoch gibt es zwei Häufigkeitshöhepunkte: einen im jungen Erwachsenenalter (etwa 15 bis 40 Jahre) und einen im späten Erwachsenenalter ab etwa 60 Jahren.

Ein wichtiger Mechanismus, welcher der Entstehung von CED zugrunde liegt, ist eine sogenannte Dysregulation der Immunabwehr der Darmschleimhaut. Wenn diese aus dem Gleichgewicht gerät, können Mikroorganismen sie durchdringen. Ist das geschehen, bekämpft die körpereigene Immunabwehr diese Mikroorganismen, wobei die Darmschleimhaut durch entzündliche Prozesse ebenfalls geschädigt wird. „Die Ursachen dieser immunologischen Störung sind weitestgehend unbekannt, allerdings konnten einige Risikofaktoren wie häufige Antibiotikaeinnahme, übertriebene Hygiene sowie lang anhaltender Stress identifiziert werden“, sagt der Mediziner Jochen Schneider von der Universität Luxemburg.


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Wie bei vielen immunologischen Krankheiten seien offenbar mehrere Signalsysteme innerhalb des Körpers bei CED betroffen. Genau diese Signalsysteme könnten umgekehrt bei der Aufklärung der Mechanismen hinter der Krankheitsentstehung helfen, meint der Mediziner: „Erstens das sympathische Nervensystem, das bei Aktivierung und Stress eine Rolle spielt, zweitens die Ausschüttung bestimmter Stresshormone wie Cortisol, drittens die Zusammensetzung der Mikroben im Darm, welche ja allesamt bei CED verändert sind.“

Ganz individuelle Reaktionen

Alle drei Faktoren könnten das Immunsystem erheblich beeinflussen. Diese Mechanismen werden an der Uni Luxemburg im Rahmen einer neuen Studie untersucht. Denn ein bisher weniger beachteter Aspekt der CED ist die psychische Gesundheit der Patienten. „Es verändert das Leben der Patienten, wenn sie die Diagnose einer chronischen Krankheit mit schweren Symptomen erhalten. Diese Symptome, die ihre Lebensqualität erheblich einschränken, und die oftmals lebenslange Behandlung mit immunsuppressiven Medikamenten und dazu eventuelle Operationen, um entzündete Organe oder Abschnitte davon zu entnehmen, führen dazu, dass CED-Patienten öfter Angststörungen oder Depressionen entwickeln als Personen ohne chronische Krankheiten“, erklärt André Schulz, Psychologe an der Universität Luxemburg und Leiter des Forschungsprojekts.

So würden etwa 65 Prozent der CED-Betroffenen im Laufe ihres Lebens an einer Depression oder Angststörung erkranken – mindestens drei Mal häufiger als die Allgemeinbevölkerung. „Besonders betroffen sind Personen, die gerade einen Krankheitsschub haben“, sagt André Schulz. Diese seien zu 60 bis sogar 80 Prozent von Angst oder Depression betroffen, während von den CED-Patienten, bei denen die Symptome vorübergehend weniger schlimm seien, nur etwa 29 bis 35 Prozent an Angst oder Depressionen litten.

Doch warum sind manche Patienten empfindlicher? Für die Psychologen an der Uni Luxemburg ist klar: Die psychische Störung, die mit CED einhergeht, zu erkennen und zu behandeln, ist überaus wichtig. „Einerseits spielt die Schwere der psychischen Symptomatik eine größere Rolle für die subjektive Lebensqualität der Betroffenen als die körperlichen Symptome der CED. Andererseits sagt die Schwere der psychischen Symptomatik den medizinischen Behandlungserfolg der CED entscheidend vorher“, erklärt André Schulz. Dies könne zum einen daran liegen, dass Personen mit Depressionen beispielsweise weniger aktiv an der medizinischen Therapie mitwirken als Personen ohne Depressionen. Interessanterweise lasse sich dies zum anderen aber auch damit erklären, dass CEDs und psychische Störungen wie Depressionen mit einer Störung des sympathischen Nervensystems und des Immunsystems zusammenhängen.

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„Es ist also wahrscheinlich, dass CEDs und bestimmten psychischen Störungen gemeinsame Prozesse zugrunde liegen“, fasst André Schulz die bisherigen Erkenntnisse zusammen. Es sei jedoch bislang unklar, warum manche Personen mit einer CED eine psychische Störung entwickeln, andere jedoch nicht. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Predictors of mental health outcome in inflammatory bowel diseases“ – kurz „Prementi“ – an der Universität Luxemburg hat zum Ziel, den Grund psychischer Störungen bei CED herauszufinden. „Die Kernhypothese des Projekts ist, dass Störungen im sympathischen Nervensystem, dem Mikrobiom oder dem Immunsystem selbst nicht ausreichen, um die Entstehung einer Depression zu erklären, sondern dass die Ursache in einer Störung der Kommunikation zwischen diesen Körpersystemen und dem Gehirn liegt“, erklärt der Psychologe Claus Vögele.

Daher wird bei „Prementi“ einerseits die Aktivität dieser Körpersysteme untersucht, aber andererseits auch, inwiefern diese Informationen überhaupt ins Gehirn gelangen können, wo sie möglicherweise den Hirnstoffwechsel und die Ausschüttung bestimmter Botenstoffe beeinflussen und damit eine Depression begünstigen. Da sich manche der körperlichen und psychischen Symptome bei CEDs mit denen des nicht-entzündlichen Reizdarmsyndroms überschneiden, müssen beide Krankheitsbilder voneinander abgegrenzt werden.

Die Forscher versprechen sich von den Ergebnissen die Identifikation bestimmter Biomarker, die es erlauben, das Risiko für psychische Störungen bei CED frühzeitig abzuschätzen, um rechtzeitig präventive Maßnahmen zu ergreifen oder neue Therapieformen zu entwickeln.

Für die neue Studie suchen die Forscher Personen mit CED – alle Krankheitsbilder mit und ohne psychische Begleitsymptome – sowie Personen mit Reizdarmsyndrom ohne CED, sowie gesunde Kontrollprobanden. Die Untersuchung besteht aus ein bis zwei Terminen an der Universität Luxemburg, die vier bis sechs Stunden dauern. Teilnehmer erhalten eine Aufwandsentschädigung von 80 Euro. Interessierte können sich per E-Mail unter ced@uni.lu melden.


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