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Corona und Rauchen: Viele ungeklärte Fragen
Panorama 4 Min. 25.06.2020

Corona und Rauchen: Viele ungeklärte Fragen

Zu den Auswirkungen von Tabakkonsum auf Corona-Erkrankungen gab es in den vergangenen Wochen einige Aussagen – viele davon sind mit Vorsicht zu genießen.

Corona und Rauchen: Viele ungeklärte Fragen

Zu den Auswirkungen von Tabakkonsum auf Corona-Erkrankungen gab es in den vergangenen Wochen einige Aussagen – viele davon sind mit Vorsicht zu genießen.
Foto: dpa
Panorama 4 Min. 25.06.2020

Corona und Rauchen: Viele ungeklärte Fragen

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Ein wissenschaftliches Papier soll Antworten auf Fragen zum Thema "Rauchen und Corona" geben - verdeutlicht aber auch, dass vieles noch unklar ist.

Eine Antwort auf Fake News sein – das ist Ziel eines Dokuments, in dem es um "Tabak und Covid-19" geht und das auch von Luxemburger Experten unterschrieben wurde. "Die Idee dazu kam, nachdem in der Presse zu lesen war, dass Tabak vor Corona schütze. Das ist eine völlig falsche Vorstellung", erklärt Catherine Charpentier, Pneumologin am Centre hospitalier de Luxembourg (CHL). 

Catherine Charpentier-Chaix
Catherine Charpentier-Chaix
Foto: CHL

Ausgearbeitet wurde das Papier von einer Arbeitsgruppe der "Société Francophone de Tabacologie" zusammen mit dem "Centre universitaire de médecine générale et de santé publique Unisanté" Lausanne, dem belgischen "Fonds des Affections Respiratoires", der "Société Luxembourgeoise de Pneumologie" sowie der "Société de Pneumologie de Langue Française". 

Anfälliger für die Auswirkungen 

"Das, was einige Wissenschaftler gesagt haben ist, dass der Rezeptor, also der Eingang, durch den das Virus in die menschliche Zelle eindringt, um sich zu vermehren, derselbe ist, der das Nikotin aus dem Tabak aufnimmt. Die Forscher haben sich daher gefragt, ob, wenn der Rezeptor bereits durch das Nikotin blockiert ist, das Corona-Virus nicht mehr so einfach eindringen kann." Dies sei jedoch etwas völlig anderes als zu behaupten, Tabak schütze vor Corona, denn das tue er nicht, erklärt die Ärztin. "Tabak enthält viele giftige Inhaltsstoffe. Raucher sind anfälliger für die Auswirkungen des Corona-Virus auf die Lunge als jemand, der nicht raucht."

Ob Nikotin den Eingang zu den Zellen tatsächlich blockiert, sei nicht eindeutig nachgewiesen. Ähnliche Überlegungen habe man etwa auch im Bereich von Allergien angestellt. "Man hat den ACE2-Rezeptor erforscht, durch ihn können Viren ebenfalls in Zellen eindringen. Und er spielt bei Allergien eine Rolle, denn er fixiert die Allergieträger wie Pollen oder Tierhaare. Möglicherweise haben Allergiker daher einen größeren Schutz vor Corona." Das Problem sei, dass die Studien bisher im Laborkontext durchgeführt worden seien – wie es in der Realität beim Menschen aussehe, lasse sich dadurch noch nicht zweifelsfrei belegen. "Aber man kann sicher nicht empfehlen, dass nun jeder Nikotin konsumieren sollte", so die Ärztin. 

Das Papier fasst gut zusammen, was man weiß und was nicht.

Catherine Charpentier, Pneumologin

Dass es auf viele Fragen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus noch keine genauen Antworten gibt, wird auch aus dem Dokument ersichtlich. In Frage-Antwort-Form geht es auf Themen wie mögliche Komplikationen bei einer Infektion von Rauchern oder die Auswirkungen des Konsums elektronischer Zigaretten ein. Viele der Fragen werden allerdings nicht eindeutig beantwortet. Doch speziell der Fakt, dass die Unsicherheiten auch als solche benannt werden, ist für Pneumologin Catherine Charpentier eine Stärke des Papiers. "Es fasst gut zusammen, was man weiß und was nicht. Es ist das Gegenteil von Fake News. Es ist natürlich nicht sehr sexy, ein Raucher wird es möglicherweise nicht bis zum Ende lesen. Aber es ist ehrlich."

Auch wenn die genauen Auswirkungen von Tabak auf die Corona-Erkrankung nicht geklärt sind, empfiehlt die Medizinerin trotzdem, mit dem Rauchen aufzuhören. "Wer das Rauchen aufgibt, profitiert davon direkt. Natürlich erholen sich irritierte Bronchien nach jahrelangem Tabakkonsum nicht innerhalb von zwei oder drei Tagen – trotzdem ist der Benefit riesig." Das liege vor allem daran, dass Rauchen nicht nur Lunge, sondern auch Herz beeinträchtige – die beiden Bereiche, die durch Corona besonders angegriffen werden. "Diabetiker oder Übergewichtige sind eher von komplizierten Verläufen betroffen als andere. Wer bereits eine Krankheit hat, wenn er Corona bekommt, kann unter größeren Problemen leiden. Das gilt eben auch für Krankheiten, die mit Tabakkonsum in Verbindung stehen. Allerdings kann man in der Medizin nie ,immer‘ sagen, sondern nur ,sehr wahrscheinlich‘."

Giftiger als Zigaretten 

Auch für Passivraucher gibt es einige Gefahren – so etwa wenn der Raucher mit Corona infiziert ist. Es sei bewiesen worden, dass man sich dadurch anstecken könne, so Catherine Charpentier, ebenso wie man sich bei einem infizierten Jogger anstecken könne, wenn dieser beim Atmen kleine Partikel in der Luft verteile und man in seiner Nähe laufe. 

Der Konsum anderer Produkte als der gängigen Zigarette könne ebenfalls Konsequenzen haben, so die Pneumologin. Shisha rauchen sei etwa schon wegen des Gemeinschaftsaspekts keine gute Idee. "Wenn, dann sollte man alleine mit seiner eigenen Shisha rauchen. Allerdings sind diese viel giftiger als Zigaretten. Sie geben viel mehr Nikotin ab und belasten damit die Bronchien stärker. Eine Shisha entspricht einem Päckchen Zigaretten."

Für elektronische Zigaretten oder Joints gebe es ebenfalls noch keine Studien, aber: "Joints sind eine Mischung aus Tabak und Cannabis. Und Cannabis irritiert die Bronchien enorm. Oft gibt es junge Patienten zwischen 30 und 40, die sehr viel Cannabis konsumieren und deren Lungen in einem weitaus schlechteren Zustand sind als die einer Person, die bis 60 geraucht hat."


Doctor Jerome Ponton (L) examines the heart rate of Michel Lorentz, a patient who just left the hospital after being infected with COVID-19, during a home consultation, in Winkel, eastern France, on April 21, 2020, on the 36th day of a strict lockdown in France to stop the spread of COVID-19 (novel coronavirus). (Photo by SEBASTIEN BOZON / AFP)
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Catherine Charpentier versteht nicht, weshalb es keinen stärkeren Widerstand gegen den Konsum von Tabak gibt. "Man lässt zu, dass die Menschen sich vergiften. Schätzungen zufolge sterben in Luxemburg jährlich 1.000 Menschen an Krankheiten, die in direktem Zusammenhang mit dem Konsum von Tabak stehen. Corona ist ein Drama, aber aktuell ist es noch etwas einmaliges. Ich will das nicht vergleichen, aber 1.000 Tote pro Jahr heißt, dass das jedes Jahr passiert. In Frankreich schätzt man die Zahl auf 65.000 bis 70.000 Tote jährlich. Und trotzdem rauchen die Menschen weiter." Es gelte, sich in der Gesellschaft weiterzuentwickeln und dabei bei den Jugendlichen anzufangen, "damit sie gar nicht erst abhängig werden."

Weitere Informationen und das gesamte Papier: www.societe-francophone-de-tabacologie.org.

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