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Corona-Studie: Zwischen Party und Verschwörung
Panorama 4 Min. 02.04.2020

Corona-Studie: Zwischen Party und Verschwörung

In der aktuellen Situation mit Freunden auf dem Campus etwa seinen Geburtstag zu feiern, ist für die Mehrheit der Befragten inakzeptabel.

Corona-Studie: Zwischen Party und Verschwörung

In der aktuellen Situation mit Freunden auf dem Campus etwa seinen Geburtstag zu feiern, ist für die Mehrheit der Befragten inakzeptabel.
Foto: Shutterstock
Panorama 4 Min. 02.04.2020

Corona-Studie: Zwischen Party und Verschwörung

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Eine Umfrage der Universität Trier unter Studierenden zeichnet ein gespaltenes Bild in der Wahrnehmung der derzeitigen Corona-Virus-Krise.

Was denken junge Menschen über „Social Distancing“ in Zeiten der Corona-Pandemie? Dieser Frage ist Marc Oliver Rieger, Professor für Bank- und Finanzwirtschaft an der Universität Trier, im Rahmen einer Studie mit 250 Studierenden nachgegangen. „In der aktuellen Situation ist es wichtig, dass wir verstehen, was gerade passiert, wie Leute über die aktuellen Maßnahmen denken. Dazu wollte ich einen fundierten und zeitnahen Beitrag liefern“, so Rieger über seine Beweggründe.

Seine Studienergebnisse haben vor allem zwei Dinge gezeigt: Zwar meiden Studierende sogenannte Corona-Partys und finden es inakzeptabel, sich in der aktuellen Situation etwa zum Fußballspielen zu treffen – allerdings scheinen einige von ihnen auch der Überzeugung zu sein, dass hinter alledem eine Verschwörungstheorie steckt und Medien Informationen zum Virus verheimlichen.

Szenarien bewerten

Für die Studie wurde vom 24. bis zum 25. März eine Online-Umfrage an 250 Probanden durchgeführt. „Diese Stichprobe ist zwar nicht repräsentativ, aber sie kommt einer repräsentativen Stichprobe so nah wie möglich, wenn man die notwendige Dringlichkeit dieser Untersuchung berücksichtigt“, heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse. 

Marc Oliver Rieger
Marc Oliver Rieger
Foto: Universität Trier

 Die Probanden mussten eine Reihe von Szenarien bewerten, darunter etwa „Ein Student feiert mit seinen Freunden eine Geburtstagsfeier auf dem Universitätscampus. Keiner der Freunde gehört einer Risikogruppe für Coronaviren an“, oder „Eine Studentin weigert sich, ihre Freunde wie üblich zu umarmen, wenn sie sich zum Joggen treffen, und besteht darauf, Abstand zu halten, obwohl sie ihr sagen, dass sie nicht krank sind.“ 

Die Studierenden sollten die Szenarien auf einer Skala von eins bis vier bewerten, was den Einschätzungen „völlig in Ordnung“, „nicht optimal, aber verständlich“, „eher schlecht“ und „nicht akzeptabel“ entsprach. Die Mehrheit der Befragten fand dabei das beschriebene Verhalten von Personen, die gegen die Maßnahmen verstoßen, „nicht akzeptabel“ und das Verhalten derer, die auf soziale Distanzierung bestehen, „völlig in Ordnung“.

Gute und schlechte Nachrichten

„Junge Leute sind sozial aktiv, treffen sich mit Freunden, gehen aus. Gleichzeitig sind sie von schlimmen Folgen einer Infektion seltener betroffen. Daher war die Frage: Wie uneigennützig sind junge Leute? Halten sie sich an die für sie besonders schwierigen Regeln?“, so der Inhaber der Professur für Bank- und Finanzwirtschaft.

Dass die allermeisten die Maßnahmen unterstützen, sei eine gute Nachricht. Allerdings werde die Einstellung von mehreren Faktoren beeinflusst: „Wenn man selbst ältere Leute kennt, unterstützt man die Maßnahmen mehr“, erklärt Rieger. Ein weiterer Einflussfaktor, den der Wissenschaftler ebenfalls in der Studie abgefragt hat: der Glaube an Verschwörungstheorien. Über 35 Prozent der Befragten stimmen zumindest teilweise der Aussage zu, dass Medien absichtlich Informationen über das Corona-Virus verheimlichen könnten. Rund 14 Prozent stimmen sogar teilweise der Aussage zu, dass der Hype um Corona letztlich nur von Pharmafirmen und anderen Gruppen, die davon profitieren, verursacht wurde.

Für Rieger bietet dieses Bild durchaus Grund zur Sorge: „Ich war schon überrascht, wie viele zumindest teilweise Thesen zustimmen, die von ,den Medien’ raunen, die etwas vor uns ,verheimlichen’. Man möchte ja zunächst mal meinen, dass gut gebildete Studierende da weniger davon betroffen sein sollten. Es wäre jetzt spannend zu wissen, wie es bei anderen Bevölkerungsgruppen aussieht.“ 

Seiner Einschätzung nach sind Verschwörungstheorien aus einem bestimmten Grund so verführerisch: „Wenn man ihnen glaubt, dann kann man sich schlauer fühlen als andere, und das, ohne selbst viel Denkarbeit leisten zu müssen. Im richtigen Leben passieren immer wieder Zufälle, auch unwahrscheinliche. Oder etwas ist einfach unbekannt. Das zuzugeben ist schwierig, viel eher möchte man jemanden dingfest machen, der hinter dem Ganzen steckt.“

Auch das allgemeine Wissen über das Virus, etwa über Verbreitungswege und Symptome, wurde in der Studie abgefragt, ebenso wie Schätzungen bezüglich zukünftiger Todesfälle und der Dauer der Restriktionen. Rund 16 Prozent wussten etwa nicht, dass das Virus durch Husten und Niesen, aber auch durch Sprechen oder Atmen übertragen werden kann. Die Studie kommt daher unter anderem zu dem Schluss, dass „die Wissenslücken über SARS-CoV2 und über die erwarteten Auswirkungen des exponentiellen Wachstums auf den weiteren Verlauf der Epidemie“ problematisch seien und der Aufmerksamkeit bedürfen.

Aus den beiden Aspekten „Glaube an Verschwörungstheorien“ und „höhere Akzeptanz der Maßnahmen, wenn man selbst ältere Leute kennt“ leiten sich für Rieger folgende Erkenntnisse ab: Zum einen müsse man Verschwörungstheorien aktiv bekämpfen, zum anderen könne es helfen, emotionale Verbindungen mit dem Schicksal Älterer herzustellen, da dies offenbar die Solidarität mit den Maßnahmen verstärke.


Apple blossoms are covered with ice in an apple plantation after they were artificially spread with water the village of Boennigheim, southern Germany, on March 26, 2020. - The trees are spread with water during the night at temperatures below the freezing point in order create a shell of ice around the blossoms that protects them against exterior frost damages. (Photo by THOMAS KIENZLE / AFP)
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Vergleich mit China

Rieger, der auch Direktor des Konfuzius-Instituts der Universität Trier ist, schließt nicht aus, seine Studie, die in sehr kurzer Zeit konzipiert und durchgeführt wurde, zukünftig weiter auszubauen. 

„Ich verfolge die Entwicklungen intensiv. Je nachdem werde ich Nachfolgeuntersuchungen machen. Eine seriöse Befragung außerhalb der Universität ist sehr aufwendig und momentan schwierig zu realisieren. Befragungen an anderen Universitäten in Deutschland würden vermutlich sehr ähnliche Resultate zeigen. Das war jedenfalls so bei anderen Studien, die wir schon durchgeführt haben. Wir werden aber voraussichtlich einzelne Fragen auch an chinesischen Universitäten stellen, um dort Vergleiche anzustellen.“ 

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