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Corona-App: Werkzeug für das Krisenmanagement
Panorama 4 Min. 16.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona-App: Werkzeug für das Krisenmanagement

Corona-App: Werkzeug für das Krisenmanagement

Foto: Shutterstock
Panorama 4 Min. 16.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona-App: Werkzeug für das Krisenmanagement

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Wissenschaftler arbeiten in Luxemburg an einer Tracking-App, die die Kontakte von Corona-Infizierten nachvollzieht. Christian Vincenot und Stéphane Bordas erklären das Projekt.

Eine Trackingtechnik, die die persönlichen Daten der Nutzer schützt und im Kampf gegen die Verbreitung des Corona-Virus eingesetzt werden kann – daran arbeiten Christian Vincenot, ein Wissenschaftler aus Luxemburg, der in Japan im Bereich der Computermodellierung am Verhalten von Flughunden forscht, und Stéphane Bordas vom Fachbereich Computational mechanics der Universität Luxemburg gemeinsam mit weiteren Partnern. Zu diesem Zweck haben sie vor Kurzem das Start-up Ariana Tech gegründet.  

Christian Vincenot, Stéphane Bordas, Sie sind Mitbegründer von Ariana Tech. Um was geht es bei diesem Start-up?

Christian Vincenot: Wir haben ein Trackingsystem programmiert, das es uns erlaubt nachzuvollziehen, wenn sich zwei Nutzer begegnen.

Die Anwendung, die Christian Vincenot und Stéphane Bordas gemeinsam mit ihren Projektpartnern im Start-up Ariana Tech entwickeln, soll nicht nur nachvollziehen können, mit wem eine Person in Kontakt war – geplant ist auch, in Zusammenarbeit mit dem Luxembourg Institute of Health, beispielsweise den Herzschlag, die Temperatur oder die Atemkapazität zu messen.
Die Anwendung, die Christian Vincenot und Stéphane Bordas gemeinsam mit ihren Projektpartnern im Start-up Ariana Tech entwickeln, soll nicht nur nachvollziehen können, mit wem eine Person in Kontakt war – geplant ist auch, in Zusammenarbeit mit dem Luxembourg Institute of Health, beispielsweise den Herzschlag, die Temperatur oder die Atemkapazität zu messen.
Grafik: Ariana Tech

Wie funktioniert das System?

Vincenot: Ein Teil dient der Kommunikation zwischen den Nutzern und den Verantwortlichen der Regierung. Dann liefert die App auch eine Art Screening, man kann die Lungenkapazität oder den Herzschlag messen. Und dann haben wir das Tracking. Das funktioniert über Bluetooth. Wenn zwei Bluetoothtelefone, auf denen die App installiert ist, sich nähern, tauschen sie anonyme Identifikationsmerkmale aus. Es handelt sich dabei um Daten, die nicht auf die Person schließen lassen. Diese werden auf dem Telefon gespeichert. Wenn nun eine Person mit dem Corona-Virus infiziert ist, kann sie die Daten an unseren Server schicken, und die Verantwortlichen wissen, mit wem sie in Kontakt war.

Das bedeutet aber, dass die betroffene Person die Daten erst schicken muss?

Vincenot: Man könnte es auch so programmieren, dass die Daten in Echtzeit an die Server geschickt werden. Theoretisch könnte man auch weitere Daten sammeln, das ist technisch möglich. Es ist an den Verantwortlichen zu entscheiden, was sie wollen. Wir bieten als Basiskonzept erst einmal ein komplett anonymisiertes System an, da das auch bei den Nutzern auf die größte Akzeptanz stoßen wird.

Christian Vincenot
Christian Vincenot
Foto: Pierre Matgé

Warum braucht man eine solche Form der Nachverfolgung?

Stéphane Bordas: Wenn eine Person nachweislich infiziert ist, muss die Inspection Sanitaire alle nahestehenden Personen kontaktieren. Nicht nur Freunde und Familie, sondern auch Menschen, die sie auf der Straße getroffen hat. Und da stellt sich die Frage nach dem Wie. Niemand erinnert sich an alle Menschen, die er in den vergangenen fünf Tagen getroffen hat. Und selbst wenn, die Inspection Sanitaire muss dann jeden, der mit der infizierten Person in Kontakt war, anrufen. Das ist bei mehreren hundert Personen eine ziemliche Arbeit. Die App hilft den Verantwortlichen, die Gerätenummern herauszufinden, die in der Nähe des Handys der infizierten Person waren, und diese zu kontaktieren.

Wie sieht es mit Menschen aus, die kein Smartphone besitzen?

Bordas: Wir überlegen gerade noch, was wir tun können. Möglich wäre eine Entwicklung in Richtung der Familienfreigabe, die es auf iOS-Geräten gibt. Die Idee ist, Anwendungen innerhalb einer Familie zu teilen. Wenn eine ältere Person etwa in Kontakt mit medizinischem Personal ist, könnte dieses an ihrer Stelle Zugang zum System haben – oder Kinder oder Enkel.

Wie garantieren Sie den Datenschutz, auch wenn es sich nur um Gerätenummern handelt?

Vincenot: Grundsätzlich befinden sich die Server, die wir nutzen, in Luxemburg. Wir wollen verhindern, dass die Krise privaten Unternehmen oder Regierungen die Möglichkeit zur uneingeschränkten Datensammlung gibt.

Stéphane Bordas
Stéphane Bordas
Foto: Andrew Jeffery

Arbeiten Sie denn bereits für die Regierung?

Vincenot: Noch nicht. Stéphane ist Mitglied der Covid-19-Task-Force in Luxemburg. Wir sind aber mit der Regierung im Gespräch.

Was unterscheidet Ihre App von anderen dieser Art?

Vincenot: Wir arbeiten seit zwei Monaten an der Entwicklung. Wir waren also unter den Ersten, auch was die Arbeit mit Bluetooth betrifft. Das erlaubt uns, anonym zu bleiben und keine geografischen Daten zu sammeln. Viele andere Länder nutzen Geolokalisierung, etwa über GPS. Unser Projekt ist auch Teil der europäischen Initiative PEPP-PT (Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing, Anm. d. Red.), bei der es um die Sicherheit persönlicher Daten geht. Außerdem könnten wir theoretisch auch Daten aus anderen Ländern sammeln. Wenn jemand aus Deutschland in Luxemburg arbeitet, sich dort infiziert und wieder zurück nach Deutschland fährt, können wir auch unter den Ländern Daten austauschen.

Bordas: Was wir für das Corona-Virus entwickelt haben, ist auch für eine ganze Reihe anderer Probleme anwendbar. Wir sind flexibel und können uns an die Bedürfnisse von Regierung und Bevölkerung anpassen. Und wir können uns auch mit anderen Bluetoothgeräten verbinden, etwa Fitnessarmbändern.

Wann könnte das System in den Betrieb gehen?

Vincenot: Wir können die App natürlich nicht morgen schon starten. Das ist nichts, was man eben mal so macht, denn auch wenn wir keine Geodaten sammeln und alles anonym ist, ist es doch ein großer Schritt. Und dafür braucht es den Willen der Politik. Letztendlich spielt natürlich auch das Budget eine Rolle. Die Regierung muss sich entscheiden, was sie möchte. Und sie muss es schnell tun.


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Was soll nach der Pandemie mit dem System passieren?

Bordas: Die Methoden, die wir nutzen, sind jetzt gerade angepasst auf die Verbreitung eines Virus, aber man könnte sie in allen Bereichen der individuellen Sicherheit einsetzen. Corona ist für uns ein Test für unser Konzept.

Vincenot: Die App könnte in verschiedenen Krisensituationen genutzt werden. Bei Epidemien, aber auch in anderen Situationen. Wir möchten, dass sie auf lange Sicht ein Werkzeug des Krisenmanagements wird. Man könnte sie etwa auch bei einem Atomreaktorunfall nutzen oder bei einem Erdbeben. Man wüsste dann, wo sich die Leute befinden, mit wem sie interagieren. Und man könnte ihnen Informationen liefern, etwa damit sie wissen, wo sie sich versammeln sollen. Nach Katastrophen fühlen sich die Leute oft alleine gelassen. Deshalb braucht man ein Medium, um mit ihnen zu sprechen. 

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