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Conchita Wurst: „Ich wollte doch immer glamourös sein“
Panorama 2 5 Min. 01.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Conchita Wurst: „Ich wollte doch immer glamourös sein“

Conchita oder Wurst: Der österreichische Künstler tritt unter verschiedenen Namen auf.

Conchita Wurst: „Ich wollte doch immer glamourös sein“

Conchita oder Wurst: Der österreichische Künstler tritt unter verschiedenen Namen auf.
Foto: Philipp Hedemann
Panorama 2 5 Min. 01.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Conchita Wurst: „Ich wollte doch immer glamourös sein“

Der österreichische Drag-Star spricht im Interview über die Stonewall Riots, die politische Situation in seinem Heimatland und seinen Künstlernamen.

Interview: Philipp Hedemann  

New York im Ausnahmezustand: Mehrere Millionen Menschen feierten am Wochenende die größte Gay Pride-Parade aller Zeiten. Unter ihnen war auch Conchita Wurst. Der schwule österreichische Sänger, der mit bürgerlichem Namen Thomas Neuwirth (30) heißt, gewann 2014 als bärtige Diva den Eurovision Song Contest und ist seitdem eine Ikone der internationalen LGBT-Gemeinschaft (Lesbian, Gay, Bisexuell und Transgender). Das „Luxemburger Wort“ traf den Künstler im Big Apple.

Conchita Wurst, warum sind Sie zum 50. Jubiläum der Stonewall-Proteste nach New York gereist?

Um den Männern und Frauen, die vor 50 Jahren mutig und unter großer Gefahr für ihre und die Rechte aller nachfolgenden Generationen gekämpft haben, meinen Respekt zu zollen. Für mich ist es eine riesige Ehre, dass ich eingeladen worden bin, um an einem historischen Moment an einem historischen Ort, dem Stonewall Inn, sprechen zu dürfen. Ich freue mich wahnsinnig, bin aber auch ein bisschen nervös.


ARCHIV - 23.05.2015, Österreich, Wien: Conchita Wurst tritt im Finale des 60.  Eurovision Song Contest (ESC) in der Stadthalle auf. Neuwirth hat sich von seiner Kunstfigur verabschiedet und mit dem Musikprojekt Wurst neuerfunden. (zu dpa "Vom Pop-Chamäleon bis zu Conchita - Wenn sich Musiker neu erfinden") Foto: Georg Hochmuth/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Musiker und ihr Spiel mit Veränderungen
Aus Conchita Wurst wird Tom Neuwirth – und auch viele andere Stars wechseln mit den Jahren immer wieder ihr Image.

Sie wurden rund 20 Jahre nach den Ausschreitungen geboren. Welche Bedeutung hat dieses historische Ereignis für Sie?

Meine Generation hat das Glück, in eine Welt hineingeboren zu sein, in der mit schwulen und lesbischen Menschen mit mehr Selbstverständlichkeit umgegangen wird. Zumindest in einigen Teilen der Welt. Auf mich geht niemand mit Schlagstöcken los, so wie damals die Polizisten auf die Teilnehmer der Stonewall Riots. Das verdanken wir auch den Menschen, die dafür vor 50 Jahren im Stonewall gekämpft haben. Wir wüssten nicht, wie unsere Welt aussähe, hätte es die Riots nicht gegeben.

Hätten Sie damals bei den Protesten mitgemacht?

Meine Eltern haben mir beigebracht, dass Respekt vor anderen Menschen und vor dir selbst unglaublich wichtig ist. Ich bin ein Mensch, der für Gerechtigkeit einsteht. Deshalb denke ich, dass ich dabei gewesen wäre.

Ist Gewalt legitim, um die Rechte unterdrückter Menschen einzufordern?

Gewalt ist wahrscheinlich nie legitim. Aber damals kam es wohl auch zur Gewalt, weil viele der Protestierenden nichts zu verlieren hatten und entsprechend frustriert waren. Ich bin froh, dass ich in einem Mitteleuropa lebe, in dem man verstanden hat, dass Gewalt keine Lösung ist.

50 Jahre später feiern Millionen Besucher die größte Gay Pride aller Zeiten. Sind solche Events überhaupt noch notwendig?

Es wäre schön, wenn wir diese Form der Demonstrationen nicht mehr bräuchten oder es bei den Pride Events ausschließlich darum ginge, das Leben zu feiern. In Städten wie New York ist der örtliche Bedarf wahrscheinlich nicht so dringend. Aber solche Veranstaltungen strahlen auch in Regionen der Welt aus, in denen eine Pride nicht denkbar wäre und in denen die Mitglieder der LGBT-Community leider immer noch damit rechnen müssen, dass sie den Tag nicht überleben. Diesen Menschen machen diese Events Mut. Sie werden so inspiriert und gestärkt. Es ist an Zeichen an die Welt: Wir sind viele!

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Warum macht Andersartigkeit immer noch vielen Angst?

Ich habe keine Ahnung. Als Kids sind wir furchtlos, authentisch, unvoreingenommen und interessiert und haben keine Angst vor dem Fremden und Anderen. Angst wird uns auch antrainiert. Natürlich können wir nicht für immer Kinder bleiben. Aber wir sollten uns dem Fremden aussetzen und neugierig bleiben. Dann kann man immer noch entscheiden, ob man etwas cool findet oder nicht. Und wenn man es nicht cool findet, ist es auch egal. Aber man darf niemals so weit gehen, jemanden wegen seiner Andersartigkeit zu diskriminieren oder ihm gar das Leben zu nehmen.

Als Sie vor fünf Jahren den Eurovision Song Contest gewannen, sagten sie: „We are unstoppable!“ Hat sich Ihre Prognose bestätigt?

Ja, denn durch meinen Auftritt wurden Menschen in aller Welt dazu motiviert und inspiriert, ihr Leben in die Hand zu nehmen und für sich einzustehen. Ich habe ihnen gezeigt: Man kann wirklich so sein, wie man sein möchte. Ich bin ein hoffnungslos positiv denkender Mensch. Ich weiß: Alles wird gut!

Auch die politische Entwicklung in Österreich?

Ich habe keine Zeit, mir Sorgen zu machen. Das ist destruktiv und bringt mich nicht weiter. Abgesehen davon glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Die, die nach Ibiza geflogen sind, demontieren sich doch selbst. Korruption bleibt eben selten unentdeckt. Wenn es deinem Ideal entspricht, dich selbst zu bereichern und andere klein zu machen, geht es selten gut aus. Auch in Österreich geht die Bewegung unserer Gesellschaft in Richtung Individualismus und Respekt. Unser Präsident hat bei der Euro-Pride gesprochen. Was für ein Zeichen! Er war das erste Staatsoberhaupt überhaupt, das bei einer solchen Veranstaltung gesprochen hat.

Mittlerweile machen Sie auch elektronische Musik. Warum?

Seit ich denken konnte, wollte ich Céline Dion sein – und ich hatte meinen Céline-Dion-Moment. Aber wenn ich etwas erledigt habe, muss ich etwas Neues machen und mich weiterentwickeln. Meine neue Musik beinhaltet die Aufforderung, sein Leben zu 100 Prozent so zu leben, wie man es gerne hätte. Ich höre viel avantgardistische und elek-tronische Musik, und ich dachte mir: Hey; warum mache ich nicht, die Musik, die ich auch höre? Früher war ich nur Interpret und habe mir schöne Pop-Nummern ausgesucht. Jetzt stelle ich mich selbst in den Mittelpunkt und nicht das, was man gerne von mir hätte. Wenn man bei mir Wünsche äußert, werde ich meistens trotzig.

Wenn man als Künstler nicht, auf die Wünsche seiner Fans eingeht, könnten die Verkaufszahlen einbrechen. Gehen Sie das Risiko ein?

Ja, aber was ist das Schlimmste, was mir passieren kann? Wenn ich keine Kohle mehr habe, muss ich notfalls zu meinen Eltern zurückziehen. Naja – dann soll die Mama kochen. (lacht) Ich bin da sehr entspannt. Aber ich bin natürlich froh, dass meine neue Musik angenommen wird. So oder so: Ich muss das tun, was mich glücklich macht. Egal, ob das zu Erfolg oder Misserfolg führt.

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Gibt es Conchita Wurst überhaupt noch? Oder gibt es nur noch Conchita, die bärtige Diva, und Wurst, den schwulen Mann?

Irgendwann dachte ich: Ich bin nicht mehr Conchita Wurst. Ich brauche einen neuen Namen. Jahrelang habe ich versucht, den Nachnamen Wurst abzulegen, weil ich ihn nicht mehr schön fand. Er ist so brachial, und ich wollte doch immer glamourös sein. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, dann kann ich auch sehr unglamourös sein. Ich habe jetzt gelernt, mich zur Gänze so zu akzeptieren wie ich bin und mich so zu feiern. Darum trage ich jetzt manchmal Abendkleid und manchmal habe ich so wenig an, dass ich in einem Schaufenster im Amsterdamer Rotlichtviertel tanzen könnte. Das liebe ich! Ich habe keine Regeln mehr. Conchita ist die Präsidentengattin und Wurst ist Berghain (ein angesagter Club in Berlin, Anm. d. Red.) – auch wenn ich erst 20 Minuten in meinem Leben im Berghain war.

Und wie soll man Sie zukünftig ansprechen?

Tom, Conchita, Wurst – mir doch wurscht. Alles ist erlaubt. 


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