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Claudia Moulin-Galli: „Singen ist nicht mehr mein Leben“
Claudia Moulin-Galli kämpft vor Auftritten mit großem Lampenfieber. Das wird bei ihrem Auftritt in der Philharmonie vermutlich nicht anders sein.

Claudia Moulin-Galli: „Singen ist nicht mehr mein Leben“

Foto: Chris Karaba
Claudia Moulin-Galli kämpft vor Auftritten mit großem Lampenfieber. Das wird bei ihrem Auftritt in der Philharmonie vermutlich nicht anders sein.
Panorama 1 7 Min. 22.06.2018

Claudia Moulin-Galli: „Singen ist nicht mehr mein Leben“

Eigentlich wollte Claudia Moulin-Galli Ärztin werden – bis sie merkte, dass sie beim Anblick von Blut ohnmächtig wird. Dass sie nun als Sopranistin Karriere macht, hätte sich die 34-jährige selbst am wenigsten ausgemalt.

Frau Moulin, Sie treten Ende Juni bei der offiziellen Zeremonie zum Nationalfeiertag auf – kein alltägliches Event. Inwiefern unterscheidet es sich von Ihren üblichen Engagements?

Die Veranstalter haben mir gesagt, ich dürfte singen, was ich will – vorausgesetzt, es ist genau vier Minuten lang. Die Arien in meinem Repertoire dauern jedoch alle acht bis 15 Minuten. Da musste ich erst eine ganze Weile suchen, um etwas Passendes zu finden. Dabei bin ich eher durch Zufall auf eine Arie aus Puccinis „Suor Angelica“ gestoßen. Ich habe sie eigentlich nur einmal zum Aufwärmen gesungen, doch da meinte mein Mann: „Du singst das so cool, nimm doch das!“ „Du spinnst“, habe ich gesagt – um es nett zu formulieren – und erst einmal weitergesucht.

Warum haben Sie gezögert?

Normalerweise singe ich dramatische Koloratur, Stücke mit Vokalisen und Höhen, etwa die Konstanze aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Das hier ist viel getragener und tiefer. Ich war mir nicht sicher, ob ich damit kein zu hohes Risiko eingehe. Aber ich singe es gut genug, um mich nicht schämen zu müssen. (lacht) Sonst hätte mein Mann mich mit Sicherheit davon abgehalten.

Sie haben Ihren Mann, den Pianisten Grégory Moulin, 2007 in der Opéra National de Paris kennengelernt. War es Liebe auf den ersten Blick?

Nein, er war mein bester Freund und wir haben uns verliebt, ohne es zu merken.

Beim ersten Mal, als Sie mit ihm zusammengearbeitet haben, haben Sie gleich die Krallen ausgefahren und ihm gesagt, er solle nicht mit Ihnen über Singtechniken diskutieren. Einige Männer hätte das sicherlich eingeschüchtert …

Ich glaube, die meisten wären beleidigt gewesen. Als Sänger braucht man ja auch Feedback, da man sich selbst nicht richtig hört. Aber oft finden wir uns in der Position wieder, dass uns jeder reinreden will, bis man irgendwann nicht mehr weiß, was man selbst will. Mein Mann versteht das. Deswegen hat er damals gesagt: „Wir spielen einfach und wenn du meine Meinung wissen willst, teile ich sie dir mit.“

Wie schwierig ist es, mit jemandem beruflich zusammenzuarbeiten, mit dem man auch Tisch und Bett teilt?

Es ist nicht immer einfach. Privat sind wir zwar noch nie im Streit ins Bett gegangen, aber in den letzten zehn Jahren gab es Phasen, in denen wir auf Distanz gehen mussten, damit ich mich wieder finden konnte. Nachdem ich vor acht Jahren meine Tochter zur Welt gebracht hatte, war ich lange Zeit stimmlich verloren: Ich wusste nicht mehr, wie ich singen soll. Alle meine Reflexe waren weg. Ich habe mir eine neue Technik aneignen müssen, was sehr stressig war. Vor allem, weil ich in dieser Zeit auch Konzerte geben musste und alles nicht so gut klang. Doch wenn Grégory merkt, dass ich als Sängerin nicht die Führung übernehme, dann übernimmt er sie. Ich war damals aber nicht bereit, ihm zu folgen, weil ich mich technisch umstellen musste. Da hat’s dann schonmal geknallt zwischen uns.

Die deutsche Sopranistin Simone Kermes hat einmal behauptet, Opernsängerinnen seien immerzu mit ihrer Stimme, ihrem Gesang und ihren Auftritten beschäftigt. Inwiefern trifft das auf Sie zu?

Es war tatsächlich so, bis letztes Jahr etwas passiert ist, woraufhin ich beschlossen habe, alles nur halb so wild zu sehen. Singen ist nicht mehr mein Leben. Es ist das, was ich tue – und das wirklich gern –, aber es definiert mich nicht als Person. Natürlich bin ich Sängerin. Aber ich bin auch Mutter und Frau, ich gärtnere gerne, pflanze Blumen und Kartoffeln an, ich habe Freunde und meine Familie. Das ist mir wichtiger, als mich total in meiner Sängerinnenwelt einzusperren. Denn es ist ein Leben, das grundsätzlich sehr einsam ist.

Inwiefern?

Man ist nicht nur ständig unterwegs, sondern es fällt auch immer alles auf einen selbst zurück – selbst wenn es sich nicht um eigene Entscheidungen handelt. Bei allem, was vor einem Auftritt passiert, muss man sich auf andere verlassen – seien es die Anweisungen des Dirigenten, des Regisseurs oder die Outfits des Kostümbildners. Man selbst hat da kaum Handlungsspielraum. Aber wenn eine Kritik kommt, war man – oft auf Basis dessen – entweder super genial oder total scheiße. Und während einer Aufführung passieren auch manchmal blöde Dinge, die man nicht beeinflussen kann.

Zum Beispiel?

Irgendetwas fällt hinter der Bühne um oder ein Sänger, der auf die Bühne kommen soll, taucht einfach nicht auf. Ich stand irgendwann drei Minuten lang auf der Bühne und habe improvisiert. Oder ein Kollege überspringt versehentlich drei Seiten. Oder man verschluckt sich zu Beginn einer Arie. Das können und sollen die Zuschauer nicht wissen. Aber das Resultat ist natürlich nicht optimal. Dabei arbeite ich monatelang an Konzerten – und das kann dann von sowas Kleinem total zerstört werden. Das hat bei mir schließlich so viel Druck aufgebaut, dass ich letztes Jahr entschieden habe, dass ich das nicht mehr will. Ich will glücklich sein. Ich bin nicht die Sängerin Claudia, sondern ich bin Claudia und ich singe.

Statt von Opernsängerinnen spricht man oft von Operndiven. Woher, glauben Sie, kommt das?

Als Sängerin hat man, wie gesagt, kaum Freiheiten. Wochenlang wird einem gesagt, wie man was zu tun hat. Da muss man ständig verhandeln, wenn man sich treu bleiben will. Das führt manchmal zu wochenlangen Diskussionen, bei denen man auf seinen Prinzipien beharrt. Und dann sagt jeder: „Ach, das ist so 'ne Diva!“ Hinzu kommen die fordernden Arbeitszeiten und der Umstand, dass man kaum zuhause ist. Man hat nie seine Ruhe, lebt aus dem Koffer, sucht permanent irgendetwas und muss zwischendurch immer noch schnell etwas bügeln. Bei all dieser Unausgeglichenheit verstehe ich schon, dass Sänger, die sich einen Namen gemacht haben und deshalb nicht mehr so einfach gefeuert werden können, darauf bestehen, dass die eigenen Wünsche berücksichtigt werden.

Die Figuren, die Sie verkörpern, legen oft hochdramatische Allüren an den Tag. Inwiefern können Sie sich in diese Charaktere hineinfühlen?

Als ich noch bei Opernproduktionen mitgewirkt habe, habe ich immer mit aller Macht versucht, in die Rollen hineinzuschlüpfen. Aber nachdem ich nur noch Konzerte gebe, hat sich meine ganze Gesangsphilosophie verändert. Ich habe keine Lust mehr, mich selbst in einer Rolle zu vergessen. So extrem übertrieben emotionale Dinge erlebt sowieso kaum einer. Deshalb versuche ich nun herauszufinden, was ich spüre und wie ich das ohne viel Pathos rüberbringen kann. Das Lied, das ich in der Philharmonie singe, handelt von einer Frau, die in ein Kloster eintritt, nachdem sie ein uneheliches Kind geboren und abgegeben hat. Vor der Arie hat die Figur erfahren, dass ihr Kind gestorben ist. Zum Glück habe ich selbst nichts Derartiges erlebt – sonst könnte ich das vermutlich gar nicht singen. Aber ich habe mich gefragt, welche Assoziationen das in mir weckt. Beim Singen muss ich nun immer an das Foto von dem toten Flüchtlingskind am Strand denken, das 2015 durch die Presse ging. Ich singe das Lied in dem Moment für alle, die von einem ähnlichen Schicksal betroffen sind.

Wann haben Sie eigentlich zum ersten Mal bemerkt, dass Sie ein besonderes Talent haben?

Meine Schwester und ich haben immer beim Spielen Gesangswettbewerbe veranstaltet. Da mussten wir Lieder erfinden und vortragen. Meistens hat sie gewonnen, weil sie die Ältere war und ich nichts zu sagen hatte.

Das wäre heute wahrscheinlich anders …

Nicht, wenn sie in der Jury sitzen würde. (lacht) Als ich dann mit sechs beim Viezfest in Mersch an einem Gesangswettbewerb teilnahm, hat sie mir einen Minirock mit weißer Strumpfhose und Hosenträgern verpasst, mir rosa Bäckchen gemalt und gemeint, ich müsse natürlich auch eine Choreografie präsentieren. Ich hatte absolut keine Hemmungen, das alles so umzusetzen und bin tatsächlich auf dem ersten Platz gelandet. Dass sich das die kommenden Jahre wiederholt hat, war für mich irgendwie normal.

Das deutete vielleicht auf eine Karriere als Popstar, aber nicht unbedingt als Opernsängerin hin …

Ein Opernfan war ich tatsächlich nicht. Bis ich mit 17 zu Mariette Kemmer in den Gesangsunterricht kam. Für mich bedeutete Oper bis dahin: dicke Frauen, die auf der Bühne ganz laut schreien. Sie wollte wissen, ob ich die Mimi aus „La Bohème“ singen möchte – doch ich hatte keinen Schimmer, wie das klingt. Als sie mir die betreffende Arie vortrug, musste ich total heulen und dachte: „Das will ich machen.“


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