„Chercheurs à l’école“ : Ansporn zu Neugier
von Sammy Stauch
Gegen Ende seines Geologiestudiums träumt Jean-Frank Wagner von der Teilnahme an einer Expedition mit einem Forschungsschiff: Meeresböden will er untersuchen, denn das Thema steckt noch in den Kinderschuhen – genauso wie das Thema Forschung in Luxemburg.
Dementsprechend gibt es – Anfang der 1980er-Jahre – kaum staatliche Budgets für die Befriedigung wissenschaftlicher Neugier. Und keine finanzielle Unterstützung, die für die Expeditionsteilnahme notwendig wäre.
Zwar entstand 1999 der „Fonds national de la recherche Luxembourg“ (FNR) und aus dem „Centre universitaire de Luxembourg“ ging 2003 die Universität hervor. Umfragen kurz nach der Jahrtausendwende zeigten jedoch: Kaum jemand in Luxemburg konnte sich unter dem Begriff Forschung etwas Konkretes vorstellen.
Vielleicht auch mithilfe des Programms „Chercheurs à l’école“ dürfte sich das geändert haben. Seit es 2010 vom FNR ins Leben gerufen wurde, besuchen alljährlich Dutzende Luxemburger Wissenschaftler Schulen, um dort ihre Arbeit vorzustellen. Darunter auch jener Geologe, der zwar nicht auf „sein“ Schiff als Wissenschaftler, aber dennoch um die Welt kam und heute Professor an der Universität Trier ist. Als Präsident des Wissenschaftsrats des FNR bis 2010 war Wagner Mitinitiator des Schulprogramms.
Seine Interessen finden
Und so stand Jean-Frank Wagner diese Woche engagiert vor der 2e des Lycée Robert Schuman: Er erzählte von seiner Orientierungslosigkeit vor dem Studium und von einem Geologiebuch, das ihm zufällig in die Hände fiel und sein Leben verändern sollte.
Und schließlich von seinem Praktikum in einer Goldmine in Südafrika. „Schaut links und rechts und lotet aus, wo eure Interessen sind“, erklärte er den Schülern. Auf diese Weise sei man in der Lage, später unterschiedliche Dinge miteinander zu kombinieren, nur so könne Neues entstehen.
Augenzwinkernd stellte er fest: Auch in durchschnittlichen Schülern – wie er selbst einer gewesen sei – steckten erfolgreiche Forscher. Entscheidend sei die Neugier. Leises Lachen. Teilweise Erleichterung?
Reisen im Mittelalter
Neugierig auch: Fabienne Meiers. Als Doktorandin an der Universität Luxemburg untersucht sie die Mobilität im Mittelalter. Wie reiste man? Wie funktionierte Kommunikation über große Entfernungen? Dazu wertet sie unter anderem alte Luxemburger Rechnungsbücher aus, die auf Frühhochdeutsch auch Auskünfte über Heurationen für Pferde geben.
Anschaulich holte sie die Welt des Mittelalters in die Gegenwart, indem sie die Schüler statistische Durchschnittsgeschwindigkeiten verschiedener Verkehrsmittel von einst und heute schätzen ließ. Während ein Flugzeug heute rund 850 Kilometer in der Stunde zurücklegt, schaffte damals eine Pferdekutsche kaum mehr als fünf – aus Mangel an befestigten Wegen, erklärte sie. „Eine Brieftaube war mit einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern die SMS des Mittelalters.“
Diese Woche wurde deutlich: „Chercheurs à l’école“ ist weniger Studienorientierung als vielmehr Ansporn, wissensdurstig zu bleiben. Auf die Frage Wagners, was man sich vom späteren Beruf erhoffe, kamen als erste Antworten – wohl zu Recht – „Verdienst“ und „Stabilität“. Doch interessierte zum Beispiel Nicki Lammar die Psyche des Menschen. Er könnte sich vorstellen, Träume zu erforschen. Fiona Lenert hingegen tendiert zum Businessmanagement.
Ob Menschen früher anders auf Werbung reagierten als heute – das wäre für sie spannend zu erfahren. Ob es dazu kommt? Die „Chercheurs à l’école“ machten in der Tat neugierig: Die Zeit, so die Schüler, sei zu schnell vorübergegangen.