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Bunt wie Bonbons: Bilder aus Pjöngjang
Quietschbunt, aber nicht authentisch: Pjöngjang in den Fotos von Oliver Wainwright.

Bunt wie Bonbons: Bilder aus Pjöngjang

Taschen Verlag/dpa
Quietschbunt, aber nicht authentisch: Pjöngjang in den Fotos von Oliver Wainwright.
Panorama 3 3 Min. 04.07.2018

Bunt wie Bonbons: Bilder aus Pjöngjang

Einschüchternde Monumentalbauten und pastellfarbene Hochhäuser. Ein Bildband gibt überraschende Einblicke in die Architektur von Pjöngjang.

(dpa) - Grau, trist, ärmlich, so stellen sich die meisten von uns Nordkorea vor. Für weite Teile des Landes ist das sicher auch traurige Realität. Dorthin kommt aber eh kaum ein Fremder. Die Hauptstadt Pjöngjang dagegen öffnet sich bisweilen ausgewählten Touristengruppen und die machen dann eine erstaunliche Entdeckung. Die Stadt mit ihren sanft in die hügelige Landschaft eingestreuten Hochhäusern wirkt alles andere als grau, sie ist vielmehr kitschig bunt. „Es sieht aus, als hätte jemand eine Tüte Bonbons über der Stadt ausgestreut, lauter bunte Drops, in die durchscheinende Raumschiffe aus Gelee gemischt wurden“, schreibt der britische Journalist Oliver Wainwright in seinem Fotobuch „Inside North Korea“, das jetzt im Taschen Verlag erschienen ist und ungewöhnliche Einblicke in Stadtarchitektur Pjöngjangs erlaubt.


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Wainwright, Architekturkritiker beim „Guardian“, verbrachte 2015 eine Woche in Pjöngjang, natürlich mit einer organisierten Tour, in dem Fall eines chinesischen Reiseveranstalters. Solche Touren werden von hinten bis vorne strikt begleitet. Der Reisende bekommt nur das zu sehen, was der diktatorische Staat zu sehen erlaubt. Es ist also vor allem viel Propaganda dabei. Blicke in den Lebensalltag der Nordkoreaner sind tabu. Das wird auch sofort deutlich, wenn man dieses Buch durchblättert. Zu sehen ist vor allem viel Monumentalarchitektur: Theater, Museen, Sportstätten, riesige Wohnblöcke und natürlich immer wieder propagandistische Denkmäler mit den kommunistischen „Heroen“ Kim Il Sung und Kim Jong Il, Großvater und Vater des heutigen Diktators Kim Jong Un.

Normale Menschen nur als Randfiguren

Normale Menschen sind in diesen Inszenierungen und monumentalen Einschüchterungen nur Randfiguren, ein bisschen folkloristische Dekoration, etwa als puppenhafte Ballett-Tänzerinnen oder stramm marschierende Soldaten. Wegen dieser eingeschränkten Sicht kann man diesen Band nur als Architekturbuch lesen. Hier allerdings hält er spannende Erkenntnisse bereit. So ist Pjöngjang nicht nur eine bunte, sondern auch eine theatralische Stadt, die auf maximale räumliche Wirkung angelegt ist mit ihren achsenförmig konzipierten Boulevards, die den Blick auf imposante Bauwerke öffnen.

Nach der kompletten Zerstörung im Zweiten Weltkrieg sollte Pjöngjang nach dem Willen von Kim Il Sung als „großer Garten der Juch’e-Architektur“ wiedererstehen. Juch’e versteht sich dabei als eigenständige koreanische Spielart des Marxismus-Leninismus. Beides - der Rückgriff auf autarke koreanische Elemente und der geplante Gartenstadtcharakter - lässt sich heute noch am Stadtbild erkennen.


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Unseren Erwartungen von realsozialistischer Gigantomanie entsprechen die riesigen Wohnblöcke, die sich über vier Kilometer an einer sechsspurigen Schnellstraße entlangziehen. Diese anlässlich der Weltjugendspiele 1989 gebauten Riegel stapeln 25.000 Wohnungen übereinander, mit denen Beamte der Parteielite belohnt wurden. Auch Berufsstände wie Wissenschaftler, Lehrer oder Forscher konzentrieren sich in je eigenen Wohntürmen. Ebenfalls für die damaligen Weltjugendfestspiele wurden expressive Gebäude errichtet wie die Wettkampfhalle fürs Gewichtheben in Form von Hanteln oder die Badmintonhalle, deren Dach der Flugbahn eines Federballs nachempfunden ist.

"Bonbonfarbene Fata Morgana"

Seit der Machtübernahme von Kim Jong Un hat in Pjöngjang eine rege Bautätigkeit eingesetzt. Überall ragen Kräne in den Himmel. In einem Architekturbüro sieht Wainwright Designer und Architekten über die Entwürfe der Zukunft gebeugt. Auch hier dominieren wieder zartbunte Farbtöne, „eine Symphonie aus pastellfarbenem Konfekt, das mit einem Zuckerguss aus üppigen Plastikzierleisten und futuristisch anmutenden Details überzogen ist“. 

Erst beim Verlassen Pjöngjangs wird dem Autor klar, dass das „Image von vergnügter Prosperität“, das die Hauptstadt auszustrahlen versucht, ein Fake ist, „eine Blase für die wenigen Privilegierten“. Draußen auf dem Land zeigt sich ihm das wahre Nordkorea: Verrostete Fabriken, baufällige Häuser, zerlumpte Kinder. Pjöngjang war nur eine „bonbonfarbene Fata Morgana“.


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