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Boris Becker: Demontage einer Ikone
Boris Becker hat in seiner Laufbahn als Tennisprofi rund 25 Millionen US-Dollar an Preisgeldern erhalten. Sein aktuelles Jahreseinkommen wird auf rund eine Million Euro geschätzt.

Boris Becker: Demontage einer Ikone

Foto: AFP
Boris Becker hat in seiner Laufbahn als Tennisprofi rund 25 Millionen US-Dollar an Preisgeldern erhalten. Sein aktuelles Jahreseinkommen wird auf rund eine Million Euro geschätzt.
Panorama 5 Min. 17.07.2017

Boris Becker: Demontage einer Ikone

Boris Becker ist wieder einmal an jenem Punkt, an dem er in seiner ersten Karriere auf dem Tennisplatz am besten war. Wenn es keinen Spielraum mehr für Fehler gab, dann biss er sich fest.

von Daniel Germann

Der deutsche Schriftsteller Martin Walser hat einmal geschrieben, er sehe an Beckers Vorderseite die ewig aufgeschürften Knie. Gleichzeitig wolle er nicht ausschließen, dass an seiner Hinterseite Flügel seien. Walser sah in Becker nicht weniger als eine Heiligenfigur. Und genau das war er für ein ganzes Land am Anfang: eine Heiligenfigur.

Als Becker am 7. Juni 1985 im Alter von 17 Jahren zum ersten Mal an der Church Road gewann, war er eine Art Erscheinung, eine Erweckung für ein Land, das Wimbledon zuvor kaum von Wembley hatte unterscheiden können. Einer der ersten Gratulanten war der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Becker wurde empfangen von der englischen Königin, der Papst segnete seinen Schläger.

Immer wieder die Besenkammer

Der 17-jährige Jüngling aus Leimen in der Nähe von Heidelberg war auf einen Schlag der deutsche Sportstar schlechthin. Zusammen mit Steffi Graf machte er aus Deutschland Tennisland. Eine Nation schwang plötzlich das Racket, quer durchs Land schossen Tennishallen aus dem Boden. Die Fernsehsender stritten sich um die Übertragungsrechte der wichtigen Turniere.

Graf war erfolgreicher. Und doch blieb sie in ihrer Reserviertheit für die Deutschen und auch den Rest der Welt immer auch ein wenig unfassbar. Bei Becker war das anders. Er ließ die Nation breitwillig teilnehmen an seinen Erfolgen. Er gewann Wimbledon nach der überraschenden Premiere 1985 noch zwei weitere Male, und Deutschland gewann mit. Er siegte auch bei den US Open und zweimal bei den Australian Open, und Deutschland siegte mit. Er wurde zur Nummer eins, und mit ihm fühlte sich ganz Deutschland auf dem Gipfel.

Und doch blieb die Liebe zu ihm und seine Liebe zur alten Heimat brüchig. Die Deutschen freuten sich an seinen Erfolgen, und gleichzeitig sahen sie sich in ihm so, wie sie nicht mehr gesehen werden wollten: laut, selbstherrlich, ja zuweilen auch arrogant. Beckers Abstieg begann mit dem Tag seines Rücktritts 1999. Statt der Zahl der Asse zählten die Medien nun seine Fehltritte. „Die Zeit“ schrieb vergangene Woche: „Wer den Boulevard schon zum Frühstück einlädt, der darf sich nicht wundern, wenn der abends über die Schnapsgläser schreibt.“

Becker arbeitete wacker mit bei seiner Demontage. Er heiratete und ließ sich wieder scheiden. Er zeugte mit einem russischen Model eine Tochter in der Besenkammer eines Londoner Hotels und berichtigte die entsprechenden Meldungen danach, es sei nicht in einer Besenkammer, sondern in einem Treppenhaus geschehen. Er wurde wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Er veröffentlichte zwei Autobiografien, von denen er zumindest eine hinterher gerne wieder zurückgenommen hätte. Den Tiefpunkt erreichte er, als er sich in einer TV-Show mit einem Witwe-Bolte-Hut mit angeklebten Fliegenklatschen zeigte.

Siegfried, der Drachentöter aus der Nibelungensage, war endgültig gefallen. Selbst langjährige Partner wendeten sich von ihm ab. Becker floh ins englische Exil in den Londoner Vorort Wimbledon, wo seine Legende einst entstanden war. Ausgerechnet die Engländer sahen auch seine andere Seite, die in Deutschland nicht mehr zählte: sein Charisma, mit dem er noch heute jeden Raum zu füllen weiß. Sein Tenniswissen, das ihn auf „BBC“ zum ebenbürtigen Widersacher von John McEnroe werden ließ. Novak Djokovic holte Becker als Berater in sein Team und erlebte mit ihm seine erfolgreichsten drei Jahre auf der Tour.

Doch nun steckt er wieder in einer Sackgasse. Und obwohl Becker diese Situation liebt, scheinen die Vorteile diesmal auf der Seite seiner Gegner zu liegen. Vor kurzem erklärte ein Londoner Gericht ihn für bankrott, weil er ein Millionendarlehen einer Londoner Privatbank nicht zurückgezahlt hat. Dann meldete „Bild“, der staatliche Insolvenzdienst in London habe Becker sämtliche Kreditkarten abgenommen.

Und schließlich doppelte sein ehemaliger Geschäftspartner Hans-Dieter Cleven nach und forderte die Rückzahlung eines Darlehens von 40 Millionen Franken (36 Millionen Euro). Gemäß der „Frankfurter Allgemeinen“ wurde eine entsprechende Klage Clevens vom Kantonsgericht in Zug abgelehnt, weil das entsprechende Darlehen nicht rechtsgültig gekündigt worden sei und somit weiterlaufe. Doch der Betrag bleibt geschuldet.

Beckers Anwälte verurteilten Clevens Vorgehen als „untauglichen Versuch, über öffentlichen Druck eine nicht berechtigte Forderung durchzusetzen“. Becker selber äußert sich nur selten und wenn, dann sibyllinisch. Jüngst twitterte er: „Auf hoher See und vor Gericht bist du in Gottes Hand.“ Dafür prasselt der Hohn in den sozialen Netzwerken umso heftiger auf ihn ein. Einer schlägt ihm vor, die Verwertungsrechte an seinen Schulden doch an die Boulevardmedien zu verkaufen. Ein anderer rät Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihm nun doch auch noch die Kosten für die Wiedervereinigung unterzujubeln – „Merkt der nie“. Und ein Dritter schreibt: Rasanter im Sturzflug als die Umfragewerte der Rechtspopulisten der AfD sei nur noch Beckers Liquidität.

Bereit, zu kämpfen

Becker humpelt unterdessen mit seinen angeschlagenen Hüften über die Anlage des All England Lawn Tennis Club und tut, als wäre nichts. Kürzlich hat er in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt: „Ich habe bis vielleicht vor fünf Jahren versucht, Dinge klarzustellen. Bis ich gemerkt habe: Das ist wie bei Don Quijote und den Windmühlen. Es ergibt keinen Sinn.“ In einem Moment schonungsloser Ehrlichkeit hatte Becker einst auch gesagt: „Als Kind habe ich davon geträumt, Wimbledon zu gewinnen. Aber ich habe nicht davon geträumt, Wimbledon als Kind zu gewinnen.“ In den kurzen zwei Sätzen verdichten sich Segen und Fluch seiner Geschichte.

Früher, auf dem Tennis-Court, pflegte Becker in kritischen Momenten zu jenem Sprung anzusetzen, der als Becker-Rolle in die Tennisgeschichte eingegangen ist und von dem die zerschrammten Knie stammten, die den Schriftsteller Martin Walser so inspiriert haben. Doch ducken hilft jetzt nicht mehr. Der 49-Jährige wird sich der Situation stellen müssen. Noch sucht das Gericht in London einen Termin, um ihn zum Fall zu befragen. Doch die Fragen werden kommen. Sie sind unvermeidlich.

Über dem Eingang zum Centre-Court in Wimbledon steht eine Zeile aus dem Gedicht „If“ des Engländers Rudyard Kipling. Frei übersetzt heißt es dort: „Wenn du dem Triumph und dem Desaster begegnest und beide Blender als Gleiche nimmst.“ Der Erfolg mag Boris Becker geblendet haben. Doch er ist bereit, zu kämpfen. Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er: „Ich werde den letzten Ball spielen.“ Doch nicht immer ist dieser ein Winner.

Artikel aus der „Neue Zürcher Zeitung“, Syndizierungspartner des „Luxemburger Wort“


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